Peter Schleicher an der Orgel in Nagold. Foto: Fritsch

Am Vorabend des Totensonntags gedachte man in der Nagolder Stadtkirche der Verstorbenen auf eine ungewöhnliche wie würdige Art. Für gute eineinhalb Stunden wurde der Kirchenraum in einen Kinosaal umgewandelt, in dem die rund 70 Besucher den Orgelimprovisationen von Peter Schleicher zu dem Stummfilm "Der müde Tod" lauschten.

Nagold - Der schwarz-weiße Streifen wurde vor genau 100 Jahren unter der Regie von Fritz Lang gedreht. Die Handlung basiert auf dem Grimmschen Märchen "Der Gevatter Tod" und erzählt die Geschichte einer Liebe, die "so stark wie der Tod" sei. Zu diesem Thema erarbeiteten Schüler des OHG unter der Leitung von Nicole Offenhäuser bereits im Februar ein Projekt und luden den Organisten Peter Schleicher zu einem zweistündigen Workshop über Improvisations-Grundlagen ein. Pandemiebedingt wurde das Unterfangen auf die Voradventszeit verschoben und diese Entscheidung trug in hohem Maße zum besonderen Klima der Veranstaltung bei.

Musik als unverzichtbares Element

Seit der Geburt des Kinos war die Musik ein organisches und unverzichtbares Element jeder "stummen" Vorführung, sie illustrierte das Geschehen auf der Leinwand und verstärkte die emotionale Wirkung der stark ausgeprägten schauspielerischen Gestik und Mimik. In den damaligen Lichtspielhäusern und Kinopalästen spielten entweder Kinokapellen oder so genannte Tappeurs, die auf dem Klavier, Orgel oder Harmonium die bewegten Bilder solistisch begleiteten. Auch reproduzierte Musik kam zum Einsatz, doch die Tontechnik mit Tonwalzen und Schellackplatten lag um die Jahrhundertwende 19/20 noch in Windeln.

Die größte Hürde stellte aber die Synchronisierung von Bild und Ton dar. Wie man dieses Problem vor über 100 Jahren löste, erfuhren die Besucher des Orgelkinos live während der Filmvorführung. Der Streifen wurde auf die große Leinwand über dem Altar projiziert, der Organist Schleicher saß nebenan am ebenerdigen Zwillingsspieltisch. So konnte das Publikum dem Filmgeschehen folgen und gleichzeitig die Improvisationsnuancen wahrnehmen.

Dumpfes und düsteres Klangbild für den Tod

Allerdings, wie Schleicher im Nachhinein zugab, hätte er lieber auf der Orgelempore gespielt. Sicherlich war es eine zusätzliche Herausforderung für den Orgelkünstler, den Blick ständig nach oben zur Leinwand richten zu müssen, während seine ganze Aufmerksamkeit der Musik und ihrer Ausdruckskraft galt.

Und diese entfaltete ihre Wirkung von der ersten Szene an. Das Todes-Motiv erschien im dumpfen und düsteren Klanglicht, um im Verlauf der sechs Verse (Teilen) als ein Unheil bringendes Memento immer wieder zu erklingen.

Weil sich die Geschichte an drei verschiedenen Orten abspielt, verwendete der Organist mehrere stilistische Mittel und beleuchtete die wechselnden Szenerien mit heimischen, italienischen (ein Extrabonus für den famosen Saltarello) sowie orientalischen und fernöstlichen Elementen. Ganz interessant und vor allem völlig mit dem Bild im Einklang gestaltete er mehrere akustische "Kleinigkeiten" wie Signale des Nachtwächters oder das Klopfen an der Tür.

Hoch dramatisches Finale

Doch am meistens beeindruckte die emotionale und dynamische Vielfalt der improvisatorischen Darbietung. Schleicher übersetzte die bewegten Bilder eins zu eins in seine eigene, spannungsvoll und expressiv gestaltete Musiksprache, in der die menschliche Gefühlswelt aus den Fugen gerät und der Tod Gnade erweist. In dem hoch dramatischen Finale erklang die Orgel mit so einer gewaltigen Kraft, dass man den Eindruck bekam, sie würde musikalisch Amok laufen. Grandios.

Nach dieser immensen mentalen und auch körperlichen Anstrengung zeigte sich Peter Schleicher zufrieden über seine Darbietung, die das Publikum mit lang anhaltendem Applaus honorierte.