Kultur kann sehr viel beitragen zu aktuellen Debatten. Das beweist ausgerechnet eine archäologische Ausstellung über Schwaben, Alamannen, Germanen und Co.
Der Schwabe ist für vieles bekannt, aber nicht unbedingt dafür, dass er in Sachen Mode ein absoluter Trendsetter wäre. Der Dutt, der derzeit bei Männern als der letzte Schrei gilt, trugen die Sueben schon vor rund 2000 Jahren. Der so genannte Suebenknoten befand sich allerdings nicht hinten am Kopf, sondern kess an der Seite des Schädels.
Der Blick in die Geschichte relativiert so manches – und deshalb kann man nur hoffen, dass sehr viele Menschen in den kommenden Wochen in das neu eröffnete Kunstgebäude am Stuttgarter Schlossplatz pilgern. Denn in der Großen Landesausstellung „The hidden Länd – Wir im ersten Jahrtausend“ erfährt man genauer, wer dieses „Wir“ in Südwestdeutschland eigentlich ist. Obwohl Archäologen in „the Länd“ schon zahllose Fundstücke ausgegraben haben, weiß man noch immer wenig über die ersten Jahrhunderte nach Christus. Eines aber ist sicher: So simpel wie die Annahme, dass „wir“ hier schon immer gelebt hätten, ist die Wahrheit nicht.
Rom hatte viel Einfluss im heutigen Südwesten
Ausgerichtet wurde die Ausstellung vom Archäologischen Landesmuseum in Konstanz, das stattliche 1600 Objekte mitgebracht hat: Türklopfer und Tongefäße, Schmuck, Schalen und Schwerter, aber auch Kurioses wie ein Schabeisen, mit dem man sich nach dem Sport oder beim Bad Schweiß und Öle von der Haut strich. Denn der lange Arm Rom endete keineswegs an der Grenze zu Germania magna, also dem Gebiet, in dem die Germanen lebten. Sitten und Bräuche der Römer spielten auch jenseits des Limes eine große Rolle.
Das Römische Reich versuchte hier auf vielerlei Weise Einfluss zu nehmen. Wen man nicht mit Macht besiegte, versuchte man anderweitig weich zu klopfen. So erkaufte sich Rom Mitstreiter mit Geld, mit allerhand Auszeichnungen und gern auch mit Geschenken. Römische Werkstätten fertigten sogar eigens Produkte für die germanische Zielgruppe an. Im Kunstgebäude ist eine besondere Leihgabe zu sehen: ein Kessel aus dem 2. Jahrhundert – mit drei nachgeformten Männerköpfen als Griffe. Es sind eindeutig Germanen dargestellt, was ihr Suebenknoten verrät. Der Kessel stammt wie auch ein Trinkbecher oder eine Glasschale aus germanischen Gräbern in Kariv in der heutigen Ukraine – was bewusst macht, dass die Sueben, so sie überhaupt Vorläufer der Schwaben waren, nicht nur aus dem Ländle stammten.
Der Blick in die Geschichte ist lehrreich
Und so beweist diese Ausstellung, dass Kultur sehr wohl einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Debatten und Nöten beitragen kann. Denn dieser vielseitige Blick in die Geschichte verrät vor allem eines: Migration, Flucht und Wanderbewegungen sind so alt wie die Menschheit selbst. Und nationalistische Thesen, dass „echte“ Schwaben, Deutsche, Germanen oder wer auch immer von jeher bestimmte Regionen bevölkert hätten, entbehrt jeder faktischen Grundlage.
Und so verschob denn auch Rom seine Grenze im Norden und zog 260/270 n. Ch. das Militär ab, weshalb auch viele Zivilisten Regionen im Südwesten verließen. Stattdessen ließen sich germanische Neusiedler nieder. Bräuche der Alteingesessenen, Umgesiedelten und Flüchtlinge vermischten sich. Wenn Römer von „Alamannen“ sprachen, meinten sie zusammengelaufene und vermischte Menschen, die zu Beginn alles andere als eine gemeinsame Identität hatten. Mancher Germane trug stolz seinen römischen Soldatengürtel, um zu zeigen, dass er stärker mit der römischen Lebenswelt verbunden war.
Sogar Pferde wurden ins Grab beigelegt
Das Wissen über das Leben der Menschen im ersten Jahrtausend ziehen die Archäologen vor allem aus den Objekten, die man den Toten ins Grab legte. In der Ausstellung staunt man, was alles unter die Erde wanderte: Frauen wurden Gegenstände mitgegeben, die mit der Herstellung von Garnen und Stoffen zu tun hatten. Hochrangige Krieger wurden mit ihrem Pferd bestattet, das man bei der Beisetzung enthauptete. Im 7. Jahrhundert wurde diese Sitte, Gaben ins Grab zu legen, schließlich aufgegeben. Erste Kirchfriedhöfe entstanden und die Hoffnung auf ein ewiges Leben verbreitete sich. Das Christentum fasste Fuß – und Münzen oder Pferdegeschirr wurden fortan mit Kreuzen dekoriert.
Es ist ein langer Zeitraum, den die Ausstellung abdecken will – und man sieht das Bemühen des Kuratorenteams, die komplexe Materie anschaulich darzustellen. Deshalb hat man auch viel Geld für die Gestaltung in die Hand genommen und deutet mit weißen Wänden zum Beispiel die erste Kirche im Sülchen in Originalgröße an.
Und doch verrät sich an vielen Stellen, dass man sich in Museen wie auch bei der Vergabe der Fördermittel für solche Prestige-Ausstellungen weiterhin vor allem einem wissenschaftlichen Fachpublikum verpflichtet fühlt. Das, wer weiß, erwartet eine Überfülle an Objekten und sehr tiefgehende Informationen. Wer seine wichtigen Botschaften aber ernsthaft in der Breite vermitteln will, sollte nicht voraussetzen, dass jeder Begriffe wie Attasche und Folienkreuz kennt und weiß, was Leichenbrand oder provinzialrömische Lebensführung meint.
Zeitreise
Handwerk
Im Campus Galli bei Messkirch versuchen Handwerker seit zehn Jahren, eine Klosteranlage nach einem Plan aus dem Jahr 825 zu bauen mit den damals gängigen handwerklichen Methoden. Einige Mitstreiter des Campus Galli zeigen im Kunstgebäude, wie diese mittelalterlichen handwerklichen Fertigkeiten aussahen.
Ausstellung
bis 26. Januar, geöffnet Di bis So 10 bis 17 Uhr, Do 10 bis 19 Uhr. adr