In den Chefetagen der großen deutschen Autobauer gilt ein Handelskrieg mit China als Horrorszenario. Foto: dpa/Ingo Wagner

Verhängt nach den USA auch Europa Strafzölle auf chinesische E-Autos? Die Konsequenzen für Wirtschaft und Verbraucher könnten weitreichend sein.

Die US-Regierung hat den Handelsstreit mit China wieder aufflammen lassen, nun entscheidet die EU-Kommission, ob sie auch Strafzölle wegen wettbewerbswidriger Subventionen verhängt. Im Zentrum des Konflikts stehen vor allem Elektroautos. Doch wer glaubt, die deutschen Hersteller seien froh, wenn günstigeren Fahrzeugen aus China ein Riegel vorgeschoben wird, irrt gewaltig. Die deutsche Autoindustrie ist so abhängig von der Volksrepublik, dass eine Eskalation verheerend sein könnte. Das gilt besonders für Premiumanbieter wie Mercedes-Benz oder Porsche.

 

Topmanager warnen vor Protektionismus

In den Chefetagen der großen deutschen Autobauer gilt ein Handelskrieg als Horrorszenario. Seit Monaten zittern die Topmanager vor einer Zuspitzung der Streitigkeiten. „Protektionismus setzt eine Spirale in Gang. Zölle führen zu neuen Zöllen“, sagte der BMW-Chef Oliver Zipse vergangenen Monat bei der Hauptversammlung des Konzerns. Mercedes-Chef Ola Källenius verdeutlichte erst jüngst auf einer Veranstaltung dieser Zeitung die Folgen des Protektionismus: „Wenn wir uns von China komplett abkoppeln, müssen wir das halbe Werk Sindelfingen stilllegen“, sagte er. „Offene Märkte haben Deutschland zur drittgrößten Volkswirtschaft gemacht.“ Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) steht Zollerhöhungen skeptisch gegenüber.

In Brüssel allerdings scheint die deutsche Autolobby wenig Gehör zu finden. Die EU-Kommission prüft seit September den Vorwurf unfairer Staatshilfen Chinas. Nach den Europawahlen dürfte die Brüsseler Entscheidung über Anti-Dumping-Maßnahmen kurz bevorstehen. Eine Zollerhöhung von derzeit zehn auf 15 bis 30 Prozent gilt als wahrscheinlich. Damit würde Europa wesentlich behutsamer vorgehen als die USA. Deren Präsident Joe Biden hatte angekündigt, den Zoll für E-Autos aus China von 25 auf 100 Prozent zu erhöhen, die Fahrzeuge also de facto aus den USA auszusperren.

Experte: E-Autos könnten durch Zölle deutlich teurer werden

Doch auch ein „gezieltes“ Vorgehen, wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen es in Aussicht gestellt hat, wäre folgenschwer. Laut Simulationsrechnungen des IfW Kiel würde ein Zollsatz von 20 Prozent die Menge importierter E-Autos aus China um 25 Prozent sinken lassen.„Umgerechnet auf die fast 500 000 Fahrzeuge, die 2023 importiert wurden, entspricht dies schätzungsweise 125 000 Stück im Wert von fast vier Milliarden US-Dollar“, schreiben die Wirtschaftsforscher. Der Rückgang würde in großen Teilen durch eine steigende EU-Produktion sowie eine geringere Menge an Exporten aufgefangen. „Für die Verbraucher dürfte dies im Ergebnis höhere Preise für Elektroautos bedeuten, weil die Produktion in der EU deutlich teurer ist als in China, aufgrund von höheren Energie- und Materialpreisen und vor allem deutlich höherer Lohnkosten“, sagt Handelsexperte Julian Hinz vom IfW Kiel.

China hat bereits Vergeltungsmaßnahmen angedroht

China hat bereits mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht. Die chinesische Handelskammer in Brüssel teilte im Mai mit, dass Peking den Zoll auf großmotorige Importwagen auf 25 Prozent erhöhen könnte. Die Aktien deutscher Autobauer gaben daraufhin spürbar nach. Die Nervosität der Anleger hat gute Gründe. Mercedes etwa verkaufte im vergangenen Jahr fast jeden dritten Pkw nach China. Die Volksrepublik gilt als wichtigster Luxusmarkt der Welt, für deutsche Oberklassehersteller führt kein Weg daran vorbei. Aber nicht nur als Absatzmarkt ist China enorm wichtig. Viele Vorprodukte und ganze Modellserien wie der neue BMW-Mini oder der neue Smart werden dort gefertigt und dann nach Europa exportiert.

Einer Untersuchung der Rhodium-Gruppe zufolge könnten internationale Autobauer sogar die Hauptleidtragenden neuer Chinazölle sein. Die Profitmargen chinesischer Hersteller würden ausreichen, um Zollsätze von 15 bis 30 Prozent zu verkraften, so das Analysehaus. Viele E-Auto-Modelle aus China würden weiter starke Gewinnaufschläge in Europa erzielen. Um chinesischen Anbietern wie BYD den Appetit auf Europa zu verderben, wären der Studie nach viel höhere Zölle von 45 oder sogar 55 Prozent nötig. Dagegen dürfte das Geschäftsmodell von BMW oder Tesla, die China als Basis für Exporte nach Europa nutzten, schon bei Zollsätzen von 30 Prozent zerstört werden. Grund für die Überlegenheit der Rivalen aus China seien nicht nur üppige Subventionen, sondern auch Kostenvorteile durch effizientere Produktions- und Lieferketten.

Umfrage: Mehrheit deutscher Firmen befürwortet Strafzölle

Dass die deutsche Autobranche bei einer Eskalation des Handelsstreits nur verlieren kann, scheint klar. Ein Problem bei ihrer Lobbyoffensive in Brüssel ist jedoch nicht nur, dass große EU-Partner wie Frankreich eine harte Linie gegenüber China befürworten. Auch viele deutsche Firmen sprechen sich dafür aus. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Demnach halten über 80 Prozent von rund 900 befragten Unternehmen aus den Bereichen Industrie und industrienahe Dienstleistungen höhere Zölle auf chinesische E-Autos für „gerechtfertigt“ oder „teilweise gerechtfertigt“, wenn die EU unfaire Staatshilfen feststellen sollte.

Rund 350 der an der Umfrage beteiligten Firmen gaben an, chinesische Wettbewerber in ihren Absatzmärkten zu haben. Der Konkurrenzdruck ist demnach hoch: Mindestens die Hälfte ächzt unter Preisunterbietungen von mehr als 20 Prozent für vergleichbare Produkte. Teilweise böten die chinesischen Rivalen sogar mehr als 30 Prozent niedrigere Preise an. Die Studienautoren vom IW meinen, dass kein fairer Wettbewerb vorliegen könne: „Chinas Subventionierung ist eine Regelverletzung.“ Die EU sei im Recht, dagegen vorzugehen. Inwieweit China zurückschlage, sei zudem ungewiss. „Ein Handelskrieg würde den chinesischen Zugang zum EU-Markt noch mehr gefährden – in einer Zeit, in der die USA und wichtige Schwellenländer ihre Märkte zunehmend abschotten.“