Vor dem Bürgerentscheid in Vöhringen am 9. Juni gibt es eine Infotour zu einem Windpark in den Hegau. Die bringt neue Erkenntnisse.
Knapp 30 Vöhringer steigen auf dem Dorfplatz in den Bus ein. Mit dabei sind Bürgermeister Stefan Hammer, die Gemeinderäte Andrea Kopp und Kornelia Ullmann sowie Franz Ecker von der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg.
Die Initiative Pro Windkraft hat die Fahrt zu einem Windpark an der Schweizer Grenze organisiert, um Informationen aus erster Hand zu bekommen und sich die dort errichteten Anlagen auch anzuschauen. Ein paar Leute mehr hätten es sein dürfen, im Bus bleiben Plätze frei, doch es ist kein ideales Ausflugswetter.
Viele Fragen schon während der Fahrt beantwortet
Während der Fahrt hat Franz Ecker schon mal etliche Fragen zu Windkraftanlagen beantwortet. Derzeit großes Thema in Vöhringen: Am 9. Juni steht der Bürgerentscheid an, ob die Gemeinde eigene Grundstücke in Waldgebieten an Windkraftbetreiber verpachten soll. Die Windkraftgegner haben bei einer Veranstaltung in der Tonau-Halle gegen eine Verpachtung Stimmung gemacht. Neu gegründet hat sich jetzt die Bürgergruppe pro Windkraft.
Windräder rücken ohnehin nahe an Vöhringen heran
Vöhringen sitzt gewissermaßen in der Zwickmühle. Von Bochingen und von Sulz her sollen Windräder errichtet werden. Auf Vöhringer Gemarkung könnten sechs weitere Anlagen gebaut werden, und dies auf Gemeindegebiet. „Die Verpachtung bringt uns viel Ertrag“, sagt Andrea Kopp. Pro Windrad und Jahr könnte mit einem Betrag zwischen 100 000 und 300 000 Euro gerechnet werden. Werde in Vöhringen nicht gebaut, dann auf der benachbarten Rosenfelder Gemarkung, meinte Kornelia Ullmann, so gesehen gehe es eigentlich nur um drei Windräder. Zudem sei der Vöhringer Wald ein „Nutzwald und wird auch so betrieben.“
Der Bus nimmt die Ausfahrt bei Immendingen und fährt weiter Richtung Blumberg. Tengen-Wiechs, der Zielort, ist nach etwa anderthalb Stunden erreicht. In der kleinen, schmucken Gemeindehalle des 420-Einwohner-Orts werden die Fahrtteilnehmer von Ortsvorsteherin Gabi Leichenauer und Jutta Gaukler von der Energieagentur Kreis Konstanz empfangen. Auf der bewaldeten Höhe von Wiechs sind 2017 drei knapp 200 Meter hohe Windkraftanlagen in Betrieb genommen worden. Sie gelten als Vorzeigeprojekt in der Region, nicht zuletzt auch wegen der Bürgerbeteiligung.
Bürger von Anfang an mitgenommen
Der Betreibergesellschaft – der Hegauwind GmbH und Co.KG-Verenafohren – gehören elf Mitglieder an. Das sind unter anderem Stadtwerke aus den Landkreisen Konstanz, Tuttlingen und der angrenzenden Schweiz. 80 Waldbesitzer aus dem Ort haben ihre Grundstücke verpachtet. Die Bürger seien von Anfang an mitgenommen worden, erzählt die Ortsvorsteherin, Widerstand habe es keinen gegeben und bis heute auch keine Beschwerden.
Aufgeschlossener Bürgermeister
Allerdings hatte die Stadt Tengen einen gegenüber Windkraft aufgeschlossenen Bürgermeister. Die Kommune profitiert nun davon, zumal eine Anlage auf Gemeindefläche steht. Mit den Einnahmen, verdeutlicht Jutta Gaukler, könnten zwei Erzieherstellen finanziert werden.
Der Bus fährt noch bis zum Ortsrand, muss dann aber parken. Es geht von dort mehr als einen Kilometer zu Fuß weiter, teilweise steil bergauf bei immer stärker einsetzendem Regen. Die etwa vier Meter breite Straße ist am Steilhang asphaltiert, weiter ober nur noch mit einem wasserdurchlässigen Belag versehen. Sie war während der Bauzeit die Zufahrt für die Schwertransporter. Die einzelnen Teile der Windräder – der Rotor hatte eine Länge von mehr als 60 Metern – sind auf einer gegenüberliegenden Wiese zwischengelagert worden.
Energie wird teilweise exportiert
Natur pur am Wegrand: Eine Blumenwiese erfreut das Auge, und oben haben die Spaziergänger einen wunderschönen Blick auf die Vulkankegel des Hegaus. Die Gegend ist dünn besiedelt. Da stellte sich für die Projektierer die Frage, wohin mit 20 Millionen Kilowattstunden Strom, die die drei Anlagen produzieren. Damit können immerhin 20 000 Menschen versorgt werden. Die Firma Stihl ist in Wiechs zwar angesiedelt, aber ansonsten gibt es hier wenig Industrie. Ein Teil des Stroms wird daher in die nahe Schweiz exportiert, weshalb auch die Stadtwerke Schaffhausen als Betreiber mit dabei sind.
In Vöhringen wäre die Flächenakquise nicht das Problem
Bei 80 Eigentümern erwies sich die Flächenakquise als eine Mammutaufgabe. Dieses Problem würde sich in Vöhringen nicht stellen: „Sie haben es einfacher. Wenn die Flächen der Gemeinde gehören, können Sie sich glücklich schätzen“, sagt Jutta Gaukler. Jedoch werden heute wesentlich höhere Windenergieanlagen gebaut. Die modernsten erreichen Höhen zwischen 250 und 270 Metern.
Wieviel Wald fallen muss
Wie viel Wald muss abgeholzt werden? Da ist auch in Wiechs einiges gefallen, jedoch sei der Einschlag auf das Notwendigste reduziert worden, informiert Jutta Gaukler. So ist nur der Kurvenbereich der Zufahrt auf bis zu acht Metern ausgebaut worden. Dauerhaft frei bleiben muss für Wartungsarbeiten ein Bereich rund um die Anlagen. 7,6 Hektar seien durch Sukzession, Neupflanzungen und Biotopen in der Umgebung ausgeglichen worden. Der Naturschutz war ein Thema: Hierbei ging es um den Milan, aber auch um Fledermäuse, Haselmäuse und Ameisen. „Wir hatten ein gutes Verhältnis zum BUND“, berichtet Jutta Gaukler. Die Auflichtungen hätten für Flora und Fauna andererseits Vorteile gebracht, und die Waldeigentümer bekamen bessere Zufahrten zu ihren Grundstücken.
Ausgerechnet jetzt steht das Rad
Ein bisschen enttäuscht stellen die Exkursionsteilnehmer fest, dass sie oben am Windrad überhaupt nichts hören. Es ist abgeschaltet, möglicherweise wegen Wartungsarbeiten. Ein Serviceauto ist ihnen am Bus von oben her entgegengekommen. Bei dem inzwischen strömenden Regen verzichtet die Gruppe darauf, zum nächsten Windrad weiterzuwandern.
Weniger Betonbedarf als erwartet
Was auch interessiert: Wie viel Beton musste verbaut werden? Nach Auskunft von Jutta Gaukler waren es 600 Kubikmeter Stahlbeton. Dass dieses Material komplett wieder rückgebaut werden kann, haben die Vöhringer bereits im Bus von Franz Ecker erfahren. Kein Anlagenbetreiber lasse Stahlbeton liegen: „Das ist Kapital.“ Das Fundament ist bei einem Durchmesser von 21 Metern auch nur 3,25 Meter tief. Diese Information überrascht die meisten ebenfalls. Die Gesamtkosten des Projekts lagen bei 16,3 Millionen Euro.
Die Planung in Wiechs dauerte von Herbst 2012 bis Frühjahr 2016. Innerhalb eines weiteren Jahres sind die Anlagen mit einer vorgesehenen Betriebsdauer von 20 Jahren aufgestellt worden. Sechs bis acht Jahre dürften vergehen, bis in Vöhringen Windräder stünden, schätzt Franz Ecker.
Als die Teilnehmer sich auf den Rückweg machen, werfen sie noch einen Blick zurück auf das Windrad. Die Rotoren sind inzwischen fast vollstndändig in den Wolken verschwunden. Gerade wieder zurück im Bus, hört der Regen auf. Die Ausfahrt habe sich gelohnt, stellt einer der Teilnehmer fest.