Der Stuttgarter Angreifer fällt gegen Frankreich auf, bleibt aber zur Pause in der Kabine – nicht aus Leistungsgründen. Bundestrainer Julian Nagelsmann begründet die Maßnahme.
Kurz kreuzten sich die Wege in den Katakomben der Stuttgarter Arena. Während Nick Woltemade auf die Fragerunde mit der Medienschar wartete, passierte Kylian Mbappé schweigend den Gang – war dann aber auch schnell wieder weg: Während Frankreichs Superstar nach dem 2:0 gegen Deutschland als Spieler des Spiels eine Pressekonferenz zu Themen wie der Weltfußballer-Wahl gab, blickte der Stürmer des VfB Stuttgart auf seine Teilnahme an der U-21-Europameisterschaft voraus. Völlig unterschiedliche Welten also, der maximale Kontrast – der aber zeigte: Nick Woltemade hat seine ersten Berührungspunkte mit dem absoluten Weltklasse-Niveau hinter sich, nachdem er für die Partien in der Champions League mit dem VfB in der zurückliegenden Saison noch nicht nominiert gewesen war.
Und, keine Frage: Die neue Erfahrung hinterließ Eindruck beim 23-Jährigen. „Für mich persönlich war es aufregend und sehr emotional mit schönen Erlebnissen, die ich noch nicht so richtig realisiert habe“, sagte Woltemade, der aber auch selbst bei seinem Debüt in der A-Nationalmannschaft mitnichten eine Nebenrolle innehatte. In beiden Partien der Nations League stand der 1,98 Meter große Angreifer auf Anhieb in der deutschen Anfangsformation – und war davon selbst ein Stück weit überrascht: „Ich habe es ein bisschen gehofft, weil ich eine recht gute Form im Verein hatte und viele Tore geschossen habe“, so Woltemade, „aber es war keine Selbstverständlichkeit. Es zeigt ein Vertrauen und eine Wertschätzung, über die ich mich sehr freue.“
Lob von Bundestrainer Julian Nagelsmann
Hinzu kommt: Während im Halbfinale der Nations League gegen Portugal (1:2) die Zahl der Offensivaktionen noch in einem überschaubaren Rahmen blieb, war Woltemade vier Tage später gegen Frankreich (0:2) ein absoluter Fixpunkt im deutschen Offensivspiel. Als Anspielstation in vorderster Linie, Ballverteiler und Mann für die Torabschlüsse. „Er hatte gute Aktionen und hat sich sehr gut eingebracht“, lobte auch Bundestrainer Julian Nagelsmann – ohne das eine relevante Manko zu verschweigen: „Sowohl gegen Portugal als auch gegen Frankreich muss er schon ein Tor machen. Das wäre dann am Ende das i-Tüpfelchen auf einer guten Leistung gewesen.“
Der Grund für Woltemades Auswechslung zur Halbzeit gegen die Franzosen war die mangelnde Effizienz aber nicht – sondern vielmehr die anstehende U-21-Europameisterschaft, die der VfB-Stürmer ebenfalls spielt mit dem Auftaktmatch an diesem Donnerstag (21 Uhr/Sat 1) gegen Slowenien. „Es war nur mit Blick auf die U 21“, begründete Nagelsmann den Wechsel – was schon einiges über das Standing aussagt, das sich Woltemade binnen weniger Tage beim DFB erarbeitet hat. Eigentlich, so der Bundestrainer, sei es gar nicht geplant gewesen, dass der Stuttgarter von Beginn an auflaufe gegen Frankreich. „Aber es war ein superwichtiges Spiel für die Weltrangliste. Deswegen nochmals ein kleines Sorry an die U 21.“ In der Halbzeit habe man dann schließlich Rücksicht genommen.
Zur Europameisterschaft wird der Stürmer nun mit einigen Minuten in den Beinen reisen – vor allem aber mit einem neuen Erfahrungsschatz. „Es ist das höchste Level, das man spielen kann. Das habe ich dann auch im Training und den Spielen gemerkt“, sagt Woltemade. „Von den Jungs hier kann man sich einiges abschauen.“ Ein Beispiel? Die stetige Gewinnermentalität auch abseits der Spieltage. DFB-Kapitän Joshua Kimmich habe ihm vor dem DFB-Pokalfinale gegen Arminia Bielefeld (4:2) geschrieben, dass er den Titel unbedingt holen müsse. Und nichts anderes als der Gewinn der Nations League sei dann auch in den Tagen bei der Nationalmannschaft Thema gewesen im Austausch mit dem Spielführer.
„Die Topspieler geben jedes Training Gas, lassen nie locker, wollen immer das Maximum rausholen. Da konnte ich mir schon nochmals was abschauen“, sagt Woltemade – der jetzt mehr möchte. „Das ist das Level, wo ich gerne hin will und wofür ich weiter arbeiten werden.“ Die nächste Station heißt nun aber erst einmal U 21. Ein Schritt zurück? Woltemade sieht das mitnichten so, er ist in den vergangenen beiden Jahren stets gerne zur höchsten deutschen Nachwuchself gereist, die für ihn ein Ort der Spielpraxis auch in Zeiten mit weniger Spielpraxis beim VfB gewesen war.
Und dass ihn das straffe Pensum an die körperlichen Grenzen führen könnte, wischt er direkt beiseite. „Ich bin sehr groß, und meine Energie ist auch groß. Ich freue mich, auf dem Platz zu stehen mit den Jungs. Es gibt deutlich Schlechteres als eine U-21-EM.“ Die geht Nick Woltemade mit Rückenwind an. Und neuen Erfahrungen auf der großen Fußball-Bühne.