Lisa Klein und ihre Kollegen kommen als Streetworker regelmäßig in Kontakt mit den Jugendlichen. Unsere Redaktion hat sie bei einer ihrer Touren begleiten dürfen.
Es ist noch immer sommerlich warm an diesem Donnerstagabend. Die Sonne scheint, die Balinger tummeln sich in den Cafés, vor der Zehntscheuer stehen einige Erwachsene im Kreis und unterhalten sich bei einem Glas Wein in der Hand. Doch nicht nur die ältere Generation nutzt das herrliche Wetter. Zahlreiche Jugendliche halten sich vor allem an der Eyach auf, spielen Fußball, blödeln herum. Perfekte Voraussetzungen für die Streetworkerin Lisa Klein und Praktikantin Larissa Nicolai, um auf ihrem heutigen Rundgang die ein oder anderen Kontakte zu knüpfen. Wir begleiten sie an diesem Abend.
„Wir gehen zuerst runter zur Eyach und laufen vor bis zum Aktivpark. Auf dem Rückweg schauen wir noch beim Bahnhof vorbei und laufen die Fußgängerzone ab“, beschreibt Lisa Klein die heutige Tour. Die 25-Jährige gehört seit September 2025 zum dreiköpfigen Streetworkteam der mobilen Jugendarbeit.
Normalerweise teilt sie sich zusammen mit ihren Kollegen Elisabeth Schwab und Daniel Stamler die Touren auf. Mehrmals pro Woche sind sie unterwegs – und das im gesamten Stadtgebiet samt Ortsteilen. Heute begleitet sie die 24-jährige Larissa Nicolai, die soziale Arbeit in Ludwigsburg studiert und derzeit in Balingen praktische Erfahrungen sammeln darf.
Viele Jugendgruppen unterwegs
Gegen 19 Uhr machen wir uns auf den Weg: Ob wir überhaupt Jugendgruppen antreffen? „Das ist bei diesem Wetter mehr als wahrscheinlich.“ Und tatsächlich dauert es nicht lange. Drei Jungs und zwei Mädchen stehen am Eyachufer.
Unschöne Beleidigungen werden sich an den Kopf geworfen. Lisa und Larissa gehen auf die Gruppe zu und quatschen die Jugendlichen an: „Hey, was geht?“, stellen sie sich vor. Sie erklären, was sie tun, und sprechen über einige der Angebote, die die mobile Jugendarbeit für die jungen Balinger organisiert.
Die Jungs hören kurz zu. Einer von ihnen muss aber wohl noch etwas mit den Mädchen klären, sein Bruder läuft ihm hinterher. „Vielleicht ohne Beleidigungen“, schickt Lisa den beiden Jungs hinterher. „Es bringt uns überhaupt nichts, wenn wir rein auf Konfrontation gehen, das zerstört eine Beziehung eher, und das Wichtigste ist es ja, eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen.“ Dennoch würden sie auch nicht alles tolerieren – und auf einen respektvollen Umgang hinweisen, schade nie.
Zusammen nach Lösung suchen
So einen respektvollen Umgang erfahren die Streetworkerinnen bislang in Balingen ausnahmslos. „Eine bedrohliche Situation, in der man sich lieber zurückzieht, hatte ich bislang noch nicht“, sagt Lisa und steuert schon die nächste Gruppe wenige Meter weiter an.
Diesmal treffen wir auf fünf Jungs. „Hey, wir sind von der mobilen Jugendarbeit. Falls Ihr Probleme im Leben, Job oder in der Liebe habt und Euch an jemanden wenden wollt, sind wir für Euch da“, spricht Lisa die Jungs an. Einer in der Runde blickt auf. Er kenne da vielleicht jemanden, der daran Interesse hätte. Ob dieser sich wirklich bei Lisa und ihren Kollegen melden wird, bleibt offen.
Wenn sich Jugendliche melden, bietet die mobile Jugendarbeit Einzelgespräche an, in denen die Personen im geschützten Raum von ihren Problemen berichten können. „Dann versuchen wir zusammen mit ihnen nach einer möglichen Lösung zu suchen“, erklärt die 25-Jährige.
Sie seien keine Ärzte oder Psychiater, aber die Streetworker könnten je nach Problemlage auf verschiedene Angebote und Beratungsstellen verweisen und bei der Kontaktaufnahme behilflich sein, erklärt Lisa. Sollte ein Jugendlicher von psychischer oder physischer Gewalt etwa im Elternhaus berichten, geben sie den Fall an das Jugendamt weiter. „So etwas ist bei mir persönlich aber glücklicherweise noch nicht vorgekommen.“
Und was beschäftigt die Jugendlichen in Balingen derzeit besonders? Die beiden Frauen überlegen und sind sich schließlich einig: „Vor allem psychische Probleme und Belastungen werden an uns herangetragen.“ Da spiele die komplizierte politische und wirtschaftliche Lage eine wichtige Rolle, meint Larissa. „Viele junge Menschen haben einfach Zukunftsängste und fragen sich, was beruflich später möglich ist.“
So geht es einem jugendlichen Mädchen, das mit ihrer Freundin beim Skatepark sitzt und Pizza isst. Sie sei auf Jobsuche, meint die junge Frau. Lisa und Larissa lassen ihren Flyer da und bieten an, beim Schreiben der Bewerbungen zu unterstützen.
Jugendliche zufrieden
Bei der nächsten Mädchengruppe, die auf einer Bank beim Aktivpark sitzt und quatscht, beginnt Larissa das Gespräch – zum ersten Mal. Ob sie sich stark überwinden musste? „Nein, das nicht, aber ich war schon nervös und gespannt, wie die Mädchen reagieren“, sagt die 24-jährige Studentin. Laut Lisa lief alles fein: „Das war super, alles richtig gemacht.“
Die vier Mädchen hängen gerne in Balingen ab, wie sie Larissa und Lisa erzählen. „In Balingen geht einfach viel“, sagen sie. Der Eyachstadt attestieren sie ein breites und jugendfreundliches Angebot. Jugendhaus, Skatepark, Aktivpark – die jüngere Generation kommt auf ihre Kosten. Ein Urteil, das im Rathaus bestimmt gerne gehört wird.
Am Beachvolleyballfeld tobt sich gerade eine Gruppe aus. Lisa und Larissa gehen an den Sportlern vorbei. Würden diese gerade Pause machen, wären die beiden Streetworkerinnen womöglich hingegangen, aber mitten im Spiel wollen sie nicht stören. „Irgendwann entwickelt man ein Gefühl dafür, welche Gruppe wir ansprechen und welche nicht“, sagt Lisa. Das hänge von der jeweiligen Dynamik und Situation ab.
„Letztlich beschreiben wir Streetworker den öffentlichen Raum gerne als Wohnzimmer der Jugendlichen. Wenn wir dort willkommen sind, quatschen wir, wenn die Gruppe kein Interesse hat, dann gehen wir weiter.“
Wir ziehen weiter in Richtung Bahnhof. Dort treffen wir heute allerdings keine Jugendlichen an. „Hier ist vor allem bei schlechtem Wetter mehr los“, sagt Lisa. Nach einer guten Stunde kehren wir wieder zurück. Wie sie den Rundgang heute bewerten würden? „Ich würde sagen, es war ein angenehmer, normaler Donnerstag“, bewertet Larissa die Tour.
Am nächsten Abend sind die Streetworker wieder unterwegs. Dann treffen sie auf neue Leute, mit anderen Sorgen und Anliegen. Langweilig wird es in der mobilen Jugendarbeit unter dem Träger Mariaberger Ausbildung und Service nicht. „Aber das ist es ja, was unser Job ausmacht“, so Lisa Klein.
So erreichen Sie die Streetworker
Neben ihren Runden
durch die Stadt verfügen die Streetworker in Balingen über einen Instagram-Account, über den Interessierte Kontakt herstellen können. Das Profil ist erreichbar unter @Streetwork_Balingen.