Helene Schneider (links), 97 Jahre, und Olga Wetzel, 101 Jahre, erinnern sich an die Tage nach Kriegsende in Donaueschingen und Hüfingen. Foto: Johann Müller-Albrecht

Donaueschingen wird am 21. April 1945 besetzt. Zwei Zeitzeuginnen erzählen von den ersten Tagen, als die Stadt ein hoffnungsloses Bild zeigte.

Olga Wetzel ist mittlerweile 101 Jahre alt. Sie hat Jahrzehnte im Donaueschinger Rathaus gearbeitet. Helene Schneider, 97, ist gelernte Schneiderin. Sie waren ganz junge Frauen, als der Zweite Weltkrieg im Frühling 1945 zu Ende ging.

 

Wenn sie sich an diese Tage vor 80 Jahren zurückerinnern, berichten sie vor allem von der Angst davor, was auf die Menschen in Donaueschingen zukommen würde.

Olga Wetzel hatte die letzten Kriegstage mit vielen anderen in einer Notunterkunft in einem Klassenzimmer der Feursteinschule verbracht, bevor ihre Familie nach Beendigung der Kampfhandlungen wieder in die Wohnung in der Schulstraße zurückkehren konnte. Helene Schneider, die aus einer Landwirtsfamilie aus Hüfingen stammt, hatte tagsüber mit ihren Geschwistern außerhalb der Kernstadt in einem Unterstand auf einem Feld der Familie die letzten Kriegstage erlebt.

In den ersten Tagen der französischen Besatzung bestand nachts eine Ausgangssperre von 20 bis 8 Uhr, man sollte auch tagsüber möglichst nicht unterwegs sein. Olga Wetzel trat schon Anfang Mai wieder ihren Dienst im Rathaus an, in dem der von den Franzosen eingesetzte Bürgermeister, der Malermeister Leopold Meßmer, seine Arbeit aufgenommen hatte. Leopold Meßmer war überzeugter Sozialdemokrat und war auch einige Wochen im Konzentrationslager Dachau inhaftiert gewesen. Sein Nazi-Vorgänger Eberhard Sedlmayer war geflohen und wurde später verhaftet.

Eine Zeichnung von Walter Merz-Ziegler zeigt die Folgen des Flugzeugangriffs vom 22. Februar 1945 in der Wasserstraße. Foto: Stadtarchiv

„Wir hatten vor allem die Aufgabe, Lebensmittelmarken und andere Bezugsscheine auszustellen und dafür zu sorgen, dass die Bekanntmachungen des Militärkommandos befolgt wurden“, erinnert sich Meßmer. „Dazu kam auch die Organisation von Arbeitskommandos, die für die Wiederherstellung von Brücken und Straßen zusammengestellt wurden.“

Ohne Arbeit keine Lebensmittelkarte

Allzu viele arbeitsfähige Männer waren jedoch nicht da. Für Notstandsarbeiten erfasste man rund 120 Personen, überwiegend Beamte und Angestellte, deren Dienststellen noch nicht wieder arbeiteten. Wer nicht arbeitete, bekam keine Lebensmittelkarte.

Das Rathaus selbst war organisatorisch unterteilt: „Die Franzosen mit ihrer Verwaltung waren in den unteren Stockwerken, und wir waren in den oberen Räumen untergebracht“, erinnert sich Olga Wetzel.

Militär quartiert sich in großem Haus ein

Anders war die Lage für Helene Schneider in Hüfingen. In ihrem großen Haus mit Landwirtschaft im Zentrum der Stadt quartierte sich französisches Militär ein. Die Familie verblieb im oberen Stockwerk, alles darunter war beschlagnahmt.

„In der Scheune wurde die Feldküche für die Versorgung der französischen Soldaten eingerichtet. Von unserem Viehbestand beschlagnahmte das Militär immer nur einen offiziell festgesetzten Anteil, sodass wir gut über die Runden kamen und auch noch die Nachbarschaft unterstützen konnten“, berichtet Helene Schneider. „Auch das Gemüse aus dem eigenen Garten wurde partnerschaftlich geteilt. Wir hatten einen guten und respektvollen Umgang mit den einquartierten Soldaten.“

Leben mit Einschränkungen

In Donaueschingen war die Versorgung mit Wasser, Gas und Licht zunächst unterbrochen. Olga Wetzel und ihre Geschwister gingen mit Eimern und Milchkannen zum Sennhof, wo eine Wasserausgabe eingerichtet war. „Mit den Lebensmittelkarten konnten wir das Nötigste besorgen. Das waren Eier, Kartoffeln, Zucker, Mehl und Butter. Gehungert haben wir eigentlich nicht, es war nicht viel, aber genug“, erinnert sich Olga Wetzel. „Wir hatten auch einen kleinen Garten, der uns mitversorgte.“

Auch Helene Schneider berichtet, dass sie als Bauernfamilie gut versorgt waren. Aufwendiger sei es gewesen, Feuerholz zu organisieren, da dazu das Militärkommando enge Auflagen mit strengen Strafen erlassen hatte.

Rathaus-Personal verteilt Holzpakete

Da viele Einwohner mit Holzöfen auch gekocht haben, war die Verteilung von Holzpaketen eine wichtige Aufgabe für das Rathaus-Personal. Die Beschaffung von Holz war, so Olga Wetzel, von den Franzosen organisiert. „Doch wir sind auch mit dem Wägeli in den Wald, um selbst Holz zu sammeln oder Reiswellen zu machen“, sagt Helene Schneider.

Waffen, Fotoapparate und auch Radiogeräte mussten sofort abgegeben werden. Sie hätten ganze Räume im Rathaus gefüllt, so Olga Wetzel. „Wir mussten damals sehr viele Stunden arbeiten, um allen Anforderungen gerecht zu werden, da die Aufgaben für uns alle auch neu waren und täglich andere dazukamen.“

Plünderungen in der Zeit des Kriegsendes

Von Plünderungen in der Zeit des Kriegsendes hätten sie damals immer wieder gehört, stellen beide fest. Diese sollen aber von ehemaligen Kriegsgefangenen begangen worden sein, die zum Teil auf dem ehemaligen Flugplatzgelände in Hüfingen untergebracht gewesen seien.

Auch von Vergewaltigungen sei immer was zu hören gewesen. Sie und ihre Familien seien jedoch glücklicherweise nicht betroffen gewesen.

Eltern haben solche Zeiten zwei Mal erlebt

„Es war eine schlimme Zeit damals, die ich nicht nochmals erleben möchte und niemandem wünsche“, sagt Olga Wetzel. „Und unsere Eltern haben solche Zeiten sogar zwei Mal erlebt“, ergänzt Helene Schneider. „Einen Satz meiner Mutter habe ich nie vergessen, als sie sagte, dass ein französischer Offizier auf sie zukam und sagte, bei den Deutschen gibt es ja auch nette Menschen.“

Die ersten Tage danach

Befehle und Verbote
 Donaueschingen war die militärische und politische Zentrale der Besatzungsmacht für den Kreis. Hier begannen sich französische Truppen und Verwaltungsstellen einzurichten. Die Stadt bot nach den vielen Zerstörungen ein hoffnungsloses Bild: überladen mit Panzern, Jeeps, Lastwagen und Maultierkarren. Stundenlang standen lange Kolonnen in den Hauptstraßen. Die ersten Befehle, Bekanntmachungen und Verbote an die Bevölkerung erließ die französische Militärkommandantur. Die Bewegungsfreiheit war zeitlich und örtlich eingeschränkt. Man war ohne Radio, es fuhren keine Züge, es kam keine Post – man war ohne Nachricht von Verwandten. Für die notdürftige Wiederherstellung von Brücken und Gebäuden hatte die wieder eingesetzte Gemeindeverwaltung Arbeitskommandos zusammenzustellen. Eine der einschneidendsten Schritte war die Evakuierung zahlreicher Familien aus ihren Wohnungen, um Platz für Militärpersonal zu schaffen. Zudem mussten viele französische Verwaltungsstellen untergebracht werden.