Das klassische Schraubergeschäft nimmt ab. Foto: imago/photothek/Ute Grabowsky

Eine Studie der Landesagentur E-Mobil BW zeigt auf, wie sehr sich die Arbeitswelt in Autowerkstätten und Autohäusern wandeln wird. Was bedeutet das für die Kunden?

Motoröl ist für viele Autowerkstätten in Deutschland flüssiges Gold – das wissen die Werkstätten, und darüber ärgern sich mitunter auch die Kunden, die für den Liter deutlich mehr bezahlen müssen als im Baumarkt. Doch dieser Umsatz- und Gewinnbringer wird in den nächsten Jahren für viele Werkstätten nach und nach geringer ausfallen, weil immer mehr Elektroautos über Deutschlands Straßen rollen. Eine aktuelle Studie der Landesagentur E-Mobil BW zeigt die Folgen auf – wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu.

 

Wie werden künftig Defekte am Fahrzeug erkannt?

Der klassische Schrauber hat schon lange ausgedient – heute erledigen Mechatroniker die deutlich technischer gewordenen Reparaturarbeiten in den Werkstätten. Ohne elektronische Diagnosegeräte geht wenig. Nun steht der nächste technologische Schritt bevor: Mehr Fahrzeuge erhalten einen Zentralrechner mit weniger Zusatzgeräten. Tritt ein Defekt ein, werden Autos dies in vielen Fällen selbst erkennen und ihren Nutzern Lösungsvorschläge machen. Beispielsweise: „Soll ich für Sie einen Termin in der Werkstatt ausmachen?“

Warum werden viele Werkstatt-Termine in Zukunft entfallen?

Ein Zauberwort, das den Wandel beschreibt, lautet: „Over-the-air-Updates“. Der Begriff verdeutlicht, dass das Auto künftig per Funksteuerung drahtlos kommunizieren kann – mit dem Hersteller, mit Werkstätten, aber auch mit Teilen der Verkehrsinfrastruktur wie beispielsweise Ampeln. Für Reparatur- und Schadensfälle bedeutet dies, dass die Diagnose eines Defekts künftig öfter ortsungebunden aus der Ferne erfolgen kann. „Das Auto wird teilweise mit Systemupdates gewartet, ähnlich wie bei einem Handy“, erklärt Franz Loogen von der Landesagentur E-Mobil BW. Dass hat einschneidende Folgen: „Wenn dies möglich ist, müssen Kunden nicht mehr in die Werkstatt.“

Welche Folgen hat die wachsende Zahl von E-Autos?

In Elektroautos sind deutlich weniger Teile verbaut als in heutigen Fahrzeugen mit einem Benzin- oder Dieselmotor. Die Folge: Es verschleißen auch weniger Teile, die repariert werden müssen. Was für die Kunden eine gute Nachricht ist, stellt die Werkstätten vor eine strategische Herausforderung: Wie lassen sich neue Einnahmequellen erschließen? Aus Sicht der Landesagentur E-Mobil BW könnten vor allem Service- und Beratungsleistungen in Zukunft den Unterschied ausmachen – dazu zählt beispielsweise die Vermittlung von häuslicher Ladeinfrastruktur.

Um wie viele Beschäftigte geht es?

In Deutschland arbeiten laut einer Erhebung aus dem Jahr 2021 insgesamt 435 000 Menschen im Kfz-Gewerbe, allein Baden-Württemberg verzeichnet 78 000 Beschäftigte. Eine Studie der E-Mobil BW hat verschiedene Szenarien entworfen und geht in ihrer mittleren Prognose von nur noch 55 000 Arbeitsplätzen im Jahr 2040 aus. Dies entspricht einem Rückgang von 29 Prozent. Bei einem sich noch schneller vollziehenden Wandel könnten die Zahlen sogar um bis zu 47 Prozent sinken.

Was verändert sich für die Autohäuser?

Große Autohersteller greifen im Zuge von sich stark wandelnden Vertriebsstrukturen immer stärker in das Geschäft von klassischen Autohändlern ein. Sie eröffnen auf der einen Seite eigene Niederlassungen, die sich von klassischen Autohäusern deutlich unterscheiden. Diese „City-Showrooms“ oder „Pop-up-Stores“ befinden sich meist in Innenstadtlagen und sind eingebettet in eine attraktive Handelsumgebung – so wie beispielsweise der „Porsche Brand Store“ im Stuttgarter Dorotheen-Quartier.

Wie verändert die Digitalisierung den Autohandel?

Die Hersteller nehmen den Autohändlern auch über den Direktvertrieb von Fahrzeugen einen Teil der Umsätze weg. Eine wachsende Zahl von Kunden stellt sich ihre Wunschfahrzeuge über Online-Konfigurationen zusammen, der Weg zum Händler entfällt. Doch die Digitalisierung verändert den Autohandel noch in einem zweiten Punkt: Heute kaufen die meisten Kunden ein Auto, dessen Grundfunktionen sich über die gesamte „Lebensdauer“ hinweg kaum verändern. In Zukunft werden Verkaufs- und Vertriebsfragen über die komplette Nutzungsdauer hinweg eine Rolle spielen: Die Kunden können Zusatzfunktionen beim Navi, Unterhaltungsfunktionen oder flexiblere Lenksysteme jederzeit hinzubuchen. Diese werden dauerhaft oder wochenweise abonniert. Darauf muss sich der Handel einstellen.

Was müssen Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten leisten?

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) fordert angesichts der Transformation in der Automobilindustrie mehr Tempo: „Die Ausbildungsinhalte müssen schneller an den technologischen Fortschritt angepasst werden können. Nur so können wir weiter unser Kompetenzlevel in Baden-Württemberg halten.“ Während die Studie der Landesagentur insgesamt von weniger Beschäftigten im Kfz-Gewerbe ausgeht, steigt dennoch der Bedarf an Fachkräften, die vor allem eine Schlüsselqualifikation beherrschen: „Der Umgang mit digitalen Instrumenten muss eine Grundfertigkeit werden, genau wie Lesen, Schwimmen und Radfahren“, sagt Franz Loogen. „Das betrifft unseren gesamten Bildungsprozess.“