Mit einem Schild hat Fensterbauer Markus Jourdan seinen Unmut über Grünen-Politik zum Ausdruck gebracht. Beim Gesprächstermin mit fünf Vertretern der Partei in seinem Betrieb zeigt sich: Er hat sehr viele Unternehmer auf seiner Seite.
Das Schild des Anstoßes hing am Mittwochnachmittag an der Fassade des Firmengebäudes: „Sympathisanten und Wähler der ,Grünen’ möchten wir in unserer Werkstatt nicht bedienen. Diese Menschen sind schuld am Untergang des Mittelstandes! Wir danken für Ihr Verständnis.“ Was Markus Jourdan von „Jourdan Fensterbau Innenausbau“ in Althengstett damit auslösen würde, das war ihm vorm Aufhängen wohl selbst nicht klar. Es mündete indes in ein Gespräch mit fünf Vertretern der Partei Bündnis 90/Die Grünen am Mittwochnachmittag in Jourdans Betrieb.
Die Veranstaltung In der Haut von Johannes Schwarz, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Calwer Kreistag, Philipp Jourdan, Ortsverbandsvorsitzender und Gemeinderat in Althengstett, von Grünen-Kreisvorsitzender Anke Much, dem Landtagsabgeordneten Peter Seimer (Wahlkreis Leonberg-Herrenberg) und dem Bundestagsabgeordneten Tobias Bacherle (Wahlkreis Böblingen) wollte man nicht unbedingt stecken. Sie saßen an einem langen Tisch und blickten auf an die 70 Zuhörer, darunter viele weitere Unternehmer, die sich zu dem Gespräch in dem Fensterbaubetrieb ebenfalls eingefunden hatten.
Allerdings: Auch Firmenchef Markus Jourdan war die Anspannung anzumerken. Er bekam bereits den ersten, lauten Applaus, als er berichtete, dass er das Schild vor etwa drei Wochen aufgehängt hatte. Er sei eben mit den Inhalten dieser Partei nicht zufrieden. Weil er nichts ändern könne, habe er mit dem Schild ein Statement abgegeben. „Damit ich zufrieden bin.“ 500 E-Mails habe er daraufhin bekommen, 97 Prozent seien positiv gewesen. Dafür erhielt Jourdan wieder lauten Applaus.
Das sagen die Grünen Grünen-Ortsverbandsvorsitzender Philipp Jourdan machte den Auftakt. Er dankte zwar für den Termin, merkte allerdings auch an, dass dieser „natürlich unglücklich entstanden“ ist. Und er betonte, dass die Grünen das Gesprächsangebot gemacht hätten. „Das Schild ist inakzeptabel“, sagte Jourdan. Was zur Folge hatte, dass einige Zuhörer dazwischenriefen: „Da sind wir ganz anderer Meinung!“
Der Ton war damit gesetzt. Trotz Ermahnung des Moderators Andreas Rommel, die jeweiligen Sprecher ausreden zu lassen, kam es in der Folge immer wieder zu Zwischenrufen. Die Zuhörer, das zeigte sich auch an späteren Wortmeldungen deutlich, teilen die Sicht Markus Jourdans. Zusammengefasst: zu viel Bürokratie, zu viele Vorschriften, zu hohe Kosten und Steuern – und in der Folge der drohende Ruin des Mittelstands.
Anke Much dagegen berichtetet von gänzlich anderen Reaktionen: „Die Leute fühlen sich von dem Schild sehr abgestoßen.“ Und für Johannes „Joe“ Schwarz ist an dem Schild nicht zu akzeptieren, dass es Grünen-Wähler mit einschließt. Wenn einer bei der Wahl ein Kreuzchen mache, dann nehme er keine Schuld auf sich. Er wollte wissen, wo wir hinkämen, wenn ein Feuerwehrmann vorm Löschen erst fragen würde, was das Brandopfer gewählt hat.
Das sagen die Zuhörer Aus dem Publikum meldete sich als Erstes Stefan Petrov zur Wort – nach eigenen Angaben selbstständig mit mehreren kleinen Firmen. Er habe sich „hart hochgearbeitet“. Statt allerdings auf das Thema Mittelstand zu sprechen zu kommen, wollte er zunächst einmal loswerden, dass er als Ungeimpfter und Teilnehmer von Demonstrationen – die Rede war offenbar von Corona-Montagsdemos – in den vergangenen drei Jahren diskriminiert worden sei. Eine weitere Impfgegnerin meldete sich als Nächstes. Sie kritisierte allerdings auch die Besteuerung der Renten.
Mit der Wortmeldung eines gelernten Heizungsbauers ging es zurück zum Thema. Er profitiere von „dieser Politik“, damit zielte er auf das Gesetz zum Erneuerbaren Heizen ab, höre aber auch, wie die Leute das fänden. Und: Er gebe bei der Wahl seine Stimme ab. „Danach hab ich keine Stimme mehr", und die Politiker machten, was sie wollten.
Horst Kögler, Ofen- und Schornsteinbauer mit eigenem Unternehmen, kritisierte: „Jeden Tag wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben.“ So gehe es mal darum, Pelletöfen zu verbieten, während sie zeitgleich subventioniert würden. Die Folge seien unsichere Kunden und Auftragsrückgänge von 30 Prozent.
Richard Bauer, dessen Familie eine Spedition betreibt, erklärte, er habe sich an Jourdans Schild gestört – weil es ihn ans Dritte Reich erinnert habe. Zugleich merkte er an: Seines Eindrucks nach hätten die Grünen in der Opposition bessere Politik für den Mittelstand gemacht. „Die Zeiten sind aber leider lang vorbei.“ Nun machten sie Politik für die Großindustrie.
Mancher ruft genervt dazwischen
Markus Jourdan wollte anschließend wissen: „Was machen Sie Gutes für die deutsche Bevölkerung und für den Mittelstand?“ Peter Seimer antwortete unter anderem, dass jede demokratische Partei glaube, das Richtige zu tun. Doch Politik sei nicht immer richtig oder falsch. Er sprach vom Klima, von neuen Jobs. Und er sprach sich dafür aus, Industrie und Handwerk – gemeint waren Großunternehmen und kleine Betriebe – nicht mehr in einen Topf zu werfen.
Mit den Antwortversuchen waren die Zuschauer hörbar nicht einverstanden. So rief Stefan Petrov dazwischen: „Migration läuft scheiße“, genauso Wirtschaft und Rente. „Was ist das für eine Politik?“
Tobias Bacherle betonte, dass die Grünen massiv den Ausbau erneuerbare Energien forcierten. Dass indes die Debatten rund um das neue Heizungsgesetz „nicht gut“ waren, das gab er zu.
Erst gegen Ende wird es versöhnlicher
Gerade an diesem Gesetz und den Querelen, am Abschalten der Atomkraftwerke ohne Alternativen und explodierenden Energiekosten („Die bringen uns um“, erklärte ein Zuhörer) und an der Tatsache, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung Steuern bezahlt, und ein großer davon lebt, störten sich die Anwesenden. „Wie soll das gehen?“, wollte der Inhaber einer Autolackiererei wissen.
Auf der anderen Seite argumentierte etwa Johannes Schwarz, dass langfristige Herausforderungen frühzeitig angegangen werden müssten. Und Philipp Jourdan, dass neue Technologien eben erst einmal teuer sind.
Am Ende Versöhnlicher wurde die Stimmung erst gegen Ende, mit einem langen Beitrag von Tobias Lutz, Zimmermeister aus Gechingen. Er berichtete von einer Firma in Deutschland, die aus alten Windrädern Terrassenbeläge macht. Und fragt sich, warum Photovoltaikanlagen nicht wieder in Deutschland hergestellt werden sollen. Das sind Themen, bei denen Lutz und die Grünen-Politiker gar nicht weit weg voneinander waren, und die Zuhörer zuhörten, ohne dazwischen zu rufen.
Und Markus Jourdan? Der hat zwar Zweifel, dass sich an der Grünen-Politik etwas ändern wird. Aber sagt: „Der Dialog war wichtig.“