Bei der Christmette eskalierte die Situation, als Anhänger des Domkapellmeisters minutenlang Applaus spendeten. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Die Kündigung des Domkapellmeisters in Freiburg hat bundesweit hohe Wellen geschlagen. Jetzt kommen neue Details ans Licht – und ein kommissarischer Leiter.

Der Haussegen am Freiburger Münster hängt schief. Es begann mit der Kündigung von Domkapellmeister Boris Böhmann im vergangenen Sommer, die über die Kirchenmusik hinaus kaum Wellen schlug. Erst im Herbst nahm die Personalie an Fahrt auf, nachdem der 60-jährige Böhmann vors Arbeitsgericht gezogen war und dort eine Niederlage erlitt. Doch nicht die juristische Auseinandersetzung ließ die Wogen hochschlagen. Vielmehr meldeten sich nun die Eltern der Domknaben und erwachsene Sänger zu Wort mit einer klaren Ansage: Sie wollten Böhmann als obersten Musikchef der Kathedrale unbedingt halten. Seine Kündigung nach 22 Jahren guter Arbeit sei ungerecht.

 

Christmette gestört

Dazu starteten sie eine Protestaktion, die die Angelegenheit bundesweit in die Schlagzeilen brachte: Sie nutzten die Christmette im Münster – Hauptkirche des Erzbistums Freiburg – als Forum für einen ungewöhnlichen Protest. Die enttäuschten Sänger applaudierten am Ende des feierlichen Gottesdienstes den Musikstücken, die zuvor von Professor Böhmann dirigiert worden waren. Je länger der Beifall an Heiligabend währte, als desto störender wurde er empfunden. Die Fernsehübertragung wurde unterbrochen. Sieben Minuten lang klatschten die Anhänger des Maestros.

Der Erzbischof stand zunehmend verlassen am Altar, dabei wollte er den Schlusssegen spenden. Wenige Tage später wurde Böhmann freigestellt, er darf im Münster nicht mehr dirigieren. Das Domkapitel, dem die Münstermusik untersteht, wollte sich eine neuerliche Bloßstellung ersparen.

Godehard Weithoff wird kommissarischer Leiter

Das Erzbistum hat nun den Diözesan-Kirchenmusikdirektor Godehard Weithoff (64) zum kommissarischen Leiter der Freiburger Domsingschule bestimmt. Weithoff soll die Dommusikschule für eine Übergangszeit leiten, wie der Domfabrikfonds als Träger und Aufsichtsgremium der Domsingschule am Montag mitteilte. Langfristig wird die Leitung dann neu ausgeschrieben.

Um die Tragweite des ganzen Vorgangs zu verstehen, lohnt ein Blick in die Freiburger Kulturszene. Die Stadt ist stolz auf die Münstermusik, auch Menschen ohne katholischen Bezug suchen gern den dunkelroten Sandsteinbau auf und hören zu. Die Dommusik ist üppig aufgestellt, sie umfasst sechs Chöre. Vier davon leitete der Domkapellmeister selbst – Domchor, Domsingknaben, Domkapelle (ebenfalls ein Chor) und Choralschola. Zwei Ensembles werden von seiner Stellvertreterin Martina van Lengerich dirigiert – das sind die Mädchenkantorei und die Kantorenschola.

In der Bischofskirche mit ihrer weithallenden Akustik und dem Luxus von vier Kirchenorgeln werden viele Gottesdienste vokal begleitet. Für konzertante Aufführungen von Oratorien oder festliche Gottesdienste werden die Ensembles auch kombiniert. Diese Konstruktion funktioniert, so lange sich das leitende Duo versteht. Und daran, darüber besteht Einigkeit, hat es gemangelt. Die Harmonie zwischen Chef und Stellvertreterin war schon lange dahin, seit Jahren schon holperte es.

Langsam kommt eine andere Version ans Licht

Wie es dazu kam, ist nicht eindeutig. Bis vor wenigen Tagen wurde der schwarze Peter dem Domkustos zugeschoben. Peter Birkhofer hatte den beliebten Musikchef entlassen. Als Verantwortlicher hatte er die Reißleine gezogen in einer Situation, die er als unerträglich für alle Beteiligten bezeichnete. Darauf brach ein Shitstorm über Birkhofer und Erzbischof Burger herein.

Die Stoßrichtung war eindeutig: Es wirkte so, als ob geistliche Willkür den Kapellmeister aus dem Amt getrieben hätte. Die Sänger, bestens vernetzt in der Stadt und medial sehr aktiv, stellten die Situation so dar. Der Domkapellmeister wurde als Opfer stilisiert, der der Willkür der Kirchenoberen zum Opfer gefallen war – ein Schema, das immer verfängt.

Inzwischen kommt eine andere Version ins Spiel, die durch Recherchen der „Badischen Zeitung“ ans Licht kam. Es heißt, dass Böhmann seine Kollegin und Stellvertreterin Martina van Lengerich nicht respektiert habe. Dabei fällt auch das Wort Mobbing. Dafür kann Böhmann auch ein Motiv gehabt haben: Seine Kollegin hatte mit ihrer Mädchenkantorei bei internationalen Wettbewerben erste Preise geholt. Das habe Böhmann geärgert, da seine Domknaben keine vergleichbaren Auszeichnungen ernteten. Das Verhältnis zwischen den beiden, so heißt es, war zerrüttet. Insider überrascht es nicht, dass die katholischen Auftraggeber dem Musikdirektor kündigten. Es überrascht, dass sie es so spät taten.

Freiburg Erzbischof Stephan Burger Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Für Erzbischof Stephan Burger waren die vergangen Wochen belastend. „Ich hätte nie gedacht, dass ich bundesweit in die Medien komme“, sagt er unserer Zeitung. Die mutwillige Unterbrechung eine der wichtigsten Messen des Jahres hat ihn belastet, ebenso die aufbrandende Diskussion in den sozialen Medien, die schnell aggressiv wurde. Burger und sein Generalvikar Christoph Neubrand räumen jedoch ein, dass der Austausch mit den Chören und ihren Vertretern nicht besonders geschickt war.

Taktischer Vorteil für Böhmann

Böhmanns Anhänger waren taktisch im Vorteil: Während sie offensiv an die Öffentlichkeit gehen konnten, waren dem Bischof und seinen Mitarbeitern die Hände gebunden. Über die Gründe der Kündigung mussten sie schweigen. Nur der Gekündigte selbst hätte diese Schweigepflicht aufheben können. Deshalb konnten auch nicht die tief sitzende Zerrüttung und eine oder mehrere Abmahnungen genannt werden, die am Ende zur Kündigung führten.

Der Konflikt ist noch nicht beigelegt. Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr in die Chorprobe gehen. Die Münstermusik agiert derzeit nur mit halber Kraft und Lautstärke. Und Professor Böhmann startet einen neuen Versuch: Er ruft das Landesarbeitsgericht an, um seine Kündigung rückgängig zu machen.