Der Ulmer Oberbürgermeister und baden-württembergische Städtetagspräsident Ivo Gönner (SPD) hält die Neubaustrecke nach Ulm für unverzichtbar. Foto: dpa

Der Ulmer OB Ivo Gönner (SPD) setzt darauf, dass die Bahn Stuttgart 21 in jedem Fall baut.

Stuttgart - Vom Vorschlag, den geplanten Stuttgarter Tiefbahnhof aufzugeben, aber die Schnellbahntrasse nach Ulm zu bauen, hält der Ulmer OB Ivo Gönner gar nichts. Wir sprachen mit dem SPD-Politiker über die Perspektiven für Stuttgart 21 unter einer grün-roten Koalition.

Herr Gönner, wie fühlen Sie sich als Mitglied einer Regierungspartei?

Gut. Ich habe ja alles schon erlebt in meinen 40 Jahren Mitgliedschaft in der SPD: regierende Phasen, opponierende Phasen, freudige und resignierende Phasen. Jetzt gewöhne ich mich schnell daran, dass die SPD wieder einmal mitregiert.

Keine Lust, mitzumischen?

Nein, ich habe ja schon vor einiger Zeit gesagt, dass ich landespolitisch eher ein Auslaufmodell bin. Von daher juckt's mich auch nicht in den Fingern.

Die größten Differenzen zwischen Grün und Rot gibt es sicher beim Bahnprojekt Stuttgart 21. Sehen Sie einen Weg, sich zu einigen?

Ich rate dazu, sich auf den Schlichterspruch von Heiner Geißler zu besinnen. Der hat empfohlen, das Bahnprojekt einem Stresstest zur Leistungsfähigkeit zu unterziehen, darüber hinaus aber auch klar gesagt, dass das Projekt realisiert werden kann. Das sollte die Marschrichtung sein.

Und wenn Stuttgart 21 dadurch immer teurer wird?

Manche wollen das Projekt jetzt durch die kalte Küche kippen. Falls Kosten durch Verbesserungen entstehen, darf man das nicht als k.o.-Argument verwenden.

Aber die Bahn selbst hat doch eine Schmerzgrenze von 4,5 Milliarden Euro definiert.

Wenn die Kosten im bisherigen Finanzrahmen nicht mehr abgedeckt sind, liegt es an der Bahn als Bauherrin, zu sagen, ob sie das Projekt weiter mit eigenen Mitteln verwirklicht oder nicht. Das muss man in einem offenen Prozess miteinander diskutieren. Dass das Land seine Mittel begrenzt hat, halte ich für richtig.

Möglicherweise zieht die Bahn selbst die Reißleine.

Viele Grüne sind ja von Natur aus sehr fromm und werden dieser Tage wahrscheinlich noch frommer. Die zünden jetzt täglich Kerzen an mit der Fürbitte, die Bahn möge doch aus Stuttgart 21 aussteigen. Dann wäre das Problem aus ihrer Sicht erledigt. Nur: Für das Land hat sich das Problem keinesfalls erledigt, denn es fehlt eine neue Verkehrsinfrastruktur.

"Schnellbahntrasse zum Flughafen ist wichtig"

Was halten Sie von dem Vorschlag, auf den neuen Bahnhof in Stuttgart zu verzichten und lediglich die Schnellbahntrasse zu bauen? Aus Ulmer Sicht müsste Ihnen das doch reichen.

Nein. Auch im Schlichterspruch wird festgestellt, dass zu Stuttgart 21 der Bahnhof und die Schnellbahntrasse gehört, aber auch der Streckenabschnitt vom Hauptbahnhof in Stuttgart bis Wendlingen. Wenn man nun lediglich die Schnellbahnstrecke baut und diese auf einem anderen Weg zum Kopfbahnhof fortführt, dann hat das zwar einen verführerischen Reiz. Aber wie immer bei Verführungen kommt das dicke Ende hinterher.

Nämlich?

Für die neue Fortführung der Schnellbahn zum Hauptbahnhof ist ja nicht ein Kilometer geplant und genehmigt. Das heißt auf gut Deutsch: Man trennt's und verschiebt's damit auf den Sankt-Nimmerleinstag.

Würde die Schnellbahntrasse nicht reichen, um den von Ihnen gewünschten Ausbau des Regionalverkehrs voranzubringen?

Wir planen in Ulm gerade ein eigenes regionales S-Bahn-System. Die Schnellbahntrasse würde außerdem eine bessere Anbindung der Südbahn ermöglichen und zusätzlich zu den ICE-Zügen weitere Verbindungen nach Stuttgart schaffen. Wir haben aber auch ein großes Interesse daran, dass die Schnellbahntrasse über den Flughafen führt, das ist uns ganz wichtig. Nur: Diese Trasse muss einen Anschluss in Wendlingen haben.

Wie soll's jetzt also weitergehen?

Jetzt ist die Zeit, dass das Land klar sagt, was es will. Die einzige Alternative als Gegenmodell zu einem Neubahnprojekt wäre ja, den Kopfbahnhof zu modernisieren und die jetzige Strecke über das Filstal auszubauen. Wenn man das will, muss man es sagen. Aber so zu tun, als baue man jetzt die Schnellbahn Wendlingen-Ulm und führe diese ab Wendlingen über eine Güterverkehrsstrecke Richtung Stuttgart, das geht nicht.

Das Land zahlt 950 Millionen Euro an der Schnellbahntrasse. Notfalls auch ohne den neuen Bahnhof?

Ich halte die Kopplung des Abschnitts von Wendlingen bis Ulm mit dem Abschnitt von Stuttgart bis Wendlingen für zwingend. Nur in diesem Fall macht die Vor- und Mitfinanzierung Sinn. Wenn man baut, baut man beides, ich kann's nur empfehlen.

Sie fordern eine klare Haltung der Landesregierung. Gilt das auch für Ihre eigene Partei?

Ich gehe davon aus, dass die SPD beide Abschnitte bauen will. Ich weiß aber, dass es in der Partei auch andere Auffassungen gibt. Die Forderung nach einer wie auch immer gearteten Volksabstimmung habe ich immer sehr kritisch gesehen, weil ich die rechtlich bindende Wirkung bezweifle. Deswegen meine ich: Eine Landesregierung sollte zwar versuchen, Verbesserungen bei Stuttgart 21 durchzusetzen, aber beim Gesamtprojekt bleiben.

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