Stuttgart 21 spaltet einfach die Geister. Das war auch beim Ausflug des Heimatgeschichtsvereins so, berichtet Leser Helmut Luckert nicht anders.
„Fast alle waren von der Architektur des Projekts angetan“, heißt es in einem Zeitungsartikel. Fast alle – also nicht alle. Ich zum Beispiel nach wie vor ganz und gar nicht.
Die Exkursion des Nagolder Heimatgeschichtsvereins zur Baustelle Stuttgart 21 war hervorragend geplant, organisiert und durchgeführt. Dafür Dank und Anerkennung an die Verantwortlichen, vor allem an Albrecht Rieber. Auch hat sich der verantwortliche Ingenieur, der die Gruppe durch die Ausstellung und Baustelle lotste, reichlich Mühe gegeben.
Gleichwohl sind meine Bedenken gegen das Mammutprojekt nicht geringer geworden sondern eher gewachsen. Abgesehen von der unfassbaren Kostenexplosion von ursprünglich zwei auf über zehn Milliarden Euro sind grundlegende Fragen nach wie vor ungeklärt: Beispielsweise der Brandschutz, das höchst bedenkliche Gleisgefälle, gravierende Baufehler bei den Bahnsteigen, das viel zu kleine neue Technikgebäude, das gesamte Projekt Pfaffensteigtunnel und so weiter. Das vielgepriesene neue Zugsicherungssystem weist ständig neue Fehler auf und funktioniert hinten und vorne nicht.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass angesichts solch gravierender Mängel „die Kapazität des Bahnhofes trotz geringerer Gleiszahl deutlich über der des bisherigen Kopfbahnhofes“ liegen soll. Dazu gibt es gegenteilige Berechnungen und Gutachten.
Und was die vom Gästeführer hoch gepriesene Ästhetik des Bauwerks und die schönen Gastronomie-, Erholungs- und Freizeitbereiche im neuen Bahnhof und drum herum betrifft – dies alles hatten wir bereits damals vor der Zerstörung des Schlossparks und von weiten Teilen des bisherigen Bahnhofs.
Und eines der Hauptargumente gegen das Mammutprojekt: Sämtliche Verantwortliche für Stuttgart 21 sind zwischenzeitlich entweder gestorben oder haben sich vom Acker gemacht oder hüllen sich in Schweigen. Und die heute Verantwortlichen geben unumwunden zu: Hätten wir damals gewusst, was wir heute wissen, wir würden`s nicht mehr machen. Selbst Noch-Ministerpräsident Winfried Kretschmann kommt zu dem Schluss: Die Gegner von S 21 haben „von A bis Z Recht behalten“.
Stuttgart 21 - also im Grunde ein großer Irrtum und ein unsinniger und kropfunnötiger Milliardenmurks ? Vielleicht täusche ich mich ja und das Projekt kommt dereinst doch zu einem guten Ende. Ich würde mich für meine Kinder und Enkel freuen. Dass ich’s noch erlebe, ist unwahrscheinlich. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Helmut Luckert, NagoldSchreiben Sie uns: leserbriefe@schwarzwaelder-bote.de. Mit der Übersendung erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihr Leserbrief in der Printausgabe, im E-Paper sowie im Onlinedienst des Schwarzwälder Boten veröffentlicht wird. Wir behalten uns Kürzungen vor. Leserbriefe entsprechen nicht notwendig der Meinung der Redaktion.