Stürmer Tim Kleindienst startet nun auch bei der DFB-Elf durch. Der ehemalige Profi des 1. FC Heidenheim betont seine „Drecksack-Mentalität“ auf dem Platz.
Julian Nagelsmann und Tim Kleindienst fanden nicht auf Anhieb zueinander. Als der Bundestrainer dem Stürmer die frohe Kunde übermitteln wollte, dass er ihn erstmals für die DFB-Elf nominiert, ging Kleindienst zweimal nicht ans Handy. Der simple Grund: Er kannte die Nummer nicht, da kann ja sonst wer anrufen. Zudem war Kleindienst gerade im Baumarkt damit beschäftigt, sich ein paar Pflanzengefäße auszusuchen. Auf dem Parkplatz dann, bei Nagelsmanns Versuch Nummer drei, ging er doch noch ans Telefon, nachdem er die neuen Blumentöpfe in den Kofferraum gewuchtet hatte. Darüber, dass er doch ran sei, sagt Kleindienst, „bin ich natürlich froh.“
Die Nominierung in drei Telefon-Anläufen erfolgte Anfang Oktober, nun steigen die nächsten Länderspiele an diesem Samstag in Freiburg (20.45 Uhr/RTL) gegen Bosnien und Herzegowina und drei Tage später in Budapest gegen Ungarn – und Kleindienst ist wieder im Kader. Zwischendurch hat sich der rasante Aufstieg des Mannes, der im Sommer für sieben Millionen Euro vom 1. FC Heidenheim zu Borussia Mönchengladbach gewechselt war, fortgesetzt: Der Debütant durfte bei den vergangenen Länderspielen im Oktober gegen Bosnien (2:1) und die Niederlande (1:0) jeweils von Beginn an ran. Getroffen hat er nicht, aber ansonsten hat sich Kleindienst für weitere Einsätze empfohlen – weil er den Kleindienst in Reinform gegeben hat.
Was das heißt? Als erster Erklärungsansatz taugt ein wunderbares Zitat von vor ein paar Monaten. Auf die Frage, welcher Fuß denn sein besserer sei, hat der Angreifer da mal diese Antwort gegeben: „Mein bester Fuß ist mein Kopf.“ In dem Spruch steckt dabei auch eine gute Prise Ernsthaftigkeit, weil der 29-Jährige damit nicht nur lustig sein wollte, sondern auch sagen will, dass er mit seiner Kopfballstärke noch ein Neuner der alten Schule ist, ein sogennanter Stoßstürmer – der dem Gegner übrigens gerne mal wehtut mit seiner geballten Körperlichkeit.
Souveräner Spitzenreiter
So ist der 1,94 Meter große Torjäger derzeit ein souveräner Spitzenreiter: In der Bundesliga führt er die Tabelle der Profis mit den meisten Fouls an. 27-mal foulte Kleindienst in dieser Runde seine Gegner. Kenner der innerdeutschen Foulforschung überrascht Kleindiensts Spitzenwert nicht. Denn in der vergangenen Saison hieß der Foulmeister der Liga am Ende, genau: Kleindienst – mit 89 Vergehen am Gegner. Zur besseren Einordnung: Auf Platz zwei folgte der Mainzer Leandro Barreiro. Mit 58 Fouls.
Ob Kleindienst diese Werte kennt, ist nicht überliefert – dafür kann er über seine Spielweise berichten. „Ich bin vielleicht nicht immer der filigranste Fußballer“, sagt er: „Aber dafür lebe ich auch so ein bisschen diese Drecksack-Mentalität.“
Kleindienst ist dabei mit seinen manchmal unsauberen Mitteln und der Einsatzfreude in der Lage, ein Team mitzureißen. In Mönchengladbach fehlte vorher ein solcher Typ. Was das bedeutet? Kleindienst nennt die für ihn wichtigen Elemente im Staccato-Takt: „Einsatzbereitschaft. Intensität. Zweikämpfe. Nie aufgeben, in keiner Minute des Spiels. Die Mannschaft unterstützen.“ Und um sein Team und sich selbst anzustacheln, sei es eben auch mal vonnöten, „sich beim Gegner unbeliebt zu machen, da muss es mal rascheln, da musst du mal ein Foul ziehen oder einen Trash-Talk anzetteln“.
Diese speziellen Kniffe wendet Kleindienst nun auch bei der DFB-Elf an, wobei er rund um die vergangenen beiden Länderspiele von der Abwesenheit der verletzten Angreifer Niclas Füllkrug und Kai Havertz profitierte. Der Gladbacher nutzte seine Chance und hat nun aufgrund des Ausfalls von Offensivmann Deniz Undav vom VfB Stuttgart (Zerrung) wieder Chancen auf Einsätze – womöglich wieder von Beginn an.
Famose Heidenheimer Saison
Der Brandenburger ist dabei ja erst im Jahr 2023 durch den Bundesliga-Aufstieg mit dem 1. FC Heidenheim auf der großen Fußballbühne aufgetaucht. Mit 25 Toren und sieben Vorlagen trug Kleindienst in der Aufstiegssaison maßgeblich dazu bei, dass der FCH Erstligist wurde. Dann schoss Kleindienst in der Bundesliga zwölf Tore, lieferte fünf Vorlagen und war mit seinem unbändigen Einsatz mitentscheidend für die famose Saison des Teams von Frank Schmidt, die am Ende in die Conference League führte.
Wenig überraschend ist auch der Bundestrainer angetan von Kleindiensts Scorerpunkten aus der jüngeren Vergangenheit. „Es ist nicht ganz so leicht, als zentraler Stürmer bei einer Mannschaft zu spielen, die nicht in jedem Spiel 20 Torchancen hat“, sagt Nagelsmann: „Insofern ist Tim seine Quote in Heidenheim und jetzt bei Gladbach noch höher anzurechnen.“ Jetzt in Gladbach hat Kleindienst in seinen ersten zehn Partien sechsmal getroffen. Sein Höhenflug setzt sich also fort in dieser Saison.
Um runterzukommen im Alltag schaut Kleindienst übrigens gerne Horrorfilme – und kümmert sich um seine Schildkröten. Kürzlich erzählte er, dass seine Tiere demnächst ihren Winterschlaf beginnen: „Dafür kommen sie in den Kühlschrank – da kann ich sie besser kontrollieren.“