Wann gibt es das letzte Glas Wein oder Bier – diese Frage stellt sich in VS unter verschiedenen Blickwinkeln. Foto: Pixabay/Hans Braxmeier

Zu laut, zu früh Schluss? Ein Dauerthema in Villingen-Schwenningen. Der Dehoga will die Lärmgrenzen für Außengastronomie kippen – gegen Kneipensterben, für sichere Städte.

Der Hotel- und Gaststättenverband möchte die geltenden Lärmschutzregeln für die Außengastronomie in den Abend- und Nachtstunden kippen.

 

Zur Stärkung der Gastronomie, zur Sicherheit der Bürger und gegen Vereinsamung.

Die Sperrzeiten im Allgemeinen sind einer der Aufreger in Villingen-Schwenningen, ebenso wie die unterschiedlichen Schließzeiten für die Außengastronomie in der Villinger Innenstadt.

Nicht nur betroffene Wirte schütteln den Kopf über dieses Kuriosum, sondern auch viele Gäste. Michael Steiger erklärt im Gespräch mit der Redaktion, was es mit dem Vorstoß des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes auf sich hat. Und was weniger Lokale und immer stiller werdende Städte mit Sicherheit und zunehmender Vereinsamung zu tun haben.

Ein Fünf-Punkte-Programm

Wieso prescht der Dehoga-Bundesverband jetzt mit einem Fünf-Punkte-Programm vor und plädiert für eine Korrektur der TA Lärm, der Basis für die geltenden Lärmschutzvorgaben?

Unser Fünf-Punkte-Programm ist nun öffentlich, weil wir die Politik im Bund eingeschaltet haben. Wir haben das Thema schon seit Jahren auf dem Schirm, sind aber keine Trommlervereinigung und machen erstmal fundierte Arbeit im Stillen.

Michael Steiger betrachtet die Sperrzeiten-Debatte von Villingen-Schwenningen schon seit Langem. Foto: Eva-Maria Huber

Bekommen Sie, mal abgesehen von Gastronomen, noch weitere Unterstützung für Ihre Initiative?

Der Bund der Diskotheken unterstützt unser Vorhaben. Und selbst Kommunen sind auf uns zugegangen, weil sie es ähnlich wie wir sehen: Da müsste sich doch endlich etwas an der geltenden TA Lärm ändern. Aus gutem Grund, denn auch Städte wie VS sehen sich immer wieder mit Anwohnerbeschwerden und Klagen konfrontiert. Einer der Gründe für den Korrekturbedarf ist für den Verband das weiter grassierende Gastronomie-Sterben.

Wie dramatisch schätzen Sie die Situation anhand der Zahlen ein?

Im Jahr gehen in Baden-Württemberg in etwa 2000 Lokalen die Lichter aus, zwar eröffnen wieder neue Gaststätten und Kneipen, aber von denen geben 60 Prozent nach gut drei Jahren wieder auf. Auch die Zahl der Eckkneipen wird immer weniger. Für viele Menschen, gerade wenn sie alleinstehend sind, ist das ein großer Verlust.

Ein Verlust deshalb, weil immer mehr Männer wie Frauen einsam sind?

Diese Entwicklung wird ja auch durch aktuelle Studien belegt. Natürlich. Wem die Decke zu Hause auf den Kopf fiel, der ging einfach in die Kneipe im Quartier. Dort traf man immer jemanden, mit dem man reden konnte.Doch es gibt eben immer weniger dieser Kneipen.

Zurück zur TA Lärm: Warum ist Ihrer Meinung nach eine Grenze von 45 Dezibel völlig weltfremd, die nach 22 Uhr für die Außengastronomie in Mischgebieten wie der Färberstraße gilt?

Die TA Lärm bezieht sich eigentlich auf Industrielärm. Lärm aus Kindergärten und Biergärten mit dem Krach aus Industriebetrieben, von Bohrern etwa, in einen Topf zu werfen, ist sicher nicht schlüssig und weltfremd. Ausnahmen wurden bereits gemacht, bei Kitas zum Beispiel, bei der Außengastronomie leider noch nicht. Und auf eine solche Änderung möchten wir hinarbeiten.

Wir wären bei unserem Interview, bezüglich Dezibelwerten auch schon jenseits von Gut und Böse?

Klar, deshalb sind die 45 Dezibel so weltfremd. Nehmen wir unser Gespräch, das wir an einem lauen Abend auch auf irgendeiner Lokal-Terrasse führen könnten. Wenn wir beide uns bei einem Schorle angeregt unterhalten würden, dann wäre der Wert schnell erreicht.

Das Ausgehverhalten hat sich ja stark verändert. Sind wir etwas spanischer geworden?

Definitiv. Immer mehr Menschen und nicht nur die jüngeren Gäste möchten spät abends noch eine Bar oder einen Club besuchen, wie sie es auch aus südeuropäischen Ländern kennen. Ist die Nachtgastronomie geschlossen, verlagern sich das Trinkgeschehen und die Geräuschkulisse nach der Sperrzeit häufig auf die Straße – mit der häufigen Folge von unkontrolliertem Alkoholkonsum, Lärmbeschwerden von Anwohnern und Sicherheitsrisiken für Passanten.

Sie sind schon seit vielen Jahren Gastronom und haben drei Pubs. Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen sensibler und damit auch klagewütiger geworden sind, selbst wenn eine große Mehrheit über deren Beschwerden nur noch den Kopf schütteln kann?

Sensibler? Das ist nett ausgedrückt. Das kann man wohl sagen.

Immer weniger Lokale und tote Innenstädte, so ein weiteres Argument des Hotel- und Gaststättenverbandes, sind auch ein Sicherheitsrisiko?

Dort, wo sich in den späteren Abendstunden draußen vernünftige Leute aufhalten, wird die Straße nicht den anderen, den Krawallmachern, überlassen und damit der öffentliche Raum aufgegeben. Wenn aber immer mehr Lokale schließen, dann trauen sich kaum noch Menschen auf die Straße. Eine Art Teufelskreis.

Ein gutes Argument mit Blick auf Anwohner, die um ihre Nachtruhe fürchten?

Sicher. Ich bezweifle, dass sie dann wirklich besser schlafen, wenn es kaum noch Lokale gibt, die gut geführt werden.

Bedeutet ein Gastronomiesterben auch, dass Städte an Attraktivität verlieren? Immerhin kommen laut einer Studie 60 Prozent aller Besucher gerade wegen des gastronomischen Angebots...

Diese Zahlen kenne ich und diese sollten auch ernst genommen werden. Wer Probleme hat, ein offenes Lokal zu finden, der überlegt sich ganz genau, ob er erneut nach Villingen-Schwenningen kommt.

Zur Person

Michael Steiger
der Interviewte ist nicht nur seit vielen Jahren Gastronom, er betreibt drei Pubs, zwei in Villingen-Schwenningen und in Tuttlingen. Steiger war viele Jahre Dehoga-Kreisvorsitzender, mittlerweile ist er stellvertretende Vorsitzender und zudem im Vorstand des Dehoga-Bundesverbandes, für den Fachbereich Gastronomie.