Rollstuhlfahrer deckt Schwierigkeiten beim Stadtbahneinstieg auf

Von Martin Haar

Stuttgart. Die Fahrten mit Bus und Bahn der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) sollen für behinderte Menschen möglichst reibungslos ablaufen. Dafür investieren die SSB eine Menge Geld und werden sogar von hoher Stelle dafür gelobt. "Die SSB sind im Bereich Barrierefreiheit viel besser aufgestellt als viele andere Verkehrsbetriebe in Deutschland", sagt Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer.

Guntram Schäfer und sein SSB-Kollege Peter Krauß hören das gern. Es gehört zu ihrem Selbstverständnis in Sachen Barrierefreiheit, "immer ein bisschen mehr zu tun, als gesetzlich vorgeschrieben ist." Das Ziel der beiden lautet: behinderten Menschen das mobile Leben in Stuttgart leichter zu machen.

Für Georg Mayer (76), Rentner aus Plieningen, sind das Sätze für einen Hochglanzprospekt. Fein gedrechselte Worthülsen, die der Realität eines Menschen im Rollstuhl nicht immer gerecht werden. Reibungsloses Fortkommen mit der Stadtbahn ist aus seiner Sicht ein "Wunschtraum". "Lediglich mit den Bussen habe ich fast keine Probleme", sagt er und lädt uns zu einer Testfahrt durch Stuttgart ein.

Georg Mayer ist seit zwei Jahren auf seinen Rollstuhl mit Elektromotor angewiesen. Eine extreme Wirbelsäulenverkrümmung löste eine Lähmung der Beine aus. "Seit dieser Zeit musste ich einiges dazulernen", sagt er und lässt ahnen: Er tut sich schwer mit dieser Situation. Der Verlust seiner Selbstständigkeit schmerzt ihn. Noch vor kurzer Zeit ist der gelernte Buchbinder mit seinem 125-Kubik-Roller flott durch die Stadt gefahren, jetzt ist alles mühsam. Ein Leben in engen Grenzen. Mit glänzenden Augen erinnert er sich an seine Tagesausflüge mit der Eisenbahn durchs ganze Land. Spontan war er, unternehmungslustig. Vorbei. Jetzt geht alles langsam. Nur der Akku seines E-Rollis ist schnell. Schnell leer. Nach einem halben Tag oder 30 Kilometern Fahrt muss der Rolli an die Steckdose.

An diesem Nachmittag sind die Akkus freilich voll. Mayer erwartet uns an der Stadtbahnhaltestelle Landhaus in Möhringen. Er grinst diebisch und zeigt Genugtuung. "Endlich kann ich zeigen, mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen habe", sagt er und konzentriert sich auf den Moment, in dem sich die Türen der Stadtbahn öffnen.

Jetzt entscheiden Geschick und die richtige Stellung der Rollstuhlvorderräder. "Wenn ich nicht gerade reinfahre, rutsche ich ab und stehe machtlos da", erklärt Mayer, nimmt einen Meter Anlauf und rast auf den Eingang zu.

Es kommt wie befürchtet: Georg Mayer knallt gegen die Kante des Trittbrettes der Bahn und prallt daran wie ein Gummiball ab. Auch der zweite Anlauf endet so. Im dritten Versuch hüpfen die Räder über die Kante. Mayer ist drin.

"Manchmal geht’s besser, manchmal schlechter", sagt er. "Ist das barrierefrei?"

Doch er erwartet keine Antwort. Denn seit zwei Jahren weiß Georg Mayer: Barrieren empfindet jeder anders.

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