Erschöpft und verängstigt kommen die Straßenhunde nach rund 30 Stunden Fahrt in Dettingen an Foto: factum/Weise

Das größte Tierheim der Welt steht in Rumänien. Dort leben Tausende Tiere, die vor brutalen Hundefängern gerettet wurden. Einige von ihnen finden ein neues Zuhause in Baden-Württemberg. Tierärzte sehen das skeptisch.

Dettenhausen/Pitesti - Rund dreißig weiße Transportboxen stehen aufeinandergestapelt in den Vereinsräumen von Tierhilfe Hoffnung in Dettenhausen bei Tübingen. Hinter jeder Gittertür ein verschüchtertes Augenpaar. Uly, eine Promenadenmischung, wird gleich weiterreisen nach Niedersachsen. Und der schwarz-weiße Kerk kommt nach Kelkheim in der Nähe von Frankfurt. Bei dieser Lieferung seien es nur halb so viele Hunde wie sonst, sagt Matthias Schmidt, Vereinsvorsitzender von Tierhilfe Hoffnung.

In Rumänien haben Uly und Kerk in den Straßen der Stadt Pitesti gelebt, rund 120 Kilometer von Bukarest entfernt. Dann wurden sie von Tierschützern eingefangen und in das laut Guinnessbuch der Rekorde größte Tierheim der Welt gebracht, die Smeura. Ute Langenkamp, Gründerin von Tierhilfe Hoffnung, hat die Smeura vor 15 Jahren auf einer ehemaligen Fuchsfarm in Pitesti eröffnet. Matthias Schmidt war von Anfang an dabei. Der 31-Jährige fährt einmal im Monat nach Rumänien, um den Zustand des Tierheims zu überprüfen.

Dort leben 5400 Hunde auf einer Fläche, so groß wie acht Fußballplätze. Pro Tag verfüttern 56 Tierpfleger rund 2,4 Tonnen Futter an die Hunde. „Doch unsere Hauptarbeit in Rumänien ist die flächendeckende Kastration, um den Bestand an Straßenhunden zu reduzieren“, erklärt Schmidt. Dazu hat die Smeura eine eigene Tierklinik. „Oft finden wir auch verletzte Tiere, denen wir helfen müssen“, sagt er.

Rund 30 Stunden dauert der Hundetransport

Aus der aktuellen Lieferung wurden 30 Tiere bereits in Bayern abgeliefert. „Der Rest wird nun auf Tierheime in ganz Deutschland verteilt“, sagt Schmidt. Uly, Kerk und die anderen Streuner haben fast dreißig Stunden Fahrt hinter sich. Nun bekommen sie eine neue Transportbox. „Natürlich hat unser Transporter eine Lüftung“, sagt er. Die lange Fahrt sei nichts im Vergleich zu dem, was die Hunde in Rumänien durchmachen mussten.

Nach einem Hundeangriff auf einen kleinen Jungen wurde im Jahr 2013 kurzfristig ein Tiertötungsgesetz in Rumänien erlassen. Seitdem sind dort Hundefänger unterwegs. Mittlerweile ist es zwar nicht mehr legal, die Tiere zu töten. „Die Realität sieht aber anders aus“, sagt Schmidt, „Die Hundefänger töten auf grausamste Art und Weise“.

EU beteiligt sich nicht an Kastration von Straßenhunden

Der Tierschützer ärgert sich, dass die rumänische Regierung das Hundeelend nicht verhindert und dass die EU nicht beim Kastrieren hilft. Auch die einheimische Bevölkerung habe kein Verständnis für sein Anliegen. „Viele Männer in Rumänien wollen ihren Hund gar nicht kastrieren lassen, weil er dann ihrer Meinung nach kein richtiger Hund mehr ist“, sagt Schmidt. Um die Straßenhunde vor den Hundefängern zu retten, holt er jede Woche sechzig Tiere nach Dettenhausen. „Tierschutz endet nicht an der Landesgrenze“, sagt er.

Das sieht der Stuttgarter Amtstierarzt Thomas Stegmans etwas anders. „Hunde aus dem Ausland schleppen oft Krankheiten wie Tollwut oder Parasiten ein“, sagt er. Viele hätten auch Tumore, die behandelt werden müssten. Und: Für jeden rumänischen Hund, der in einem Tierheim vermittelt wird, bleibe ein deutscher Hund sitzen.

In Stuttgart werden mehrmals im Jahr rumänische Hunde von der Tierhilfe Hoffnung aufgenommen, obwohl es die meiste Zeit mit deutschen Hunden voll ausgelastet ist. „Wir leben von der Hand in den Mund und sind ständig auf Spenden angewiesen“, sagt Tierheimleiterin Marion Wünn. Nur wenn ein Platz frei ist, dürfe ein Hund aus Rumänien kommen. Das Tierheim bekommt jährlich rund 1,5 Million Euro Spendengelder. Rund eine halbe Million steuert zusätzlich die Stadt bei. „Die Stadt sieht es nicht gerne, dass wir die rumänischen Hunde ins Tierheim bringen“, sagt Schmidt.

Hund nicht an der Tankstelle kaufen

Marion Wünn ermahnt Hundeliebhaber bei der Anschaffung eines Hundes aus dem Ausland ganz genau hinzusehen. Manche ­Organisationen würden die Tiere an Tankstellen neben der Autobahn verkaufen. „Man sollte dann nicht nur das Herz, ­sondern auch den Verstand sprechen lassen“, sagt sie. Zumal es auch andere Möglichkeiten gibt, Straßenhunden zu helfen. Matthias Schmidt schlägt eine Futterspende vor. Tierarzt Stegmans empfiehlt Unterstützung vor Ort.

„Ein Tier empfindet Schmerzen, Freude und Leid ähnlich wie wir Menschen“, sagt Schmidt. Er hebt Uly und Kerk in eine frische Transportbox. „Natürlich wurde ich in Rumänien auch schon gebissen, weil ein Hund Angst hatte, das gehört dazu“, sagt er.

Uly und Kerk sehen nicht so aus, als würden sie heute noch jemanden beißen. Sie starren vor sich hin. Vielleicht werden sie bald in einem Wohnzimmer sitzen und nur noch beim Gassigehen Asphalt unter den Pfoten spüren – aber ganz sicher nicht mehr auf den Straßen von Pitesti.