Früher waren sie eine Grundlage für die Ernährung - bisweilen gar (über)-lebenswichtig. Dann: Ausgemustert. Unrentabel. Uncool. Doch jetzt kehren sie zurück, feiern lokal eine grandiose Wiedergeburt: die Streuobstwiesen. Zum einen als schützenswertes Kulturgut. Zum anderen aber auch als gesunde, selbst produzierte Nahrungsquelle.
Die Gründe für die Renaissance der Streuobstwiesen sind vielschichtig. Der Zeitgeist. Körperliche Bewegung. Gesunde Lebensweise. Das hehre Ziel der Selbstversorgung. Und nicht zuletzt die Teuerungsrate bei Lebensmitteln. Zudem ist die Bewirtschaftung von Streuobstwiesen nachhaltig.
Mit über 5000 Tier- und Pflanzenarten gehören Streuobstwiesen zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. Insekten, Käfer, Hummeln und Bienen, aber auch Vögel und Säugetiere haben dort ihre Heimat. Diese Artenvielfalt basiert darauf, dass Streuobstwiesen die Eigenschaften lichter Wälder mit blühenden Wiesen vereinen. Sie bilden – inzwischen oft inmitten der Industrie- und Wohnbebauung und den ausgedehnten Wäldern – eine einzigartige Kulturlandschaft.
Um Streuobstwiesen neues Leben einzuhauchen, wurden viele, ganz speziell ausgerichtete Vereine gegründet. Vor allem traditionelle Obst- und Gartenbauvereine (OGBV) bemühen sich seit vielen Jahren um den Erhalt der Streuobstwiesen. Einer davon, in Gaggenau-Bad Rotenfels sesshaft, ist besonders aktiv. Auch, "weil es in der Region am Rande des Nordschwarzwalds das größte zusammenhängende Gebiet an Streuobstwiesen in Baden-Württemberg gibt", wie Jürgen Maier-Born sagt, der Vorsitzende des OGBV. Der zählt stolze 450 Mitglieder.
Kommerz kein Thema
In der idyllischen, Ruhe ausstrahlenden Vorbergzone in Bad Rotenfels sind 280 Hektar als Streuobstwiesen angelegt. Jürgen Maier-Born bedauert, dass es Vereine gibt, die sich zwar auch mit dem Erhalt der Streuobstwiesen beschäftigen, "aber manche verfolgen das Ziel der Vermarktung. Das ist für die OGBVs nicht relevant", sagt er. Im ökologischen Streuobstwiesenanbau kostendeckend zu arbeiten, sei nicht möglich. "Davon müssen wir uns verabschieden." Das sei aber nicht schlimm – da nicht nötig. "Denn Profit ist bei uns nie ein Thema."
Eine der Prämissen dort: Vielfalt bei den Baumarten – keine Monokultur. Übrigens: In Baden-Württemberg gibt es insgesamt rund neun Millionen Bäume. Entstanden sind die Streuobstwiesen auch, weil man jeden Quadratzentimeter zur Pflanzung nutzen wollte – und musste. Es wurden Hochstämme gepflanzt, um auch darunter etwas anpflanzen zu können. Heute sind fast alle Obstbäume "Halbstämme", die sind leichter zu pflegen und die Früchte einfacher zu ernten, sagte man.
Lieber Hoch als Halb
Jürgen Maier-Born, Jahrgang 1963, erinnert sich: "Meine ersten Bäume, die ich auf Rat hin pflanzte, waren Halbstämme. Die seien angeblich pflegeleichter." Das ärgert ihn noch heute. "Wenn ich mähe, schlage ich mir den Kopf an. Beim Hochstamm laufe ich drunter durch. Trägt der Halbstamm-Baum viel Obst – dann liegen die Äste fast auf dem Boden." Zudem hätten Tiere, besonders Vögel, einen angenehmeren Lebensraum im Hochstamm. "Der Wendehals, eine seltene Specht-Art, steht dafür beispielhaft." Die Vision des Ur-Badeners in Sachen Streuobstwiesen? "Den Bestand erhalten. Das ist auch beherrschbar." So könnte er sein großes Ziel erreichen: "Die Erhaltung der Kulturlandschaft", sagt er und erläutert: "Das bedingt, einzugreifen, den Baum zu pflegen, zu schneiden und nicht einfach wachsen zu lassen. Nur so erhält man diese Kulturlandschaft."
Seit 40 Jahren beschäftigt er sich mit Streuobstwiesen. 80 Zwetschgen-, 40 Pfirsich-, und ähnlich viele Mirabellenbäume hat er in dieser Zeit gepflanzt, gehegt und gepflegt. Gelernt hat er aber etwas ganz anderes: Maschinenschlosser. Aber seine Leidenschaft gehört der Gärtnerei, der "Landschaftspflege insgesamt". Die enorme Fachkompetenz hat er "sich selbst beigebracht". Inzwischen ist er ein absoluter Fachmann in Sachen Streuobstwiesen. Mit Leidenschaft kämpft der Vorsitzende des OGBV für deren Erhalt und wiederholt immer und immer wieder: "Das ist ein Kulturgut! Die Erhaltung dieser Kulturlandschaft, die über Generationen entstanden ist, liegt mir extrem am Herzen", sagt der 58-Jährige.
Auch wegen der Corona-Pandemie sieht die Zukunft rosiger aus. Der Gruppe der über 30-Jährigen hat es einen Schub gegeben. "Vor allem, wenn sie Kinder haben, wird intensiv an die gesunde, selbst produzierte Ernährung gedacht."
Der OGBV verfolgt das Ziel, "dass die Menschen das anbauen, was sie selbst verarbeiten, verwerten, einfach verbrauchen können." Er denkt an Marmelade, eingemachtes oder eingelegtes Obst.
Wie komme ich zur eigenen Streuostwiese?
Ganz pragmatisch ist das Vorgehen, wenn er oder einer aus dem OGBV gefragt wird: "Ich würde gerne eine Streuobstwiese anlegen und pflegen. Was tun?" Die Grundphilosophie: "Wir geben Hilfen. Wir beraten. Aber wir setzen auf die Eigenverantwortung, setzen auf Eigeninitiative." In Kursen wird Basiswissen vermittelt. "Die Wurzel nach unten, das Astwerk nach oben", sagt er, schmunzelt, ohne weiter ins Detail zu gehen. Bei der Größe des Grundstücks gibt es für eine Streuobstwiese keinen Richtwert. Die Anzahl der Bäume richtet sich nach den Quadratmetern. "Grundsatz ist: Große Abstände, um den Streuobstwiesencharakter zu erhalten. Eine tolle Sache sind rund 20 Meter von Baum zu Baum. Sonst bekommt man einen Plantagencharakter."
Einige Streuobstwiesen-Aspiranten schreckt der zeitliche Aufwand im Jahr ab. Doch der ist minimal: "Für Mähen, Schneiden, etwas Pflegen – Wässern ist nicht nötig – so zwei, drei Stunden im Monat. Die reichen locker!" Dreimal im Jahr steht das Mähen unter den Bäumen an. Sollte ein Landwirt in der Nähe sein, übernimmt der das meist gerne. "Doch dann sind, weil die riesige Maschinen haben, große Abstände unerlässlich."
Zwei Faustformeln
In Sache Baumpflege gelten zwei Faustformeln: Je älter der Baum, desto mehr ist es nötig zu schneiden und zu pflegen. "Absolut entscheidend sind die ersten fünf Jahre. Fehler, die da gemacht wurden, sind nur schwer auszumerzen. Das heißt: Nur drei Hauptäste zulassen, damit ich den Baum immer bewirtschaften kann. So hat er genug Licht, der Wind kommt durch. All das hilft, Pilzerkrankungen zu vermeiden."
Hinsichtlich der Auswahl der Baumsorte werden Fragen gestellt: Welche Obstsorten mag jemand? Was macht man mit dem Obst? "Äpfel sind zum Beispiel länger haltbar, lassen sich lagern, Kirschen nicht. Wir beraten, helfen bei der Beschaffung der Pflanzen." Besonders wichtig: Die OGBV in Baden-Württemberg besorgen Fördermittel. "Die können bis zu 70 Prozent der Kosten betragen. Das Land fördert die Erhaltung der Streuobstwiesen – aber man muss dieses Geld auch abrufen."
Interessenten wird auch klar gemacht, dass man mit Jahren rechnen muss, in denen es weniger Ertrag gibt. Alles sei ein Kreislauf. "Im Streuobstbau haben wir Alternanz, das heißt: Ein Jahr gibt es viel Ertrag, dann erholt sich der Baum ein Jahr. Wenn es besonders gute Ernten gibt, dann wird Saft gekeltert, oder der OGBV beschenkt Schulen oder soziale Einrichtungen.
Ein Jahr gut – ein Jahr schlecht
Düngen ist nicht notwendig. "Im Streuobstbau geben wir dem Baum die Zeit." Ökologisch heißt: den Baum hegen und pflegen – nie mit chemischen Verbindungen spritzen. Wenn man düngen will oder muss, dann sollte man an junge Bäume Holzasche geben. "Ich mulche das Gras, das nach dem Mähen liegen bleibt." Zudem seien die Bodenverhältnisse in der Vorbergzone ideal. "Ein Löss-Lehm-Boden ist ein nahezu genialer Wasserspeicher." Erwerbsobstbauern schlagen der Alternanz in ihren Plantagen ein Schnippchen. Durch Düngung. Dann können die Bäume auch bei hohem Ertrag für das nächste Jahr genug Nährstoffe einlagern. "Aber das brauchen wir nicht, wir pflanzen einfach einen oder zwei Bäume mehr, dann bleibt auch in schlechten Ertragsjahren noch genug für den Eigenverbrauch."
Die Auswahl der neu zu pflanzenden Obstbäume erfolgt auch unter der Prämisse: "Klimawandel – Hitzeverträglichkeit". Man hat erkannt, dass Nussbäume am heftigsten leiden. Ein Vorteil: Die meisten Obstbäume ziehen ihre Nährstoffe aus der oberen Erdschicht, die sei – trotz der trockenen Phasen – feuchter als tiefere Schichten. "Wir haben Probleme – aber nicht in der Dimension, wie es im Wald der Fall ist." Doch in heißen Jahren bekamen Äpfelbäume tatsächlich Sonnenbrand. "Die Früchte verbrennen geradezu, verkochen, sehen aus wie Apfelmus. Da wird eine Selektion stattfinden. Es wird Obstsorten geben, die damit nicht klarkommen. Da muss man beobachten und abwarten. Genau geklärt ist das noch nicht."
Baden-Württemberg: Land der Streuobstwiesen
Es gibt sie im Badischen – aber auch im schwäbischen Landesteil werden Streuobstwiesen gehegt und gepflegt. In beiden Regionen war seit Generationen die Mehrfachnutzung des Geländes, das Arbeiten auf mehreren Ebenen, die Normalität. Die Unterschiede: Im Schwäbischen gab es einen Streuobstgürtel um die Ortschaften. Das waren Wiesen für Kühe oder Ziegen, auf denen Bäume gepflanzt wurden. Da war es einfacher als im Badischen, denn man musste nur mähen. Um eine Mehrfachnutzung problemlos umsetzen zu können, wurden vorwiegend hochstämmige Bäume gepflanzt. Darunter konnte man die Erde besser bearbeiten.
Im Badischen waren es Äcker, die bepflanzt wurden, auf denen Obstbäume gezüchtet wurden. Aber: Auf einem Acker mussten die Abstände zwischen den Bäumen größer sein, sonst wäre nichts bis wenig gewachsen. Daher sind die Streuobstwiesen im Badischen größer. Der Badener Jürgen Maier-Born erklärt: "Wenn auf einem Acker von zehn Ar Kartoffeln gepflanzt wurden, dann waren nur drei Obstbäume möglich. Sonst hätte es zu viel Schatten und damit zu wenig Kartoffelertrag gegeben." Im Schwäbischen konnte man dichter pflanzen: "Das Gras wächst auch im Schatten."
Das Streuobstwiesen-El-Dorado im Murgtal
Markgraf Wilhelm von Baden (* 30. Juli 1593 in Baden-Baden; † 22. Mai 1677 ebenda), der in Rotenfels ein landwirtschaftliches Mustergut betrieb, war mitverantwortlich für die Entstehung der Streuobstwiesen im Murgtal. Er ließ hochstämmige Bäume pflanzen, um die Wiesen und Felder mehrfach bewirtschaften zu können. Diese Tradition hat sich bis heute erhalten. Die Obstwiesen zwischen Muggensturm und Bad Rotenfels stellen übrigens Baden-Württembergs größtes zusammenhängendes Streuobstgebiet dar.
Seit rund 25 Jahren setzt sich der Bad Rotenfelser Obst- und Gartenbauverein für bezuschusste Hochstammpflanzaktionen ein. In der "Winkler Vorbergzone" wurden etwa 2.000 Obstbäume gepflanzt. Damit konnte der Bestand der einzigartigen Kulturlandschaft "Streuobstwiesen" gesichert werden, so wurde das Überleben der vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt gewahrt.
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