Der gigantische Stromausfall in Spanien bereitet vielen Sorgen. Weltuntergangsszenarien sind fehl am Platz, meint Wissenschaftsredakteur Werner Ludwig – und doch muss Deutschland bei der Stromversorgung handeln.
Der Stromausfall in Spanien und Portugal hat erneut gezeigt, wie abhängig unsere Zivilisation von einer sicheren Elektrizitätsversorgung ist. Ohne Strom funktionieren weder der Verkehr noch die Industrie, die Kommunikationsnetze oder der Finanzsektor. Und die Abhängigkeit wird durch den Umstieg von fossilen Brenn- und Kraftstoffen auf strombasierte Technologien wie Elektroautos und Wärmepumpen sowie die Elektrifizierung industrieller Prozesse weiter zunehmen. Ein funktionierendes Stromnetz ist zudem essenziell für die Digitalisierung, bei der Deutschland großen Nachholbedarf hat.
Zu Recht fragen sich deshalb nun viele, wie sicher unsere Stromversorgung ist. Immer wieder kursieren Weltuntergangsszenarien, wie sie etwa Marc Elsberg in seinem Roman „Blackout“ zeichnet. Der Autor dekliniert haarklein durch, was für schreckliche Dinge theoretisch passieren könnten, wenn es etwa wegen eines Hackerangriffs zu einem flächendeckenden und länger anhaltenden Stromausfall käme.
Gute Noten für das deutsche Netz
Nur halten praktisch alle maßgeblichen Energieexperten ein derartiges Szenario für extrem unrealistisch. Auch Spanien und Portugal waren davon meilenweit entfernt. Schon nach einem Tag war die Versorgung großteils wieder hergestellt. Wie es aussieht war für den Ausfall wohl kein Hackerangriff verantwortlich. Die genaue Ursache ist jedoch bislang unklar – was nicht unbedingt zur Beruhigung beiträgt.
Natürlich gibt es bei der Netzstabilität große Unterschiede zwischen Ländern und Regionen. Gerade das deutsche Stromnetz steht mit Blick auf Häufigkeit und Dauer von Stromausfällen im internationalen Vergleich sehr gut da. Richtig ist aber auch, dass hiesige Netzbetreiber heute öfter eingreifen müssen, um die Versorgung zu sichern. Das spiegelt sich in einem hohen Bedarf an teurer Regelenergie wider, die etwa aus schnell zuschaltbaren Kraftwerken kommt. Das Stromnetz hat die lästige Eigenschaft, dass zu jedem Zeitpunkt genauso viel Strom eingespeist werden muss, wie verbraucht wird. Sonst lassen sich Spannung und Frequenz nicht in dem für einen reibungslosen Betrieb nötigen engen Band halten.
Um die hohe Versorgungssicherheit angesichts des weiter steigenden Ökostromanteils auch in Zukunft zu gewährleisten, müssen jetzt die Weichen richtig gestellt werden. Ein zentrales Element ist dabei ein schnellerer Netzausbau auf allen Ebenen. Dieser Teil der Energiewende wurde in Deutschland lange Zeit nur stiefmütterlich behandelt, weil vor allem auf den raschen Ausbau der Erzeugungskapazität geschaut wurde. Ein engmaschiges Netz macht es leichter, Strom bei Störungen auf alternativen Routen weiterzuleiten. Auch europaweit muss die Verknüpfung der Netze dringend weiter vorangetrieben werden.
Unbestritten ist zudem, dass mehr Speicher gebraucht werden, um das Auf und Ab der Stromerzeugung aus Wind und Sonne auszugleichen. Ein großes, bislang kaum genutztes Potenzial liegt in der Flexibilisierung des Strombedarfs – also der intelligenten Steuerung einzelner Verbraucher. Ein moderner Gefrierschrank kommt bei hoher Nachfrage auch ein paar Stunden ohne Strom aus – und ein E-Auto lässt sich auch in verbrauchsarmen Zeiten laden.
Eine sichere Stromversorgung ist auch auf Basis erneuerbarer Energien möglich – unterstützt von einigen wenigen gasbetriebenen Reservekraftwerken. Zunächst braucht es dafür hohe Investitionen, doch auf längere Sicht entsteht so ein Energiesystem, das nicht nur klimafreundlicher, sondern auch wirtschaftlicher ist, als das bisherige System auf Basis fossiler Energieträger – die zudem enorme ökologische Folgekosten verursachen.