Die EnBW dreht kräftig an der Preisschraube: Haushaltsstrom wird in der Grund- und Ersatzversorgung um fast 16 Prozent teurer. Foto: imago/Panthermedia/tommyandone

Manche von ihnen waren 40 Jahre und länger bei der EnBW – doch jetzt sind die Kündigungen raus. Trotz sprudelnden Kassen erhöht der Energieriese die Preise drastisch – Kunden sind empört.

Als Hubertus Menze den Brief mit der angekündigten Strompreiserhöhung der EnBW liest, fällt der 67-jährige Rentner aus allen Wolken. Weil er sich seit Jahren mit dem Thema Energie beschäftigt, hilft der frühere Elektroingenieur im Ruhestand Freunden gerne bei Fragen rund um Strom und Gas. Was in der Nachricht der EnBW an eine Bekannte steht, macht ihn fassungslos: Die 79-Jährige soll bald ein Drittel mehr für ihren Strom bezahlen – 43,34 Cent pro Kilowattstunde (kWh).

 

Bisher lagen die Kosten im Tarif „EnBW Sorgenfrei und Grün Privatstrom“ noch bei 27,89 Cent/ kWh, geschützt durch eine Preisgarantie. Doch diese ist ausgelaufen – jetzt trifft die Seniorin die drastische Strompreiserhöhung der EnBW. Ihr monatlicher Abschlag verteuert sich um 16 Euro.

Deutschlands drittgrößter Energieversorger dreht beim Strom kräftig an der Preisschraube. Die Tarife für Millionen Kunden steigen zum 1. April um 15,9 Prozent. Manchen Verbrauchern blühen noch heftigere Kostensteigerungen. Das bestätigt eine EnBW-Sprecherin angesprochen auf Fälle wie den der 79-jährigen Stuttgarterin: „Wenn Kundinnen und Kunden über einen Vertrag mit langer Preisgarantie verfügen, die nun ausgelaufen ist, können sich Preise prozentual in größerem Umfang ändern“, beschreibt sie den Umstand, der einige langjährige Kunden veranlasst, der EnBW den Rücken zu kehren.

EnBW-Kunden enttäuscht: „Das ist Abzocke“

„Das ist Abzocke“, kritisiert Ruheständler Menze. Er ärgert sich darüber, dass einige Energiekonzerne ausgerechnet jetzt aufschlagen. Schließlich seien die Strompreise an der Börse doch seit Monaten im Sinkflug. Der frühere Ingenieur rechnet vor, was der Preis-Hammer aus Karlsruhe für seine Bekannte bedeutet: Bei einem Verbrauch von 2300 kWh würden ihre Jahreskosten auf 1165 Euro steigen. Im Vergleich zu jetzt müsste sie 523 Euro mehr zahlen. Für Menze ist das „jenseits von Gut und Böse“. Seiner Ansicht nach sollten die Kosten bei dieser Strommenge höchstens bei etwa 800 Euro liegen.

„Für viel Rentner machen 100 Euro einen Unterschied“, berichtet der 67-Jährige. Seine Hilfsbereitschaft hat sich rumgesprochen. Es sind meist Senioren, die mit dem Internet nicht so firm sind, die seine Unterstützung brauchen. Wenn es etwa darum gehe, Tarife mit besseren Konditionen zu finden oder den Stromanbieter zu wechseln, seien viele überfordert, zermürbt in Warteschleifen oder zu PIN-Nummern überfragt. Mittlerweile türmen sich die Strom-Unterlagen seiner Bekannten auf seinem Schreibtisch. In Vergleichsportalen im Internet sichtet er günstigere Neukundenangebote. „Das sind große Spannen. Die Ersparnisse können sich auf Hunderte Euro belaufen.“

Stromanbieter-Wechsel: Familie in Stuttgart kann 800 Euro sparen

Dass sich ein Stromanbieterwechsel lohnen kann, bestätigt auch Lundquist Neubauer vom Vergleichsportal Verivox. So könne eine Stuttgarter Familie mit einem Stromverbrauch von 4000 kWh derzeit einen Stromtarif mit zwölfmonatiger Preisgarantie für unter 27 Cent/kWh bekommen (Grundpreis und Bonus enthalten). Der Strom-Experte rechnet vor: „Im Vergleich zum Grundversorgungstarif spart die Familie so über 800 Euro pro Jahr.“ Die Gründe für die besseren Konditionen bei Neukundentarifen liegen im Großhandelsmarkt, erklärt der Strom-Experte. Denn dort, wo die Versorger die Energie für ihre Kundschaft kaufen, sind die Preise gesunken. Da sie näher am Markt kalkuliert werden, könnten Tarife für Neukunden günstiger angeboten werden – während Bestandskunden höhere Preise schultern müssen. Die paradoxe Situation liegt in den unterschiedlichen Beschaffungsstrategien der Versorger – in Kombination mit großen Preisbewegungen an den Strombörsen. „Kaufen Versorger sehr langfristig Strom ein, dann fallen die aktuellen Einkaufspreise bei der Tarifkalkulation weniger stark ins Gewicht“, sagt Spar-Experte Neubauer.

EnBW rechtfertigt die Preiserhöhung

Deshalb droht eine Preiserhöhungswelle – trotz sinkender Preise an den Strombörsen: „Nicht nur die EnBW auch andere Versorger erhöhen zum 1. April und das nicht zu knapp“, hatte Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg unlängst gewarnt – und Verbraucher zu einem Wechsel ermuntert: „Schauen Sie sich die Konditionen Ihres Grundversorgungstarifs genau an. Ist der Preis pro Kilowattstunde höher als 40 Cent beim Strom beziehungsweise 12 Cent beim Gas, sollten Sie einen anderen Tarif abschließen“, so lautet die Faustregel des Verbraucherschützers.

Die EnBW rechtfertigt die Preiserhöhung: „Die Kosten für die Beschaffung von Gas und Strom an den Börsen liegen nach wie vor auf hohem Niveau, verglichen mit den Preisen vor Beginn der Energiekrise“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Als Hauptgrund nennt der Konzern die gestiegenen Netzkosten, die sich infolge eines gestrichenen Bundeszuschuss zum Jahreswechsel von 3,1 auf 6,4 Cent pro Kilowattstunde mehr als verdoppelt haben. Während der Energiekrise habe der Grundversorger die „enormen Kostensteigerungen der letzten Zeit deutlich abfedern und faire Preise unter dem Marktdurchschnitt garantieren“ können.

Die Frage, ob die angekündigte Preiserhöhung vermehrt zu Kundenaustritten führt, lässt die EnBW-Sprecherin aus „Wettbewerbsgründen“ unbeantwortet. Sie erinnert daran, dass ein Wechsel von der Grund- und Ersatzversorgung zu anderen Stromanbietern auch ohne Sonderkündigungsrecht mit einer Frist von zwei Wochen jederzeit möglich ist. Ex-Elektroingenieur Menze rät jedem, möglichst schnell zu einem anderen Stromanbieter zu wechseln. Einer von seinen Freunden, seit 50 Jahren treuer EnBW-Kunde, war erst skeptisch mit dem Anbieterwechsel. „Du wirst sehen, dass der Strom nicht abgestellt wird“, beruhigt ihn Menze.