Nach dem Unwetterschaden vom Montagabend ist das Dach des Stuttgarter Opernhauses wieder dicht. Ein stärkeres Argument für die Dringlichkeit seiner Sanierung hätte der Himmel nicht liefern können.
Stuttgart - Vor dem Opernhaus blitzen die Handys. Man kommt, staunt und fotografiert. Zwischen den Ästen, die überall rund um den Eckensee herumliegen, ist ein Areal mit Bauzäunen eingegrenzt. Sieht aus, wie wenn ein regionaler Bühnenbildner seinen ersten Entwurf zu Wagners „Rheingold“ ausgestellt hätte: als Neckarkupfer. Grün und Gold. Ist das Kunst, oder kann das weg?
Was da liegt und aussieht wie zusammengeknüllt, ist zwar nicht direkt Kunst, aber weg soll es auch nicht. Es sind Teile des Dachs, die der Sturm am Montagabend vom Dach des Littmann-Baus gerissen hat. Historisches Material aus dem Jahr 1912, also mehr als ein Jahrhundert alt und mit 3,2 Tonnen ziemlich schwergewichtig. Geht alles nach Plan, dann werden die Kupferteile bis zum Herbst zusammengelötet und wieder am Dach befestigt sein. Bis dahin wird eine gut befestigte Plastikplane den Regen abhalten. Aufatmen bei der Opernhaus-Belegschaft: Am Mittwochmorgen ist die Plane schon befestigt, und bis jetzt wurden bei der Prüfung der Stromleitungen noch keine gravierenden Schäden festgestellt. Man prüft sehr sorgfältig, denn bei dem Unwetter am Montag waren 500 Quadratmeter des Daches offen, und über eine Stunde lang hat es stark ins Haus hineingeregnet, so dass man auch bei einer konservativen Rechnung auf eine Wassermenge von 25 000 Litern kommen kann. Die sind jetzt alle irgendwo in den Decken und Wänden. Vor allem im dritten Rang.
Im dritten Rang brummen die Luftentfeuchter
Auf dem Weg in das dortige Foyer kommt man an einer Runde von Versicherungsvertretern vorbei, die den Schaden gerade in Augenschein genommen haben. Oben angekommen, riecht es nach feuchtem Gips. Und es ist ziemlich laut: Große Luftentfeuchter brummen vor sich hin, dazwischen stehen Kübel mit Resten des herabgetropften Wassers. An der Decke sieht man große Wasserflecken. Draußen auf dem Balkon, von dem aus man sonst einen wunderschönen Blick auf den Eckensee, auf Teile der Innenstadt und den Oberen Schlossgarten hat, steht ein Gerüst. Und neben der provisorischen Dachplane liegen auf dem Boden: ein Kopf und ein Torso aus Stein. Unter den allegorischen Figuren, die das Dach des Opernhauses zieren, hat es ausgerechnet die Architektur getroffen, ein Werk von Emil Kiemlen. Die Statuen daneben, Symbole für Bildhauerei und Technik, blieben unbeschädigt.
An diesem Samstag wird man den Spielbetrieb im Opernhaus mit der nachgeholten Premiere des Ballettabends „Höhepunkte“ wiederaufnehmen. Den dritten Rang indes wird man in dieser Spielzeit nicht mehr öffnen. Es ist dort einfach nicht wohnlich, und Wände und Decken müssen noch trocknen. Zurzeit werden alle elektrischen Anlagen und Transistoren untersucht, damit nicht irgendwo doch noch ein Schwelbrand unentdeckt bleibt. 150 Plätze werden im dritten Rang bis Ende Juli in jeder Vorstellung wegfallen. „Der Schaden insgesamt“, sagt der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks, „ist noch nicht genau bezifferbar. Präzise können wir gerade nur die entgangenen Einnahmen benennen. Aber die waren noch nie von so geringer Relevanz wie in dieser Corona-Spielzeit.“
Allerdings fällt die Sperrung des Rangs unglücklich in die Zeit des Modellversuchs „Sicheres Schachbrett“, bei dem die Staatstheater gemeinsam mit dem Gesundheitsamt und dem Sozialministerium untersuchen wollen, wie man mit welchen gestaffelten Mitteln dynamisch auf unterschiedliche Corona-Inzidenzen reagieren kann, um weitere Kultur-Lockdowns zu verhindern. Schon bei der Spielplan-Pressekonferenz in der vergangenen Woche hatte Hendriks die Politik gemahnt, den Spielbetrieb auch bei steigenden Inzidenzzahlen nicht mehr infrage zu stellen und eine differenziertere Betrachtung an die Stelle des „leichten Wegs allgemeiner Schließung“ zu stellen. Raumluftmessungen ergaben überdies ein positives Bild der Aerosolverteilung im Opernhaus – dort gibt es eine Frischluftzufuhr unter jedem Sitz, und „jeder Zuschauer sitzt nur in seinem eigenen Luftstrom“.
Von der Stadt fehlt noch ein klares Bekenntnis zur Sanierung
Am 12. Juli tagt der Verwaltungsrat der Staatstheater. Das Thema ist ein Dauerbrenner: die Sanierung des Opernhauses. Das Land hat sich zu deren Notwendigkeit bekannt, das Projekt prominent in seinen Koalitionsvertrag aufgenommen und steht bereit für die Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs. Aber vom zweiten Träger des Hauses gab es bis jetzt noch kein klares Bekenntnis. Marc-Oliver Hendriks: „Alle politisch Verantwortlichen wissen, dass die Zeit reif ist. Die Argumente sind ausgetauscht, alle Alternativen wurden geprüft, und wir haben die Legitimation durch das Bürgerforum.“ Jetzt müsse endlich „ein Knopf dran“, und Hendriks hofft, dass der Gemeinderat noch im Juli einen entsprechenden Beschluss fasst – auch vor dem Hintergrund, dass nicht unmittelbar hohe Kosten für das Projekt ins Haus stehen: „Die Sanierung muss ja nicht schon übermorgen bezahlt werden, sondern stellt eine gestreckte Belastung des Haushalts dar. Es geht um einen kontinuierlichen Mittelabfluss, einen mittel- bis langfristigen Investitionshorizont.“
Sprich: „Es gibt keinen Grund, noch länger zu warten.“ So der Geschäftsführende Intendant. Klar, räumt er ein: Für die Staatstheater, die seit 2019 „eigentlich in der Dauerkrise“ seien (vor der Coronakrise und der damit verbundenen Kurzarbeit legte ein groß angelegter Hackerangriff den Betrieb lahm), sei der Dachschaden „eine im Vergleich überschaubare Herausforderung“.
Tatsächlich aber hat das Schicksal dem mittlerweile zwei Jahrzehnte andauernden Sanierungsbegehren der Theaterschaffenden in die Hände gespielt: Wie anfällig das Haus am Eckensee ist, hat eine einzige Unwetterstunde am Montag überdeutlich gezeigt. „Welche Zeichen“, so Hendriks, „braucht es noch, damit klar wird, dass ein akuter Handlungsbedarf besteht?“ Da könnte einen glatt der Verdacht beschleichen, dass die Theaterleute selbst . . . Lachend winkt der Intendant ab: O nein, Windmaschinen stünden in Stuttgart nur hinter der Szene. Und: „Wir können zaubern, aber nur auf der Bühne.“