Das Land will die Luftrettung in Baden-Württemberg neu aufstellen. Seit Bekanntwerden der Pläne schlagen die Wellen hoch. Landauf, landab wird heftig für oder gegen einen Hubschrauber gekämpft. Jetzt steht eine Entscheidung bevor.
Es ist ein simpler Acker, der die Gemüter erhitzt. Ganz im Süden der Gemeinde Wannweil im Landkreis Reutlingen liegt er. Der Blick schweift von dort über die benachbarte B 28 hinüber zur Schwäbischen Alb. Flach ist das Flurstück hier, in unmittelbarer Umgebung finden sich keine größeren Erhebungen. Zudem liegt die Fläche genau auf der Achse zwischen Tübingen und Reutlingen. Und eignet sich damit grundsätzlich hervorragend für einen Plan des Innenministeriums, der im ganzen Land erhebliche Diskussionen auslöst – auch und besonders in Wannweil. Denn hier könnte künftig ein Rettungshubschrauber stationiert sein.
Vor gut zwei Jahren hat das Innenministerium eine Studie zur Luftrettung in Baden-Württemberg vorgelegt. Um die Versorgung zu verbessern, schlagen Experten des Instituts für Notfallmedizin und Medizinmanagement, einer interdisziplinären Einrichtung am Klinikum der Universität München, mehrere Änderungen vor. So sollen tagsüber künftig zehn statt bisher acht Hubschrauber eingesetzt werden. Dafür soll zur Schließung von Versorgungslücken jeweils eine zusätzliche Maschine in den Bereichen Osterburken und Lahr stationiert werden. In Ludwigsburg will man die Flugzeit auf 24 Stunden ausweiten. Außerdem sollen die Standorte Freiburg, Leonberg und Friedrichshafen verlegt werden.
Ängste um die Versorgung
Die Pläne haben heftige Diskussionen ausgelöst. Die einen wollen ihren Standort nicht verlieren, die anderen wollen einen neuen – oder eben auch nicht. Es geht um die Versorgung der Bevölkerung im jeweiligen Landkreis, ums Image und um Lärmbelastung. Zwei Jahre dauert der Suchlauf nun schon – und er spitzt sich zu. In Friedrichshafen etwa fürchtet man den Verlust des am Klinikum stationierten Hubschraubers Christoph 45 in Richtung Oberschwaben. Jüngst war die Enttäuschung dort besonders groß, denn der Landtag lehnte eine entsprechende Petition ab. 30 000 Unterstützer hatten die Beibehaltung der bisherigen Station gefordert.
Noch heftiger ist allerdings der Kampf um Christoph 41. Der startet seit Jahrzehnten vom Klinikum in Leonberg (Landkreis Böblingen). Er soll künftig näher an die Schwäbische Alb rücken, um dort Lücken zu schließen. Die Achse zwischen Tübingen und Reutlingen wäre ideal – und damit kommt neben anderen diskutierten Standorten in Tübingen oder im Zollernalbkreis der Acker bei Wannweil ins Spiel. In Leonberg versucht man alles, um „seinen“ Helikopter zu behalten. Auch dort gab es – ebenfalls vergeblich – eine Petition mit Zehntausenden Unterstützern. Die Politik läuft Sturm. Zuletzt schrieben Oberbürgermeister Martin Georg Cohn und Landrat Roland Bernhard an Innenminister Thomas Strobl. Tenor: Der Hubschrauber sei unverzichtbar für die Region, das Gutachten müsse überarbeitet werden.
In Wannweil dagegen ist man nicht ganz so überzeugt von Christoph 41. Zwar will der Landkreis Reutlingen den Standort unbedingt und auch der Wannweiler Gemeinderat befand die Pläne noch zu Beginn des Jahres mehrheitlich für gut. Nach Anwohnerprotesten entschied er sich im Juli dann aber doch mit knapper Mehrheit gegen eine Bewerbung. Das rief wiederum die Befürworter auf den Plan. Per Bürgerbegehren erzwangen sie einen Bürgerentscheid.
Der soll nun am 6. November stattfinden. Es ist nicht der erste in der Geschichte der Gemeinde, „aber häufig gibt es das nicht“, weiß der Ordnungsamtsleiter Jonas Baier. Im Ort werben Gegner wie Befürworter für ihre Argumente, bekommen auch im Gemeindeblatt noch Gelegenheit, ihre Ansichten zu begründen. „Jeder hat seine Meinung. Es gab einen demokratischen Prozess und der geht jetzt weiter“, sagt Baier.
Unruhe bei den Rettern
Bei den Rettern selbst will man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Schließlich werden Standorte regelmäßig ausgeschrieben, es gibt Konkurrenz zwischen den verschiedenen Anbietern. In Baden-Württemberg betreibt die DRF Luftrettung mit Sitz in Filderstadt (Landkreis Esslingen), neben der ADAC Luftrettung der zweite große Akteur auf dem deutschen Markt, fast alle Stationen. „Es ist grundsätzlich richtig, dass solch ein Gutachten gemacht wurde. Andere Bundesländer verfahren ähnlich“, sagt der Vorstandsvorsitzende Krystian Pracz. Für die Retter sei die Situation derzeit trotzdem schwierig: „Durch die Standortdiskussionen kommt in die Unternehmen Unruhe rein. Das will natürlich keiner.“ Zumal Prozesse wie dieser in aller Regel viel Zeit benötigten. „Es spielen viele Partikularinteressen mit. Das Ministerium muss nun entscheiden, wohin genau die Reise gehen soll“, so Pracz. Man stelle sich auf ein langes Verfahren ein, auch was Genehmigungen und Bewerbungen betreffe. Während dieser Zeit dürften die Diskussionen die Sicherheit nicht beeinträchtigen, so Pracz.
Die Kritiker des Gutachtens, etwa in Leonberg, weisen auch noch auf einen anderen Umstand hin. Vor kurzem hat das Innenministerium den neuen Rettungsdienstplan für Baden-Württemberg veröffentlicht. Er sieht erhebliche Änderungen vor. So soll das ersteintreffende Rettungsmittel – Notarzt, Rettungswagen oder auch ein Hubschrauber – künftig in 95 Prozent der Fälle binnen zwölf Minuten am Einsatzort sein. Seither waren es 15 Minuten. Diese drei Minuten sind eine gewaltige Aufgabe für die Rettungsorganisationen, denn die Umsetzung dürfte wohl zusätzliche Fahrzeuge in dreistelliger Zahl sowie neue Rettungswachen notwendig machen. Die Rettungslandschaft verändert sich deutlich – die Auswirkungen auf die Luftrettung sind offen.
Unverständnis im Ministerium
Im Innenministerium bekräftig man, dass „in Kürze“ eine Entscheidung über die genauen Standorte fallen werde. Über den anhaltenden Abwehrkampf etwa in Leonberg oder Friedrichshafen zeigt man sich zunehmend verärgert. „Die Sorge, die rettungsdienstliche Versorgung der Bürgerinnen und Bürger einer Region sei nach einer Verlegung eines Luftrettungsstandorts gefährdet, ist unbegründet“, sagt ein Sprecher. Es gehe nicht um die Schließung einzelner Versorgungslücken auf Kosten der Bewohner anderer Regionen, sondern um die bessere Versorgung aller Menschen im Land. „Dieses Ziel erreichen wir, wenn wir die Empfehlungen des Gutachtens vollständig umsetzen“, so der Sprecher. Man sehe inhaltlich keinen Anhaltspunkt, eine aufwendige und kostenintensive Zweitbegutachtung zu rechtfertigen. Die vorgebrachten Bedenken seien in fachlicher Hinsicht widerlegt. „Umso unverständlicher ist es, wenn von einigen Akteuren nach wie vor Ängste geschürt werden“, heißt es im Ministerium.
In Wannweil jedenfalls bereitet man den Bürgerentscheid vor. Dabei könnte die bizarre Geschichte noch eine letzte absurde Wendung nehmen. Denn es ist durchaus möglich, dass der Termin am 6. November zu spät kommt, falls das Innenministerium sich bereits vorher festlegt. Dann wäre der Gang zu den Urnen zwar beschlossen, aber überflüssig. „Wir haben dem Ministerium den Termin mitgeteilt und hoffen, dass vorher keine Entscheidung fällt“, sagt Ordnungsamtsleiter Baier. Und falls doch? Muss man die Abstimmung trotzdem durchziehen? „Das müssten wir mit der Kommunalaufsicht klären.“ Vielleicht ließe sich der Entscheid zurückziehen.
Wenn es so käme, würde es irgendwie passen zu den Wellen, die das Gutachten seit seiner Veröffentlichung geschlagen hat.