Dass Amazon nun das Hollywoodstudio MGM kauft, zeigt, wie dramatisch sich die Filmwelt geändert hat. Streamingdienste geben den Takt an. Das hat Folgen. Fragt sich nur, welche.
Stuttgart - In manchen Fragen sind sich schnell alle einig. In der etwa, ob der Schwanz mit dem Hund oder der Hund mit dem Schwanz wedeln sollte. Man wird sich nur leider nicht einig, wer in einer bestimmten Situation denn nun als Hund und wer als Schwanz zu gelten habe. So war das auch vor ein paar Jahren auf einem in Bewegung kommenden Film- und Fernsehmarkt.
Die großen Hollywood-Studios und etablierten TV-Giganten nahmen Streaming erst nicht ernst, dann akzeptierten sie Netflix und Amazon als neue kleine Konkurrenten in netten Marktnischen. Die Emporkömmlinge würden schon noch lernen, dass sie die Talente, das Know-how und die großen Archive der alten Branchengrößen dringend benötigten. Dann würden Warner, Disney, Fox, Universal, Sony und MGM mit Netflix und Amazon wedeln.
Das Kino als Werkbank
Es ist anders gekommen. Streamingdienste sind nicht die Bittsteller, die fragen, ob sie Filme der Studios lizenzieren dürfen. Sie kaufen sich ganze Studios, wie Amazon nun den 1924 gegründeten Komplex Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Kaufpreis: lächelnd aus dem Tresor geholte 8,45 Milliarden Dollar.
Gestern schien Streaming noch eine Nachverwertung des Kinos zu sein. Heute schon ist die Kinoindustrie die Werkbank der Streamingbranche. Diesen Prozess haben die pandemiebedingten Kinoschließungen nicht ausgelöst, nur famos beschleunigt. Ob und was künftig noch auf die Leinwände kommen, wie das Kino aussehen und ob es eine Massenerscheinung oder eine exotische Besonderheit sein wird, entscheiden die Strategen der Streamingwelt.
Beim Kauf von Studios geht es zunächst einmal um Talente, Know-how und um Franchises. Das Filmgeschäft hat sich zunehmend auseinanderentwickelt in Walfische und Guppys, in ganz große und sehr kleine Hits. Die Megahits aber sind meist an etablierte Marken geknüpft: an Disneys „Star Wars“ etwa, oder eben an James Bond und Rocky, die nun mit MGM zu Amazon kommen.
Alte Filme, neue Märkte
Doch Streamingdienste kaufen mit einem Hollywoodstudio auch dessen Rechte- und Kopienbibliothek, also große Stücke Filmgeschichte. Wie sie damit umgehen werden, ist vorerst noch nicht absehbar. Ältere Ware – darunter fällt nach der Verwertungslogik der Industrie nicht nur der Stumm- und frühe Tonfilm, sondern fast alles bis weit hinein in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts – gehört nicht zu dem, womit Streamingdienste aggressiv werben.
Der Einfluss der Streamingdienste auf den DVD-Markt ist allerdings deutlich spürbar. Neuauflagen vergriffener älterer Filme werden seltener, die Gebrauchtpreise steigen, und wenn doch etwas auf den Markt kommt, dann immer öfter nur noch in einer limitierten und relativ hochpreisigen Sammleredition. Statt einer breiten Gruppe Älterer, die sich aus Nostalgiegründen noch einmal Filme ihrer Jugend gegönnt hatte, wie auf dem Höhepunkt des DVD-Booms, wird ein kleinerer Kreis Spezialisten angesprochen.
Wer soll das bewahren?
Gut möglich, dass die Streamingdienste erkennen, dass nicht alle nur um die gleiche Zielgruppe jüngerer Vielseher konkurrieren können, dass man Nischen und Interessengruppen bedienen sollte. Disney hat mit der Erschließung seiner großen TV- und Kinoarchive für Disney+ bereits begonnen.
Bei Netflix und Amazon sind Film- und Fernsehgeschichte jenseits der Eigenproduktionen der Streamer derzeit noch ein beliebiges Durcheinander. Ältere Filme und Serien kommen und gehen in wirrem Wechsel. Das könnte sich partiell ändern, wenn Netflix das Sony-Archiv, über das man einen Exklusivvertrag geschlossen hat, und Amazon das MGM-Archiv geordnet auswerten.
Doch das führt zurück auf ein altes Problem der Filmkultur. Weil die noch immer keine große Rolle spielt im Ritualkreis bürgerlicher Prestigeparfümierung, geht die öffentliche Hand die Aufgabe ihrer Erhaltung und Pflege kaum an. Die Verantwortung für Filmschätze und TV-Historie lag und liegt bei gewinnorientierten Firmen und Konzernen, mit verheerenden Folgen.
Teile der Filmgeschichte sind bereits unwiederbringlich verloren, andere Partien rotten vor sich hin. Noch immer kommt es zu Großkatastrophen wie dem Feuer im Universal-Lager 2008: bis zu 50 000 Filmkopien und eine sechsstellige Anzahl Musikbänder sind dabei vernichtet worden, Originale von Kulturleistungen des 20. Jahrhunderts.
Unklare Zukunft
Im einstigen DVD-Boom sind zwar viele ältere Filme und Serien digitalisiert und auf den Markt gebracht worden. Trotzdem blieb noch vieles in den Archiven unerschlossen und ungesichert. Wie sich die neue Ausrichtung der gesamten Bewegtbildwelt auf den Streamingmarkt auf die Archivpflege der Studios auswirken wird, ist nicht abzusehen – vor allem, weil kein Streamingdienst detaillierte Angaben über die Nutzung seiner Angebote macht. Vielleicht wird Archivpflege forciert, vielleicht geduldet, vielleicht zurückgefahren. Bis sich da Klarheit gewinnen lässt, werden einige Jahre vergehen.
So paradox das klingen mag in einer Welt mit immer mehr Streamingangeboten: Wer sich für ältere Filme, für nicht rasend populäre Genres, für Nischen und Filmkunst auch nur ein wenig über den Irgendwas-guck-ich-heute-Punkt hinaus interessiert, ist mit einer eigenen Blu-ray und DVD-Sammlung derzeit immer noch gut beraten.
Die Studiogeschichte von MGM
Aufstieg
: Größer ist besser, dachte sich der Unternehmer Marcus Loew, der sein Geld noch mit Varietés verdient hatte. Aus drei kleinen Filmstudios formte er 1924 eines: Metro-Goldwyn-Mayer. Von hier kamen nun die teuersten Musicals und opulentesten Ausstattungsfilme , „Ben Hur“ etwa. Loew selbst erlebte das nicht mehr, er erlag schon 1927 einem Herzanfall.
Niedergang:
1949 hatte MGM mehr Großtalente unter Vertrag als je ein Entertainment-Gigant davor oder danach. Doch dann kamen das Fernsehen und die Anti-Kartellgesetze. Auch MGM schrumpfte. Branchenfremde Manager schadeten dem Studio.
Irrwitz:
1969 übernahm der Spekulant Kirk Kerkorian die Macht bei MGM. Jahrzehnte undurchsichtiger Verkäufe, Rückkäufe und Ausschlachtungen folgten. 2010 war das Studio pleite.
Neugeboren:
Nach erfolgreichem Konkursverfahren begann MGM wieder zu produzieren, unter anderem die TV-Serie „The Handmaid’s Tale“. Neben Amazon waren mehrere Konkurrenten als Kaufinteressenten im Gespräch.