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Straßburg Ein Jahr nach Terror-Attacke auf Weihnachtsmarkt

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Besucher strömen nach Straßburg, wo der historische Weihnachtmarkt in diesem Jahr zum 450. Mal ausgerichtet wird. Foto: Armbruster

Straßburg - Lichterglanz, funkelnde Sterne, Glühweinduft, überall laute Weihnachtsmusik und Abertausende Menschen, die ausgelassen und fröhlich lachen: Nichts auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt erinnert an den Schrecken, der am 11. Dezember 2018 hier über die Besucher gekommen ist. Cherif Chekatt tötete dort vor einem Jahr bei einem blutigen Terroranschlag fünf Menschen und verletzte weitere elf teilweise schwer. Dennoch strömen diesen Winter wieder Tausende Besucher nach Straßburg, wo der historische Weihnachtmarkt heuer zum 450. Mal ausgerichtet wird.

Auch in der engen Rue des Orfèvres, der Goldschmiedegasse, in der Nähe des Münsters herrscht kurz vor dem Jahrestag reges Treiben. Blumen und Kerzen, die Trauernde dort nach dem Terrorakt niedergelegt hatten, sind längst schon wieder weggeräumt. Hier erinnert nichts mehr an die Schreckensnacht. Keine Stelle des Gedenkens, kein öffentlicher Ort der Trauer und Erinnerung für die Opfer. Anders als auf dem Berliner Breitscheidplatz, wo seit dem dortigen Terroranschlag die Namen der Getöteten auf einer Treppe zu lesen sind.

Die Bonbon-Frau will über den mörderischen Tag des Blutbads eigentlich nicht reden

Rückblick: Kurz vor 19.50 feuert der Straßburger Attentäter Cherif Chekatt am 11. Dezember 2018 in der Rue des Orfèvres auf seine ersten beiden Opfer und beginnt so seinen mörderischen Streifzug.

Die Angst von damals hat Françoise Louis noch nicht vergessen. "Wir haben um unser Leben gefürchtet", erinnert sich die Markthändlerin in einem Gespräch am frühen Montagabend mit unserer Zeitung. Ihr bunter Bonbon-Stand befand sich auch vergangenes Jahr nicht weit weg vom Ort, wo die Attacke begann – ein paar Meter von der Rue des Orfèvres entfernt. Eigentlich will sie gar nicht darüber reden – und tut es dann doch. Schreie hätten sie und eine weitere Verkäuferin damals aufhorchen lassen. Kurz darauf sei ein Kollege vom Nachbarstand zu ihr geeilt, habe die Läden ihrer hölzernen Verkaufshütte geschlossen und ihr geraten, die Bude zu verriegeln.

Durch schmale Gassen bahnt Attentäter Chekatt sich seinen Weg zur Rue des Grand Arcades. Dort schießt er auf einen weiteren Marktbesucher, biegt auf eine schmale Straße ab und trifft kurz darauf auf sein nächstes Opfer. In der Rue de Saumon in der Nähe der Galarie Lafayette erschießt Chekatt einen weiteren Passanten. Alles passsiert im Laufe nur weniger Minuten. Augenzeugen berichten von Panik auf den Straßen der elsässischen Metropole. Viele Menschen flüchten oder versuchen, sich in angrenzenden Gebäuden des Marktes zu verstecken.

"Eine dreiviertel Stunde haben wir so gewartet", erzählt Bonbon-Verkäuferin Louis, die damals in ihrem Verkaufshäuschen ausharren musste. Da war die Attacke schon lange vorbei, das wusste die Marktfrau nur noch nicht.

Auf der Flucht aus der Altstadt – gelegen auf einer Insel der Ill – wird der Terrorist von der Polizei angeschossen. Trotzdem gelingt es ihm, seinen Verfolgern durch das Viertel Petite France zu entwischen. Auf der Flucht tötet er einen weiteren Passanten. Insgesamt kostet dieser Dienstag fünf Menschen das Leben. Elf weitere werden schwer verletzt.

Etwas weniger Besucher gebe es dieses Jahr, findet Juliette Hodent. "Das liegt aber am Streik bei der Bahn", ist sich die Verkäuferin sicher. Sie selbst fühle sich absolut sicher, erzählt sie zwischen zwei Kundengesprächen, in denen sie quietschbunte Seifen anbietet. Alle 15 bis 20 Minuten würden heute schwer bewaffnete Polizisten durch die Gassen und Marktstraßen patrouillieren. Darüber hinaus wird die Innenstadt von 400 Videokameras überwacht. Fast keine Stelle der Innenstadt bleibt somit unbeobachtet.

Einen Taxifahrer zwingt der Attentäter in der Terrornacht schließlich, ihn in den Stadtteil Neudorf zu bringen. Dort kennt er sich aus – der gebürtige Franzose hatte seine Kindheit in dem Straßburger Problemviertel verbracht. Am Abend des 11. Dezembers verliert sich dort die Spur Cherkatts. Vorerst. An den darauffolgenden Tagen herrscht vor allem Unsicherheit und Angst, weit über die Stadt hinaus. An der Grenze finden wieder Polizeikontrollen statt, auch im nahen Deutschland machen sich die Menschen große Sorgen.

Und heute? Sehr pragmatisch sieht ein Tourist aus den USA die aktuelle Sicherheitslage: "Wir dachten uns, es ist dieses Jahr in Straßburg hundert Mal sicherer als vergangenes Jahr", meint er auf Nachfrage. Er habe damals von dem Anschlag auch in den weitentfernten USA gehört. Ein Grund, nicht nach Straßburg zu kommen, sei das aber nicht gewesen. "Wir sind Amerikaner!", sagt er stolz, als sei das Erklärung genug. Man dürfe sich nicht Angst machen lassen, ergänzt seine Frau, nickt zustimmend und bummelt gemütlich weiter.

Zwei volle Tage lang leben die elsässische Metropole und die ganze Region in Angst

Innerhalb kürzester Zeit bricht am Donnerstagabend, 13. Dezember 2018, im Stadtteil Neudorf die Hölle los. Dort wird der Attentäter entdeckt. Er hatte das von der Polizei aufwendig durchsuchte Quartier nie verlassen. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei wird er in einem Hauseingang getötet. Dutzende schwerbewaffnete Einsatzkräfte sperren die Straßen rund um den kleinen Bahnhof Krimeri/Meinau ab. "Alle atmen auf", berichtete eine Anwohnerin aus einem Straßburger Vorort unserer Zeitung damals.

Es fällt Bonbon-Frau Françoise Louis auch ein Jahr nach der Attacke schwer, dem Reporter von diesem mörderischen Tag zu berichten. Immer wieder stockt ihre Erzählung. Ganz anders als im Gespräch mit Kunden: Da scherzt sie, lacht, ruft und bietet den Besuchern Kostproben ihrer elsässischen Bonbons an. "Nicht daran denken." Das sei ihr Motto. Man müsse weitermachen. "Alle zusammen, Verkäufer und Besucher", betont die Händlerin und lächelt.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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