Soziale Medien prägen Kinder und Jugendliche immer stärker und sorgen oft für Konflikte in Familien. Experten über Gründe, Auswege – und warum Verbote allein nicht die Lösung sind.
Der Streit eskalierte wegen eines Smartphones. Mutter und Sohn gerieten so heftig aneinander, dass sie schließlich in der Beratungsstelle landeten. Ralph Bölzner von der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Landkreises Calw erinnert sich daran, dass es darum ging, wer das Handy bekommt. Streitigkeiten wie diese seien längst keine Seltenheit mehr.
Smartphones und soziale Medien gehören zum Alltag der meisten Jugendlichen – und auch bei Kindern spielt beides eine immer größer werdende Rolle. Diese Entwicklung fängt bereits im Kleinkindalter an.
Kinder werden mit dem Handy ruhiggestellt
Albrecht Frank, der die Präventions- und Beratungsdienste der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Landkreises leitet, weiß, dass das Thema Kinder wie Eltern betrifft. Immer mehr Eltern verlieren laut Frank den Kontakt zu ihrem Kind, weil sie etwa mit dem Handy in der Hand und ohne Fokus auf ihr Kind durch die Stadt laufen. Handy, Tablet und Fernseher würden verwendet, um die Kinder ruhigzustellen.
Die „Mediatisierung der Kindheit“ lässt sich auch mit Zahlen belegen. Im GesellschaftsReport BW wird die „Mediennutzung von Familien: zwischen Kontrolle, Vertrauen und Teilhabe“ Thema.
Ab elf Jahren würden soziale Medien zunehmend relevant, so der Report. Die Relevanz von digitalen Medien zeigt sich auch bei der Bildschirmzeit. Sechs- bis Zehnjährige verbrächten täglich 140 Minuten, 15- bis 17-Jährige sogar 437 Minuten in der digitalen Welt.
Digitale Medien sind hilfreich – und voller Gefahr
Es wird dargestellt, dass digitale Medien „die Welt von Kindern und Jugendlichen bereichern“. Sie sind hilfreich für Kommunikation, Information, Entwicklung und Teilhabe. Gleichzeitig dürfen die damit einhergehenden Risiken nicht vernachlässigt werden. Dazu zählen Sicherheitsrisiken bei den Themen Datenschutz, Kosten und Betrug, soziale Risiken wie Cybermobbing, soziale Isolation und eine beeinträchtigte Eltern-Kind-Interaktion, aber auch körperliche Risiken. Einen bedeutenden Anteil machen psychische Risiken, darunter Suchtverhalten und Aufmerksamkeitsdefizite, aus – um nur einige Beispiele zu nennen.
Das erkennt auch Frank. Die Kinder wüssten nicht, was sie tun – gerade hinsichtlich der Gefahren. Auf der anderen Seite drohe ihnen sozialer Ausschluss, wenn sie kein Handy haben.
Ist ein Social-Media-Verbot die Lösung?
Aufgrund dieser Schere zwischen Nutzen und Risiken, wird nicht nur im familiären, sondern auch im politischen Rahmen diskutiert. Vor nicht allzu langer Zeit wurden Stimmen in der Politik laut, die forderten, dass soziale Medien für Kinder unter 14 Jahren verboten werden. So pauschal könne man nicht sagen, ob man die sozialen Medien verbieten soll oder nicht – ein Verbot allein sei jedenfalls nicht der Weg, findet Frank. Auch wenn ein Verbot es für die Eltern leichter mache, „Nein“ zu sagen. Viel hänge von den Erziehungsberechtigten ab.
Laut Frank sind viele Erwachsene insgeheim selbst überfordert. Die Eltern wollen alles gut machen, wissen allerdings selbst nicht, wie mit der Situation umzugehen ist. Darüber hinaus seien sie oft selbst zu viel in den sozialen Medien unterwegs und teilweise von ihnen abhängig. Laut Frank kontrollieren die Eltern bei Null- bis Sechsjährigen die Nutzung von Medien gut. Ab dem elften Lebensjahr ließen viele Eltern lockerer – obwohl gerade dann eine intensivere Begleitung notwendig wäre.
Eltern oft selbst überfordert
Denn: „Das Internet ist der Zugang zum Müll der Welt.“ Frank wirft die Frage in den Raum, ob man nicht eher da ansetzen müsste. Vielleicht müsse eine Möglichkeit gefunden werden, bestimmte Inhalte stärker zu regulieren. Denn den Konsum einzuschränken, sei schwer. An einigen Schulen wird genau das getan, bringt Sozialdezernent Tobias Haußmann in das Gespräch ein. Immer mehr Schulen führen Handyverbote ein – und das sei auch gut so.
Im Laufe des Gesprächs mit den Profis wird deutlich, dass sie die Lösung in der Aufklärung der Eltern sehen. Denn diese wüssten oft nicht, was sie tun müssen und es fehlt häufig die technische Expertise. Daher empfehlen die Experten (Online-) Informationsangebote. Im Ernstfall kann sich an die Beratungsstelle gewendet werden. Frank fasst zusammen: Eltern müssten kontrollieren, aufklären und vor allem konsequent dranbleiben.