Im zweiten Jahr spielt Florian Lengauer für Stuttgart Surge in der EFL. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Vor drei Jahren war Florian Lengauer noch Kreisliga-Fußballer, mittlerweile spielt er American Football bei Stuttgart Surge in der European League of Football – und hat einen Doktortitel.

Eigentlich war die Situation bereits vorbei. Ein Verteidiger hatte die Flanke per Kopf geklärt, der Ball flog über Florian Lengauer hinweg, war unerreichbar für ihn geworden. Eigentlich. Denn der Fußballer vom TSV Trudering stieg zum Fallrückzieher hoch, traf den Ball perfekt und setzte ihn unhaltbar für den Torwart ins linke Eck. „Von diesen Bällen schieße ich einen rein und die anderen 99 über den Zaun“, sagt Lengauer heute über das Tor, das ihm im Jahr 2019 die Auszeichnung zum Tor des Monats August des Bayerischen Fußballverbands (BFV) brachte.

 

Damals spielte er für den Verein aus dem Münchner Osten in der Kreisliga, heute reist er für Spiele nach Barcelona oder Mailand. Dort steht er allerdings nicht auf dem Fußballfeld, mittlerweile ist Lengauer American Footballer bei Stuttgart Surge in der European League of Football (ELF). Ein steiler Aufstieg, der für den heute 27-Jährigen im Jahr 2021 in einer schwierigen privaten Lebensphase begann.

Sein guter Freund Lorenz Regler, heute Passempfänger bei den Munich Ravens, habe ihn damals überredet, zur Ablenkung am Probetraining der Munich Cowboys teilzunehmen. „Ich habe mich privat für Football interessiert und auch immer mal wieder mit meinen Jungs auf der Wiese Bälle geworfen“, erinnert sich Lengauer. „Aber ich habe nie den Mut gefunden, das mal richtig anzufangen, ich bin immer beim Fußball geblieben.“

Er überzeugte in den Probetrainings in München – so sehr, dass er zu seiner eigenen Überraschung direkt für die erste Mannschaft in der German Football League (GFL) verpflichtet wurde. Das erste Football-Spiel seines Lebens bestritt Florian Lengauer deshalb in der höchsten deutschen Spielklasse, er hat seitdem nie wieder in einer tieferen Liga gespielt. Gleich in der Debütsaison erhielt er die Auszeichnung zum „Rookie of the Year“ – „das war der Lohn für all die Zeit und Arbeit, die ich über das Jahr hinweg investiert habe“, sagt er heute darüber. Denn wer auf solch hohem Niveau in eine solch anspruchsvolle Sportart einsteigt, muss vor allem eines: lernen. Es sei ein bisschen wie in der Schule gewesen, erinnert er sich. „Im ersten Jahr habe ich einfach unser komplettes Playbook auswendig gelernt, aber Stück für Stück versteht man dann auch die Zusammenhänge besser.“

Hinzu kamen private Trainings mit Freunden, um Timing und Abstimmung zu verbessern, außerdem stundenlange Video-Analysen – Lengauer hatte gegenüber den meisten seiner Mitspieler und Gegner Jahre an Erfahrung aufzuholen. Heute sieht er die Spielintelligenz als eine seiner größten Stärken. Angetrieben werde er von einem Ehrgeiz, der sogar auf dem Football-Trikot seine Würdigung erfährt.

Dort steht über der Rückennummer zehn, die auch an einer goldenen Kette um seinen Hals hängt, nicht nur sein Nachname. Im April 2023 hat Lengauer seine Promotion abgeschlossen, trägt deshalb den Schriftzug „Dr. Lengauer“ auf dem Rücken. „Ich selbst wollte das gar nicht unbedingt“, sagt er. „Aber im ersten Spiel war mein Nachname falsch geschrieben und wir mussten das Jersey neu beflocken. Dann hat unser Teammanager den Doktortitel einfach hinzugefügt.“

Lengauer trägt seinen Doktortitel auch auf dem Rücken seines Trikots. //Florian Schuster

Lengauer hat also in den vergangenen fünf Jahren nicht nur ein Tor des Monats im Kreisliga-Fußball geschossen, den Newcomer-Award in der GFL erhalten und den Durchbruch in die beste europäische Football-Liga geschafft. Er hat ganz nebenbei auch noch in Pharmazeutischer Biologie promoviert und arbeitet heute neben dem Sport in einer Apotheke. „Das war eine extrem harte Zeit, aber ich habe mich durchgebissen“, blickt er stolz zurück.

Welche Ziele kann so jemand in seinem Sport noch haben? „Zuallererst wollen wir Meister werden“, sagt der Surge-Footballer Florian Lengauer ohne Umschweife – das verlorene ELF-Finale in der Vorsaison schmerzt immer noch. Nun warten Lengauer und sein Team auf den ersten Gegner in den Play-offs. Nach einem spielfreien Wochenende steht am 8. September ein Play-off-Heimspiel auf der Waldau an – der Gegner wird erst an diesem Wochenende ermittelt. Persönlich denkt er an die Nationalmannschaft: „Zumindest mal bei einem Camp dabei zu sein und zu Deutschlands Football-Elite zu gehören – das wäre ein Traum.“

Florian Lengauer und Stuttgart Surge

Person
Florian Lengauer wurde am 25. Januar 1997 in München geboren. Zum Football kam er im Jahr 2021, in seiner ersten Saison in der German Football League (GFL) bei den Munich Ravens wurde er gleich zum Rookie des Jahres gewählt. 2023 wechselte der Wide Receiver nach Stuttgart.

Surge
Nach zehn Spielen in der European League of Football (ELF) stehen die Stuttgarter Footballer an der Spitze der Central Conference. Die Regular Season läuft noch bis zum 24. August. Weiter geht es mit den Playoffs, das Championship Game steigt am 22. September in Gelsenkirchen.