Bei der Niederlage in Heidenheim zeigt sich, dass der VfB ohne Serhou Guirassy doch eine andere Mannschaft ist. Wird der Torjäger bereits für Samstag wieder fit?
Um 10.45 Uhr betritt die Hoffnung den Trainingsplatz des VfB Stuttgart. Verkörpert durch Serhou Guirassy. Der am Oberschenkel verletzte Stürmer kommt mit Rehatrainer Martin Franz aus dem Kraftraum, um weiter an seinem Comeback zu arbeiten. Intensivere Läufe, Stabilitätsübungen und Ballaktionen gehören zum Programm. Dazu strahlt der 27-Jährige Zuversicht aus. Es gehe ihm gut, signalisiert Guirassy beim Warmjoggen nach außen.
Das ist am Montagvormittag die frohe Botschaft beim Fußball-Bundesligisten. Es besteht nach wie vor die Hoffnung, dass Guirassy bereits am Samstag gegen Borussia Dortmund wieder zur Verfügung steht. Vermutlich nicht im Vollbesitz seiner Kräfte nach der Muskelblessur vom 21. Oktober in Berlin (3:0-Sieg bei Union), doch der bisherige Torgarant bleibt der Unterschiedsspieler in der Offensive. Das hat die 0:2-Niederlage beim 1. FC Heidenheim verdeutlicht.
Erstmals kein Tor unter Sebastian Hoeneß
Erstmals in 24 Partien erzielte die VfB-Elf unter dem Trainer Sebastian Hoeneß auf der Ostalb keinen Treffer. Zudem stand nach dem Abpfiff die zweite Liganiederlage hintereinander fest. Allein am Ausfall Guirassys lag dies nicht, aber das Stuttgarter Spiel mit und ohne den 27-Jährigen ist ein anderes.
In der ausverkauften Voith-Arena vermisste man den Zielspieler im Sturmzentrum deutlicher als in den zwei Pflichtbegegnungen während der englischen Woche (2:3 gegen die TSG Hoffenheim/1:0 im DFB-Pokal gegen Union Berlin) zuvor. Als effizienten Torjäger. Als körperliche Herausforderung für die gegnerischen Innenverteidiger. Als Führungskraft, deren Ehrgeiz und Elan auf die Mitspieler ausstrahlen.
Der VfB ohne Guirassy ist aktuell zwar nicht wie Linsen ohne Spätzle und Saitenwürstchen, aber schon wie die Heidenheimer ohne Tim Kleindienst oder – in höheren Sphären – wie der FC Bayern ohne Harry Kane. An diesem Spieltag sogar wie der württembergische Rivale ohne Kleindienst (Torschütze zum Endstand/90.+4) und Jan-Niklas Beste (Vorbereiter der Führung durch Jan Schöppner/70.) oder der Rekordmeister aus München ohne Kane und Jamal Musiala. Denn es fehlte bei den Stuttgartern auch der formstarke Enzo Millot (familiäre Gründe).
Mit seinen Dribblings und Drehungen, seinen Pässen und Abschlüssen hätte ein guter Millot den VfB-Angriffen sicher mehr Präzision und Pep verliehen. Und ohne den ballsicheren Pascal Stenzel (fiel angeschlagen aus) mangelte es auf der rechten Seite ein wenig an Struktur.
Argumente, die erklären, warum es nicht wie geplant lief. Als Ausrede dient dies an der Mercedesstraße jedoch nicht. Spieler wie Alexander Nübel, Waldemar Anton und Deniz Undav äußerten sich hinterher selbstkritisch. Und der Chefcoach war verärgert – über die gebotene Leistung und die verpasste Chance. „Ich bin bedient“, sagte Hoeneß, weil die Möglichkeit bestand, sich gegen den kämpferisch starken, aber spielerisch schwachen Aufsteiger oben festzusetzen.
Ein harter Spiele-Block
Hoeneß ist dabei kein Typ, der sich allein am Tabellenstand orientiert. Rang drei zählt nach wie vor zu den Überraschungen der Saison. Das weiß der 41-Jährige und will die Platzierung nicht überbewerten. Doch mit mehr Tempo und Zielstrebigkeit vorne sowie weniger Eckbällen und Freistößen hinten gegen sich wäre die Siegwahrscheinlichkeit gestiegen. „In Summe haben wir viele Chancen zugelassen, aber genauso viele ausgelassen“, sagte der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth.
Die Heidenheimer schafften es bei Frank-Schmidt-Wetter so, das Spiel auf ihre Seite zu ziehen. In einem Kraftakt. „Wir haben die richtigen Mittel gewählt“, sagte der FCH-Coach und hob Beste mit seinen gefährlich getretenen Standards heraus. Im Grunde nicht nur an diesem ungemütlichen Sonntagabend bei Regen und Wind die erfolgreichste Angriffsoption der Gastgeber. Ansonsten gab es noch Konter nach Fehlpässen.
„Unnötig“, befand Hoeneß sowohl diese Nachlässigkeiten (dazu kam ein verschossener Elfmeter von Silas Katompa/57.) als auch die Niederlage. Einen Mangel an Stabilität mag der Trainer daraus jedoch nicht ableiten. Vielmehr den Lerneffekt, dass es nicht reicht, gefällig zu kombinieren und eine trügerische Kontrolle zu erlangen.
Der Trainer will mehr, und er verlangt mehr, als sich mit der vermeintlich komfortablen Situation nach dem Traumstart zufriedenzugeben. Denn so gut der VfB den Segen des Spielplans mit Gegnern, die beim Aufeinandertreffen mit den Stuttgartern mit sich selbst zu tun hatten, genutzt hat, so hart könnte ihn nun der Fluch des Spielplans treffen. „Vor dem jetzt anstehenden Block mit den Spielen gegen die Dortmunder, Leverkusener, Bayern und auch Frankfurter hätten wir uns oben festsetzen können. Nun müssen wir gegen die Borussia wieder mehr, als wir vorher wollten“, erklärte Wohlgemuth. Sprich: Der Druck steigt. Doch mit Guirassy soll nach der Enttäuschung von Heidenheim schon bald das Lächeln zurückkehren.