Der Nationalpark Schwarzwald spielt wieder einmal den Vorreiter. Er hat ein Modell über die möglichen Auswirkungen auf die Anlieger durch Schwemmholz und Geschiebe nach Starkregen in Auftrag gegeben und arbeitet selbst daran mit. Ergebnisse werden bis Mai erwartet.
Die Studie mit diesen Details dürfte einmalig im Land sein. Hochwasser im Nationalpark? Das war bislang kaum Thema. Es hat jedoch spätestens Aktualität bekommen, seit mit dem „Lückenschluss“ auch Siedlungen der Gemeinden Baiersbronn und Forbach im Nationalpark liegen sollen.
Die Modellierung für das gesamte derzeitige Nationalparkgebiet war jedoch schon längst zuvor in Auftrag gegeben worden, versichert Christoph Dreiser (65), Wissenschaftler und stellvertretender Leiter des Sachbereichs Umweltmonitoring und Geodatenmanagement bei der Nationalparkverwaltung.
Anlass war eine Gewässerbegehung mit dem Landkreis und Bürgermeister Michael Ruf von der Gemeinde Baiersbronn, die im Fall von Hochwasser bedroht sein könnte. Dabei wurde Totholz im Bett des Bachs Rotmurg vorgefunden.
Furcht: Sterbender Wald wirkt nicht als Schwamm
Der sterbende Wald, so wird befürchtet, könne seine Aufgabe als „Wasserschwamm“ nicht mehr im vollen Umfang erfüllen. Umgestürzte, tote Bäume könnten bei Starkregen in den Betten der Bachläufe mitgeschwemmt werden und vor Hindernissen wie Brücken, Durchlässen oder Mauern sogenannte „Verklausungen“, also eine Art Damm, bilden. Dort staut sich das Wasser, bis es sich endlich seinen Weg sucht und als Flutwelle Überschwemmungen anrichtet.
„Das ist die Horrorvision“, so Dreiser – die genährt werde von Bildern aus der Ahrtalflut. „Wobei vergessen wird, dass die topographischen Gegebenheiten im Nationalpark Schwarzwald völlig andere sind“, erklärt Dreiser. „Unsere Wassereinzugsgebiete sind sehr viel kleiner, die Höhen sind wasserspeichernde moorige Waldböden. Und unsere Hänge sind und bleiben waldbedeckt. Auch wenn zwischenzeitlich Bäume absterben, so bleibt die erosionsverhindernde Wirkung der Waldböden mit ihrem Unterwuchs und Wurzelwerk bestehen.“
Fachfirma aus der Schweiz erarbeitet Modell
Um schon im Vorfeld Gefahren abzuwehren, wurde im vergangenen Jahr eine Untersuchung für das derzeitige Nationalparkgebiet in Auftrag gegeben. Eine Fachfirma aus der Schweiz hat auf Basis von Geodaten für alle Gewässer des Nationalparks und alle Zuflüsse in einem Netz von Punkten im Abstand von zwei Metern zahlreiche Parameter modelliert. Dazu dienten unter anderem ein sehr detailliertes digitales Geländemodell, geologische Grunddaten sowie Daten zum aktuellen Baumbewuchs und zum Totholz.
Somit liegen für jeden dieser zahlreichen Punkte Daten darüber vor, welche Wassermenge und -höhe bei Starkregen zu erwarten ist sowie ob und wie viel Schwemmholz und Geschiebematerial das Hochwasser an jedem dieser Punkte „transportieren“ könnte.
Studie soll Vorschläge zu Schutzmaßnahmen liefern
Für das Pilotgebiet Rotmurg wurde das Modell von der „Hinweisstufe“ durch detaillierte Kartierung im Gelände zur „Detailstufe“ verbessert. Dabei wurden zum Beispiel Art, Größe und der Zustand von Verbauungen im Bachbett, die Menge an liegendem Totholz oder erosionsgefährdetes Material notiert. Dazu liefen Nationalpark-Ranger mit Tablets das Einzugsgebiet der Rotmurg ab. „Ein Riesenaufwand“, sagt Dreiser. Er erwartet von der Studie auch eine Aussage darüber, ob die Detailstufe tatsächlich bei jedem kleinen Bach im Nationalpark erforderlich ist. Außerdem soll die Studie Vorschläge liefern, wo welche Schutzmaßnahmen eingerichtet werden könnten, um Schwemmholz und Geschiebe an den Grenzen des Nationalparks zu minimieren.
Ein Ergebnis liegt zwar noch nicht vor und sei auch noch nicht abschätzbar, sagt Dreiser. Persönlich sieht er derzeit bei aller angebrachten Vorsicht „durch den Prozessschutz des Nationalparks keine gesteigerte Problematik hinsichtlich Hochwasser, Geschiebe- und Schwemmholzfracht“.
Aber bei Wetter und erst recht bei Starkregen wisse man ja nie...