Achtsam Morden – wie das funktioniert, haben offensichtlich viele erfahren wollen. Die Balinger Stadthalle nämlich ist bis auf wenige Plätze gefüllt mit Zuschauern, die aus allen Himmelsrichtungen angereist waren, wie man an den Kfz-Zeichen erkennen konnte.
Und gleich geht’s los mit Kettensäge und Getöse auf der sonst karg dekorierten Bühne, Grundfarbe Schwarz. Achtsam ist das nicht – aber effektiv was der seriöse oder doch lieber mafiöse Anwalt Björn Diemel (Martin Lindow, bekannt geworden als Sigi Möller im Polizeiruf 110) da treibt: Er sägt den bösen, rohen, gierigen, gemeinen mafiösen Obergangster Dragan Sergowicz in handliche 24 Teile, packt diese rein in blaue Plastiksäcke.
Dragan schmurgelt bei fast 60 Grad am Strand
Das ist einer der Momente, in dem der Zuschauer kurz überlegt, ob er lachen oder sich grausen soll. Obwohl – ein bisschen achtsam ist Dragan, der Schreckliche, schon zu Tode gekommen: im Kofferraum seines Anwalts Diemel, der die Kanaille bislang bei jeder ihrer Taten beraten und vor dem Knast bewahrt hat. Dragan also schmurgelt bei fast 60 Grad am Strand in der prallen Sonne im Kofferraum, während Björn Demmel endlich Zeit und Achtsamkeit für seine Tochter Emely hat.
Einatmen, ausatmen
Der Anwalt hat nun also gemordet, achtsam hin oder her: einatmen, ausatmen. Und noch mehr Achtsamkeitsübungen und Parolen hat sein Trainer Joschka Breitner ihm auf seinen mörderischen Advokaten-Weg und zur Rettung seiner Familie gegeben: „Suche nicht nach Aufgaben, die Aufgaben suchen dich“, ist so eine. Oder: „Ein Weg wird nicht kürzer wenn man rennt.“ Und dennoch wird in dieser unterhaltsamen, kriminell guten Komödie viel gerannt und gewirbelt, dass es eine Art hat.
Umziehen, Perücken überstülpen, Brille auf und ab
Denn das Umziehen, Perücken überstülpen, Brille auf und ab, Frisur angleichen und anderes mehr geschieht nicht nur in Windeseile, man kann die Darsteller dabei sogar beobachten hinter schräg gestellten Paravents. Diese Verwandlungen von gut nach böse und wieder zurück ist somit Teil der Inszenierung des Tournee-Theaters Landgraf aus Titisee-Neustadt. Christian Miedreich, Schauspieler vom Bodensee, und Alessa Kordeck, Schauspielerin aus Berlin, schlüpfen nämlich in alle Nebenrollen wie die Tochter Emely und Anwaltsfrau Katharina oder die Gangster Dragan, Boris, Murat, Toni und wie sie alle heißen, die mit oder gegen Dragan, den Groß-Kriminellen, arbeiten.
Das tut Anwalt Björn Deimel schon lange und verdient sich dabei eine goldene Anwaltsnase – immer auch gern am Rande der Legalität. Und wir sind Zeuge von menschlichen Abgründen, jenseits der Achtsamkeit, die lediglich als Deckmäntelchen fungiert.
Krimispaß ohne schlechtes Gewissen
Ausgedacht hat sich dieses achtsame Morden Karsten Dusse, der selbst Anwalt ist und daher sicher weiß, was Sache ist. Und wir, die Zuschauer, können diesen turbulenten, unterhaltsamen Krimispaß ohne schlechtem Gewissen beiwohnen und am guten Schluss mächtig applaudieren. Denn im Grunde war der von vielen als Bäh-Anwalt geschmähte Björn Deimel gar nicht so böse, auch wenn er nun die miesen Geschäfte von Dragan führt.
Denn es ging es ihm nicht nur um Macht, Gut und Geld, sondern letztendlich darum, dass die Kita „Wie ein Fisch im Wasser“ nicht in ein Bordell umgewandelt wird: Wenn das nicht achtsam ist.