Weihnachten ist das Fest des Schenkens. Darauf hat sich auch eine wachsende Schar von Bettlern in der Innenstadt eingestellt. Aber man muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn man nichts gibt. Auch weil oft kriminelle Strukturen hinter den Bettlern stecken.
Weihnachten ist das Fest des Schenkens. Darauf hat sich auch eine wachsende Schar von Bettlern in der Innenstadt eingestellt. Aber man muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn man nichts gibt. Auch weil oft kriminelle Strukturen hinter den Bettlern stecken.
Stuttgart - Wer kennt die Situation nicht: Man geht die Königstraße entlang. Ein armer Tropf in abgerissenen Klamotten schaut einen nur traurig an. Er sagt nichts. Warum auch? Die Botschaft ist unmissverständlich: Haben Sie nicht ein wenig Kleingeld? Der Arme findet so den direkten Weg ins Gewissen des Reichen.
Keine Einkaufsstraße, kein Kirchenzugang, keine Stadtbahn-Unterführung in der kein Armseliger auftaucht.
Viele gehen mit gesenktem Haupt weiter. Sie bauen Distanz auf und beruhigen ihr Gewissen mit dem stillen Mantra: Betteln ist ja eigentlich verboten . . . wahrscheinlich gehört der Mann einer dieser illegalen Bettlertruppen an . . . der gibt sein Geld doch ohnehin nur für Alkohol aus.
Andere sagen sich vielleicht: Jetzt ist Schluss. Das Elend der Welt ist zu groß für mich. Wenn man sich von allem berühren lässt, wird man ja wahnsinnig. Fast jeden Tag gibt es diese schrecklichen Geschichten, die von Not und Armut diktiert sind. Naturkatastrophen, Kriegsgräuel, schauderhafte Unfälle. Und nicht zu vergessen: Fast immer wird ein Spendenkonto mitgeliefert.
Wo also fängt Mildtätigkeit an, wo hört sie auf? Zumal in der Weihnachtszeit, in der das christliche Programm gilt: Geben ist seliger denn nehmen. Was tun, in einer Zeit, in der die Spende ebenso Konjunktur hat wie das Betteln? In den S-Bahnen ist die Durchsage deutlich. Hier wird vor Bettlern gewarnt. Auch bei Repräsentanten der Kirchen und bei Oberbürgermeister Fritz Kuhn gilt die einfache Regel: Lieber das Geld stecken lassen und an professionelle Hilfsorganisationen spenden.
Hintermänner kassieren Geld ab
Hinzu kommt: Die direkte Art der Zuwendung auf der Straße zementiert die Armut eher. Zudem stecken hinter den Bettlern oft organisierte Banden. Damit bleibt das gesammelte Geld nicht bei den Bettlern, sie müssen es an ihre Hintermänner abgeben.
Gleichwohl verstärken jene Bettler den Eindruck, dass in den Adventswochen mehr Notdürftige als sonst in der Innenstadt sind. Dem widerspricht Hans-Peter Longin, Sachgebietsleiter des Vollzugsdienstes im städtischen Ordnungsamt. „Es sind an Weihnachten nicht mehr Bettler als sonst da. Das ist ein subjektiver Eindruck.“ Richtig sei dagegen, dass es insgesamt mehr geworden sind. Früher seien jene Saison-Bettler, die in der Regel bandenmäßig organisiert sind, weitergezogen. Heute bleiben sie. „Das ist ein neues Phänomen“, sagt Longin. Gemeint sind ebenjene Gruppen, die meistens aus Osteuropa stammen und stark auf den Mitleidsfaktor setzen. Sei es durch körperliche Behinderungen, mit Tieren oder Kindern. Manchmal fahren auch Rollstuhlfahrer mitten in den Weg der Passanten. Dieses „aggressive Betteln“, so Longin, sei verboten. Er nennt auch das Beispiel einer Frau, die kniend in Demutshaltung um eine Gabe bittet.
Es ist ein Geschäft mit dem Gewissen.
In diesen Fällen kennt das Ordnungsamt kein Pardon. Longins Kollegen beschlagnahmen das gesammelte Geld bis auf zwei, drei Euro und sprechen einen Platzverweis aus. Allerdings wirkt das in wenigen Fällen abschreckend. „Die Einnahmen dieser Bettler werden mehrmals am Tag von den Hintermännern abgeschöpft“, berichtet Hans-Peter Longin.
Es sei ein Kampf gegen Windmühlen. Dem eigentlich Problem werden die Ordnungskräfte nicht Herr. „Wir sind personell nicht mehr in der Lage, diese Ordnungswidrigkeiten entsprechend zu verfolgen“, sagt Longin, „leider wurden uns keine neuen Stellen genehmigt.“ Stuttgart dürfte so auch in Zukunft ein gutes Pflaster für Bettler sein. Ganz gleich, ob an Weihnachten oder im Rest des Jahres.