Jan Hooss arbeitet an einem Stuckrelief in der Lobby des New Yorker Hochhauses „180east 88th street“. Foto: Studio Yellowtrees, NY/Andreas Tellman

Sein kleines Atelier im Stuttgarter Osten ist unscheinbar. Dabei ist der Stuttgarter Stuckbildhauer Jan Hooss international gefragt – auch bei Stars wie Brad Pitt.

In diesem New Yorker Wolkenkratzer kauft man nicht nur eine Wohnung, man erhält auch eine Erzählung dazu – in Form zweier Bücher. „Stories“, Geschichten, und „Notes“, Notizen, steht auf den beiden Fotobänden, in denen der Stuckbildhauer Jan Hooss gerade auf der Suche nach seinem jüngsten Auftragswerk blättert. Mehrere Seiten darin sind der Arbeit des Stuttgarter Künstlers gewidmet, der in der Hochhaus-Lobby eines seiner Reliefs auf einer Kaminfront angebracht hat.

 

Der hochpreisige Luxus des von dem Jugendstil Gaudís und dem Art déco inspirierten Upper-East-Side-Wohnturms steht im krassen Gegensatz zu den spartanischen Verhältnissen, in denen Jan Hooss in seinem Souterrain-Atelier im Stuttgarter Osten arbeitet. Ausgebreitet ist hier in der Fülle der Bleistiftskizzen an der Wand und vieler plastischer Umsetzungen, die lebensecht wie Mitbewohner die Räume bevölkern, ein ganzes Künstlerleben. Da gibt es neben exakten Studien nach der Natur und Ornamentalem in alten Stilen auch freie Kunstprojekte wie die Skulptur eines Riesenbabys, die Hooss für die Serie „MAAMA“ an immer neuen Orten von Flensburg bis St. Tropez platzierte.

Experte für Stuckrestaurierungen

Das Nebeneinander zeigt, wie breit der Stuttgarter Künstler aufgestellt ist. Viele Jahre lang war Jan Hooss als Experte gefragt, wenn es um die Rettung alter Stuckarbeiten oder um ihre Rekonstruktion ging.

Als Stuckbildhauer konnte er bereits während seiner Ausbildung viel Wissen in Restaurierungsfragen sammeln, später hat er in der Sommerresidenz der Würzburger Fürstbischöfe oder über der Englischen Treppe des Dresdener Schlosses Stuckdecken rekonstruiert, hat in der Quirinuskapelle am Tegernsee, in vielen Palästen und ihren Gärten Putti, antike Helden und Rokoko-Ornamente wiederbelebt. Heute ist der Bildhauer mit seinem raren Können in Sachen Stuckkunst auf internationaler Ebene gefragt.

Die Restaurierungsaufgaben, von denen es derzeit weniger gibt, waren dabei Türöffner und Inspiration zugleich. Über seine Reliefs, die als plastische Zeichnungen zum Beispiel die Eingangshalle, ein Badezimmer und als veritabler Säulenwald den Salon auf Brad Pitts Weingut im südfranzösischen Miraval schmücken, sagt Jan Hooss: „Das ist eine ganz eigene Formensprache, die ich aus der intensiven Beschäftigung mit der Kunst des Rokoko gefunden habe.“

Lust an der Bewegung des Machens

Die Lust an der Bewegung des Modellierens, von der Jan Hooss dann erzählt, spricht aus vielen seiner Arbeiten und schlägt eine Brücke über Epochen, selbst wenn seine Reliefs völlige Abstraktion suchen. Sie bringt Oberflächen regelrecht zum Tanzen. Auch die floral rankenden und knorpelhaft sich auflösenden Ornamente des Rokoko, die Jan Hooss meisterhaft beherrscht, lassen sich durchaus als tänzerisch beschreiben.

Sie sorgen für Bewegung in Räumen, lösen Grenzen auf. „Ich mag die Nähe zu natürlichen Formen“, sagt Jan Hooss und weiter: „Beim Ornament gelten ähnliche Regeln wie in der Anatomie, wo eine Form in die andere übergeht. Wie beim Tanzen fließt eine Bewegung in die andere, das schafft immer wieder ein neues Gleichgewicht.“ Um das zu studieren, hat sich Jan Hoos früh mit dem Tanz beschäftigt. Er formte Tänzerkörper in Gips ab und präsentierte sie, in Einzelteile zerlegt, als „Dancerkits“; er zeichnete im Ballettsaal und begleitete etwa Marco Goeckes „Nussknacker“ mit Skizzen und kleinen Figuren, die sich mit bewegten Oberflächen und überlangen Gliedern wie der Tanz mit dem Raum verbinden. Schwer vorstellbar, dass der Künstler nach seiner Lehre sich eigentlich mit Statischem beschäftigen wollte.

Doch aus den Plänen für ein Architekturstudium wurde nichts. Helmut Reichwald vom Denkmalamt stellte die Weichen anders und brachte ihn mit dem Stuckbildhauer Xaver Mahler im Allgäu zusammen. „Da habe ich das Rokoko kennen- und schätzen gelernt und entsprechende Modelliertechniken“, sagt Jan Hooss. „Auch das Unterwegssein hat mir gefallen“, blickt der Künstler auf eine Zeit zurück, in der er privat viele Radrennen fuhr.

Jan Hooss zerlegte Tänzerkörper

Was mit Gips alles geht

Schon in der Ausbildung hat sich Jan Hooss mit dem Werk von Gaudí beschäftigt – und entdeckt: „Mit Gips kann man tolle Sachen machen. Das hat mich darin bestärkt, eigene Dinge auszuprobieren“, sagt der Künstler, der durch ein Bildhauerstudium bei Giuseppe Spagnulo in Stuttgart und bei Marie Jo Lafontaine in Karlsruhe seine Möglichkeiten erweiterte. In New York hat er nun an der Außenwand des Ateliergebäudes, in dem er sein Kaminrelief vorbereitete, eines seiner Ornamente wie ein plastisches Graffito hinterlassen.

Gegenentwurf zum Bauhaus-Dogma

„Das ist ein Fremdkörper, der wie eine Pflanze aus der Wand wuchert“, sagt Jan Hooss, der hofft, mit diesem Überraschungsmoment die Fantasie der Passanten anzuregen. Überhaupt versteht er seine Kunst als „Gegenentwurf zu einem rein technischen Denken“ und bedauert, dass diese Haltung in Deutschland wenig Anklang findet. „Hier gibt es ein Bauhaus-Dogma, alles ist rechtwinklig“, sagt Jan Hooss.

Ein Meister im Verfestigen des Zufälligen

Wie entsteht aus der Geste des Zufalls eine Form? Jan Hooss ist ein Meister im Verfestigen des Fließenden, auch die Porträts 36 berühmter Stuttgarter, die er für das Stadtmuseum aus Draht gebogen hat, zeigen das eindrücklich. Parallelen zum Leben zieht der Künstler bewusst: „Es geht von einer Form zur nächsten. Dazwischen muss man ausharren, bis wieder eine Tür aufgeht.“

Info

Künstler
Jan Hooss, 1963 in Stuttgart geboren, hat sich nach einer Ausbildung zum Stuckbildhauer in vielen Restaurierungsaufträgen wie in der Wallfahrtskirche Maria Steinbach intensiv mit barocker Stuckkunst beschäftigt: 2002/03 etwa in der fürstbischöflichen Sommerresidenz in Veitshöchheim oder von 2008 bis 2010 im Dresdener Schloss. Einem Bildhauerstudium bei Giuseppe Spagnulo folgten freie künstlerische Arbeiten wie die Serie „MAAMA“ (seit 1999). Mit Kurt Weidemann nahm er an Wettbewerben zur Gestaltung von Landes- und Bundestagsemblemen teil.

Projekte
Das „MAMMA“-Projekt mit der Riesen-Baby-Puppe Robert belebt Jan Hooss derzeit mit der Agentur Metavalue neu, um zehn NFTs zu schaffen und sein Werk fit für die digitale Zeit zu machen. Aktuell entstehen auch lebensgroße Figuren aus Draht, die sich vom Herbst an im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg mit Originalkostümen zum Leichenzug für König Ludwig formieren sollen; die österreichische Kaiserin Sissi ist auch dabei.