Der Ex-US-Reporter Neil King jr. wandert von Washington nach New York. Er entdeckt Vergangenheit und Gegenwart neu – und bleibt optimistisch.
Neil King jr. sitzt mit einem großen Becher Kaffee auf einem hell gepolsterten Lehnstuhl. Der ehemalige „Wall Street Journal“-Reporter macht gerade Ferien in seinem Haus im kleinen Fischerdorf Dingwall auf der kanadischen Insel Cape Breton. Sein Markenzeichen, die Schiebermütze über dem schmalen Gesicht, im Fenster hinter ihm der graue Atlantik, klingt er beim Zoom-Interview mit seiner rauen Stimme fast ein wenig wie John Wayne.
„Jahrelang schon hatte ich die Idee im Kopf, von unserem Haus in Washington nach New York City zu laufen“, erzählt der 63-Jährige. Dann intervenierte eine heimtückische Krebserkrankung und beschleunigte sein Projekt. „Also bin ich zur Tür hinaus, nur ein paar Blocks vom US-Capitol entfernt, bin hinter dem Tor links abgebogen und machte mich auf dem Weg nach New York.“ Mehr als 530 Kilometer in 26 Tagen immer am Straßenrand. Durch die am dichtesten besiedelten Landstriche der USA, wo Geschwindigkeit alles zu sein scheint, läuft King durch die Gründungsgegenden Amerikas, das „Original-Herzland“, wie er es nennt.
Nur wenige Wochen nach dem Sturm aufs Kapitol im Januar 2021, zu einer Zeit, als Amerika aus dem Gleichgewicht scheint, „in der wir über unsere Ursprünge streiten und darüber, welche Geschichten aus der Vergangenheit wir unseren Kindern erzählen“, betont er. „Zu einer Zeit, als wir uns über eine Wahl entzweien und sogar darüber, ob wir noch irgendwelche Wahrheiten für selbstverständlich halten“, spielt er auf den ersten Satz der US-Unabhängigkeitserklärung an.
In Gegenden, über die scheinbar schon alles gesagt ist, entdeckt er Vergessenes und Verdrängtes. Bei Amerikas Indigenen etwa Felszeichnungen im Fluss Susquehanna, in der Stadt York, die bisher gerne ihre Rolle in der Kolonialzeit gefeiert hat, aber weniger gerne, dass sie sich als größte Stadt im Norden rasch den Südstaaten ergab und die Schicksale Tausender befreiter Sklaven oder zugewanderter Afroamerikaner bis hin zu den Protesten gegen Rassismus Ende der 60er Jahre gerade erst zu würdigen beginnt. Eine nationale Version dieses aktiven und aggressiven Konfrontierens mit den Narben, aber auch mit bisher unbekannten Helden, findet King, „wäre auch für das nationale Seelenleben gut“.
Auch spirituell erneuert
Bemerkenswert sind Kings Beobachtungen dazu, wer in Amerika geehrt und wer vergessen wird: So besucht er in dem aufgeräumten Pennsylvania-Städtchen Lancaster das sorgsam gepflegte Haus von US-Präsident James Buchanan, einem Südstaatensympathisanten, der zeitgenössische Sklavereigegner verunglimpft hat, aber besichtigt auch die Hülle des Hauses eines großen Buchanan-Gegenspielers im Kongress: Der Abgeordnete Thaddeus Stevens setzte sich wie kein Zweiter dafür ein, das Ende der Sklaverei in der Verfassung festzuschreiben. Sein Haus wird gerade für Besucher hergerichtet.
Das Durchwandern amerikanischer „Mikronationen“ führt bei King auch zu spiritueller Erbauung: „Unsere Apparate und unser Hang zur Geschwindigkeit und zum Aufhäufen von Ablenkungen hat unsere Fähigkeit zum Staunen, zur Ehrfurcht und zur Herzlichkeit verringert“, meint er. Ganz ohne tägliche Schlagzeilen und Sensationsnachrichten habe er nur darauf geachtet, was es unterwegs zu sehen und zu hören gab. „Das ist eine der erfahrungsreichsten Perioden in meinem ganzen Leben gewesen“, sagt King. Über seinen Streifzug hat er ein Buch verfasst: „American Ramble“, ein Streifzug durch Amerika, das den etwas esoterisch angehauchten Untertitel trägt: „Ein Spaziergang des Erinnerns und der Erneuerung“ (A Walk of Memory and Renewal).
Die Neil-King-jr.-Methode
Die Neil-King-jr.-Methode empfiehlt er zur Nachahmung: „Studiere eine Route, tauche in deren Geschichte und Geografie ein, wie die Landschaft wurde, wie sie ist. Dann geh aufmerksam los, auch wenn es nur für ein paar Tage ist“, sagt der Autor. Er stammt aus Boulder, der hippen Unistadt am Fuß der Rocky Mountains im Weststaat Colorado. Seine Vorfahren kamen Mitte des 17. Jahrhunderts aus England und später vor allem aus Irland. Seine journalistischen Wanderjahre verbrachte er in den 90er Jahren als Korrespondent in Prag und Brüssel, bevor er beim „Wall Street Journal“ in Washington Reporter und Redakteur wurde. Als Mitglied eines kleinen Teams erhielt er für die Berichterstattung über die Anschläge des 11. Septembers 2001 den Pulitzer-Preis.
King trifft unterwegs zahlreiche Menschen. Auf dem Feld neben dem Traktor, in Scheunen oder in der Hauseinfahrt. Da ist der bärtige Auktionator in Pennsylvania, der behauptet, dass Gott Amerika nicht mehr liebt, weil die Amerikaner zu viel sündigten, oder der Monteur in New Jersey mit den Maga-Fahnen (für „Make Amerika great again“) für Donald Trump auf seinem Pick-up. Die meisten sind nicht wie er. „Aber auch bei Menschen, die eine entgegengesetzte Meinung zu meiner hatten, fand ich liebenswerte Seiten“, berichtet King. Wenn man aus der Distanz nur das Anstößige kennenlernt, sehe man nicht die ganze Person. „Das machen wir aber viel mit den platt gedrückten Leuten, über die wir uns im Fernsehen oder auf Twitter ständig aufregen.“
Unvoreingenommen und fair
King stößt unter den Menschen, die ihm auf der Straße begegnen, auf mehr Einigkeit, Vertrauen und Hilfsbereitschaft, als er es in dem gespaltenen Land erwartet hätte. „Aber kann ich das verallgemeinern?“, fragt er vorsichtig. Und Trends wie das Infragestellen von Wahrheit, das sinkende Vertrauen in demokratische Institutionen oder die wachsende Skepsis gegenüber der Wissenschaft findet er „verstörend“. Zu dieser Entwicklung habe niemand mehr beigetragen als Ex-Präsident Donald Trump.
Jegliche Extreme sind King fremd. Auch sein Anspruch, Land und Leute historisch und im Hier und Jetzt zu verstehen, bleibt begrenzt. „Ich bin skeptisch: Es gibt nicht den einen Schlüssel, um unsere Entwicklung zu verstehen.“ Wenn überhaupt, so hat ihn sein Streifzug die Komplexität der Welt um ihn herum besser verstehen lassen. Bei Lesungen und in Zuschriften schätzt sein Publikum, Konservative wie Liberale, seine Unvoreingenommenheit, Fairness und vor allem die Zurückhaltung bei Werturteilen – allesamt altmodische Reportertugenden. Bezeichnend für die verbreitete Unzufriedenheit mit großen Teilen der US-Medienzunft. King plant schon ein neues Projekt: Exkursionen in andere Ecken der USA.
Optimistisch für Amerika
Mit Blick auf sein Land bleibt King optimistisch. In direkten Begegnungen, die er die „unmittelbare Zone“ nennt, habe er gelernt, dass die Amerikaner immer noch viel mehr eint, als sie trennt. „Wir wurden gegründet auf der Basis einiger Prinzipien, die nie ganz eingelöst worden sind, aber trotzdem fortdauern“, meint er. Das sei Amerikas gemeinsamer roter Faden. „Ich denke und hoffe, dass sich die Kräfte der Selbstkorrektur in der amerikanischen Gesellschaft und ihre generelle Güte am Ende durchsetzen.“ Noch sicherer ist King aber über die Dankbarkeit und Freude, die jeder erleben kann, wenn er sich mit nur leichtem Gepäck auf Wanderschaft begibt.