Eine GEW-Umfrage spricht dafür, dass die meisten Viertklässler den neuen Grundschultest verhauen haben. Auch die Lehrer sind unzufrieden – das Wichtigste im Überblick.
Beim ersten flächendeckenden Kompass-4-Test der baden-württembergischen Viertklässler im November hat es laut einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) noch größere Probleme gegeben als bisher angenommen. Laut der Befragung, die die Landes-GEW an diesem Mittwoch vorgestellt hat, haben achtzig Prozent der Lehrkräfte angegeben, dass die Testergebnisse in größerem Ausmaß von ihrer eigenen Kompetenz- und Leistungseinschätzung der Schüler abweichen. „Ein Großteil der Schüler und Schülerinnen konnte die Mathematik-Aufgaben in der vorgegebenen Zeit nicht beantworten“, teilte die Gewerkschaft weiter mit.
GEW fordert Verzicht auf Kompass 4
Zwei Drittel der befragten Lehrkräfte bezeichnet das neue Verfahren zur Ermittlung der Grundschulempfehlung, bei dem der Lernstandstest Kompass 4 ein Baustein ist, als „überflüssig und wenig sinnvoll“. Die GEW-Landeschefin Monika Stein appellierte an Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), die Konsequenzen zu ziehen und die übereilte Einführung des Tests sowie die reformierte Grundschulempfehlung, bei der den Eltern erstmals nicht mehr das alleinige Entscheidungsrecht über die weitere Schullaufbahn ihrer Kinder zugestanden wird, zurückzuziehen. Stattdessen soll die Empfehlung der Grundschule für das Gymnasium als weiterführende Schulart wieder verbindlichen Charakter haben. Wenn Elternwunsch und Empfehlung nicht übereinstimmen, soll ein weiterer Test die Entscheidung bestimmen.
„Wir brauchen kein neues Grundschul-Abi, das Kinder und Eltern mit fragwürdigen Inhalten unnötig unter Druck setzt“, erklärte Stein am Mittwoch in Stuttgart. Die Gewerkschaft hatte landesweit 22 Fragen zum Kompass-Test an ihre Mitglieder an Grundschulen in Baden-Württemberg geschickt, die innerhalb einer Woche von gut 1100 Lehrkräften beantwortet wurden. An den 2323 öffentlichen Grundschulen werden etwa 100 000 Schüler unterrichtet. Es gibt landesweit etwa 5000 vierte Klassen.
Für Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sind die Ergebnisse ein Schlag ins Kontor, schon weil die Schulgesetzänderungen über die anstehenden Reformen im Landtag noch gar nicht beraten, geschweige denn beschlossen sind. Die GEW hat sich immer gegen die von der grün-schwarzen Koalition geplanten Veränderungen bei der Grundschulempfehlung positioniert. Sie kritisiert jetzt auch, dass die Reformen rechtlich noch nicht abgesichert waren und erwägt deshalb eine juristische Prüfung, ob die Voraussetzungen zur Einführung von Kompass 4 überhaupt gegeben waren.
Ursachenforschung steht noch aus
Ganz ohne Erfahrungen sind die Schulen allerdings nicht in den flächendeckenden Viertklässlertest in diesem Schuljahr gestartet. Kompass 4 konnte schon im vorigen Schuljahr stattfinden – allerdings auf freiwilliger Basis und nur, wenn die jeweilige Grundschule sich dafür entschieden hat. Eigentlich sollten die Mehrzahl der Viertklässler im Land mit den Anforderungen des Kompetenztests keine Schwierigkeiten haben, denn sie sind angelehnt an die Bildungspläne der vierten Klasse.
Dass eine Mehrheit der Schüler damit größere Schwierigkeiten hatte als die Lehrer es erwartet haben, ist Gegenstand von Interpretationen. Möglich ist, dass die Tests falsch konzipiert und zu schwer waren, denkbar ist auch, dass das Mathematik-Niveau der Viertklässler schlechter ist, als die Bildungsstandards es erfordern. Das Kultusministerium hat eine Auswertung der Ergebnisse von Kompass 4 liegt in einigen Wochen angekündigt. Dabei soll dem Vernehmen nach auch eine Evaluation und gegebenenfalls eine Anpassung des Kompetenztests erfolgen.