Die Bundesregierung will neue Stromautobahnen künftig als Freileitungen statt als Erdkabel bauen. Die Kabelindustrie und Bauwirtschaft laufen Sturm gegen die Pläne.
In der Debatte um die Zukunft der deutschen Stromautobahnen verschärft sich der Ton. Nachdem TransnetBW-Chef Werner Götz im Gespräch mit unserer Zeitung für einen konsequenten Umstieg von Erdkabeln auf Freileitungen warb und vor einem „Horrorszenario“ bei Mischlösungen warnte, widerspricht nun die Kabelindustrie vehement. Eine neue Studie liefert der Branche Argumente – und zeichnet ein völlig anderes Bild von Kosten und Zeitaufwand.
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht der SuedWestLink, eine der zentralen Stromtrassen der Energiewende. Die 730 Kilometer lange Leitung soll Windstrom aus Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg transportieren. Bislang war sie als Erdkabel geplant. Doch die Bundesregierung will den seit 2015 geltenden Erdkabelvorrang kippen und künftig wieder auf oberirdische Freileitungen setzen, also auf in der Landschaft weithin sichtbare Strommasten.
NKT-Manager warnt: „Politische Entscheidungen dürfen nicht auf Baustellenrechnung beruhen“
In der Kabelbranche regt sich Widerstand. Ein Wechsel der Technologie würde nach Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts Frontier Economics die Inbetriebnahme des SuedWestLink um mindestens vier bis sieben Jahre verzögern. Die Studie wurde im Auftrag der Kabelhersteller NKT und Prysmian erstellt, die als führende Hersteller direkt vom geplanten Kurswechsel betroffen sind. „Ein Kurswechsel wäre ein Rückschlag – und zwar ein teurer“, sagt Anders Jensen, Chief Technology Officer bei NKT, auf Anfrage unserer Redaktion. Jedes Jahr ohne die dringend benötigte Netzkapazität verursache laut der Studie rund 180 bis 190 Millionen Euro Zusatzkosten.
Über den gesamten Verzögerungszeitraum summiere sich das auf bis zu 1,3 Milliarden Euro an vermeidbaren Mehrkosten. Anders Jensen widerspricht damit fundamental der Position von Werner Götz. Der Chef des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW hatte den Kurswechsel der Bundesregierung begrüßt und das mit Milliardeneinsparungen begründet. „Ich verstehe, dass ein Übertragungsnetzbetreiber zunächst auf Investitionskosten schaut“, sagt Jensen dazu. „Aber politische Entscheidungen über die zukünftige Stromversorgung Deutschlands dürfen nicht auf einer Baustellenrechnung beruhen. Sie müssen das volkswirtschaftliche Gesamtbild sehen.“
Verzögerung durch neue Klageverfahren befürchtet
Während Götz und andere Netzbetreiber vor allem auf die deutlich niedrigeren Baukosten von Freileitungen verweisen, bezieht die Frontier-Economics-Studie den gesamten Lebenszyklus ein: Planung, Genehmigung, Betrieb, Wartung, Netzverluste und vor allem die Kosten für sogenannte Redispatch-Maßnahmen. Diese Engpasskosten entstehen, wenn Windstrom aus dem Norden wegen fehlender Netzkapazität nicht in den Süden transportiert werden kann und stattdessen teure Kraftwerke hochgefahren werden müssen. 2025 beliefen sich diese Kosten bundesweit auf 3,1 Milliarden Euro.
Ein zentraler Punkt in Jensens Argumentation: Die erhoffte Beschleunigung durch Freileitungen könnte sich ins Gegenteil verkehren. „Ein Wechsel zur Freileitung heißt nicht: Wir tauschen ein Kabel gegen einen Mast. Es heißt: neue Trasse, neue Betroffenheiten, neue Einwendungen, neue Klagerisiken“, sagt der NKT-Manager. Als Beispiel nennt er Nordrhein-Westfalen: Beim Erdkabel-Projekt ALEGrO habe es rund 30 Einwendungen gegeben, bei der Freileitung Ultranet über 1000. „Genau das zieht die Prozesse in die Länge.“
TransnetBW: Massive Widerstände gegen Erdkabel
Werner Götz hatte argumentiert, dass auch Erdkabel nicht die erhoffte Akzeptanz gebracht hätten. Beim SuedLink gebe es weiterhin „massive Widerstände“ und zeitweise Hunderte Betretungsverbote von Landwirten. Eine Mischlösung aus beiden Technologien lehnt Götz strikt ab – dies wäre bei der Akzeptanz ein „Super-GAU“.
In der Kostenfrage klaffen die Positionen besonders weit auseinander. In der öffentlichen Debatte ist häufig von bis zu zehnfach höheren Kosten für Erdkabel die Rede. Die Frontier-Economics-Studie kommt über den gesamten Lebenszyklus betrachtet auf einen Mehrkostenfaktor von etwa zwei. „Die Behauptung, Erdkabel seien bis zu zehnmal teurer, ist in dieser Pauschalität irreführend“, sagt Jensen. „Sie blendet wesentliche Kosten aus, die später an anderer Stelle wieder auftauchen.“
Resilienz und Reparatur: Der Streit um die Sicherheit
Für einen durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt würden sich die Netzkosten durch Erdkabel um weniger als 0,1 Cent je Kilowattstunde erhöhen. Die Bundesnetzagentur hatte allerdings bereits im vergangenen Jahr bestätigt, dass Freileitungen „unbestritten Kostenvorteile“ hätten.
Bei den drei geplanten Neubau-Leitungen OstWestLink, NordWestLink und SuedWestLink lägen die potenziellen Einsparungen bei rund 16,5 Milliarden Euro. Allerdings beziehen sich diese Zahlen nur auf Investitionskosten, nicht auf Lebenszykluskosten – genau hier setzt die Kritik der Kabelbranche an.
Ein weiterer Konfliktpunkt: die Resilienz der Systeme. Jensen argumentiert, Erdkabel seien besser geschützt gegen Extremwetter und Sabotage. „Es macht einen erheblichen Unterschied, ob eine Leitung sichtbar, frei zugänglich und über Hunderte Kilometer exponiert ist – oder ob sie unterirdisch verläuft.“
Kabelbranche kontert Übertragungsnetzbetreiber
Götz hatte dem widersprochen: Beide Technologien seien angreifbar, doch bei Freileitungen sei die Reparatur deutlich schneller. Während Erdkabel zwei bis drei Wochen Reparaturzeit benötigten, könne bei Freileitungen selbst im Worst Case binnen vier bis fünf Tagen ein provisorischer Mast gesetzt werden.
Jensen kontert: „Zugänglichkeit ist nicht dasselbe wie Resilienz. Ein Regenschirm ist auch leichter zu reparieren als ein Dach. Trotzdem baut niemand sein Haus mit Regenschirmen.“ Entscheidend sei, was seltener ausfalle. Bei guter Vorbereitung – mit Genehmigungen, Tiefbaukapazitäten und Ersatzkabeln auf Lager – könne auch ein Erdkabel binnen einer Woche repariert werden.
Der Gesetzentwurf liegt nun dem Bundesrat vor, der rund sechs Wochen Zeit hat, Stellung zu nehmen. „Meine Botschaft an die Politik ist klar: Bitte entscheiden Sie nicht mit dem Blick auf die billigere Baustelle, sondern mit dem Blick auf das bessere Energiesystem“, appelliert Jensen.