Vier Jahre lang war die Stadt storchenlos. Nun haben Beobachter entdeckt, dass wieder ein Nest gebaut wird. Doch Meister Adebar braucht Hilfe – die Bevölkerung ist noch uneins.
Aufmerksamen Beobachtern dürfte es bereits aufgefallen sein: In Wolfach wird derzeit gebaut – und zwar ein Storchennest. Viele Jahre gab es im Ort keine Störche – bis sich 2021 zwei Tiere niederließen.
Die Freude bei der Bevölkerung war groß. Über Wochen waren die Tiere damals damit beschäftigt, ihr Nest zu bauen. Das Weibchen hatte Eier gelegt, die beiden waren dabei diese auszubrüten. Die Wolfacher freuten sich über baldigen, geflügelten Nachwuchs. Doch daraus wurde tragischerweise nichts.
Einer der Störche wurde angefahren und musste eingeschläfert werden. Der verbliebene Vogel gab den Brutversuch daraufhin auf. Denn: Störche sind auf die Zusammenarbeit beider Partner angewiesen. Sie wechseln sich bei der Futtersuche, beim Wärmen der Eier und beim Schutz der Jungen ab. Allein kann ein Storch die Brut nicht erfolgreich durchbringen – die Küken würden verhungern, erfrieren oder Fressfeinden zum Opfer fallen.
Lange Zeit hatten die Wolfacher kein Glück mit ihren Störchen
2022 gab es erneut ein Storchen-Paar in Wolfach. Die Freude darüber währte aber nicht lange, denn ihr Nest fiel vom Dach des Turms der Stadtkirche St. Laurentius. Einer der Vögel war ein zuvor in Hausach ansässiges Exemplar, der zweite Storch war unberingt.
Vier Jahre lang blieb Wolfach danach storchenlos. Nun haben aufmerksame Beobachter entdeckt, dass wieder ein Storchennest gebaut wird. Unklar ist bisher, ob ein oder zwei Störche daran arbeiten. Bisher ist zeitgleich immer nur ein Storch zu sehen.
Der Haslacher Storchenbeauftragte Rudi Allgeier erklärte im Gespräch mit unserer Redaktion, dass der Vogel oder die Vögel nicht beringt sind, was eine genaue Identifizierung erschwere. „Manche Männchen fangen alleine an, ein Nest zu bauen, um es einer potenziellen Partnerin zu präsentieren“, erläutert Allgeier. Deshalb könne es tatsächlich sein, dass es derzeit nur ein Storch ist.
Dem oder den Störche gelingt der Nestbau allerdings nicht. „Das Dach der Kirche hat einen 60 Grad Winkel und eine glatte Fläche. Es bietet keinen stabilen Halt. Das erschwert den Nestbau ungemein“, so der Storchenbeauftragte. „Der Storch hat den Dreh bisher nicht raus.“ Er bräuchte die Unterstützung von Menschen. Helfen könnte ein Dachreiter oder ein künstliches Nest aus Aluminium, das man auf die Ziegelreihen setzt, beisteuern.
Nicht alle stehen diesem Vorschlag positiv gegenüber. Vor allem rund um den Kirchenplatz gibt es Bedenken wegen Verschmutzung und zusätzlichem Arbeitsaufwand. Nach dem Neststurz 2022 mussten etwa Heu und Äste aufwendig beseitigt werden.
Die Erzdiözese Freiburg entscheidet über den Nestbau
Da die Störche das Nest auf einem Grundstück der Pfarrgemeinde Wolfach bauen, das zur Erzdiözese Freiburg gehört, liegt die Entscheidung über die Hilfe für die Vögel dort. Auf Nachfrage unserer Redaktion äußerte sich Reinhold John, Leiter der Stabsstelle Schöpfung und Umwelt, ausführlich. Er kenne die Situation vor Ort nicht, wisse aber, dass dort versucht werde, ein Nest zu bauen. Ob es ein oder zwei Störche seien, sei auch ihm nicht bekannt.
Ob die Vögel beim Nestbau unterstützt werden sollten, könne er nicht sagen. Das müssten seiner Meinung nach Naturschutzbehörden beziehungsweise die von Ihnen beauftragten Storchenberater debattieren und dabei den Gebäudeeigentümer einbeziehen. In der Regel sei es so, dass die Störche solche komplexen Situationen gern vermeiden und sich eine geeignetere Stelle für ihren Horst suchen würden.
„Das ist allerdings nicht immer ganz einfach, denn die Konkurrenz schläft nicht, zumal wir seit Jahren in Teilen von Baden-Württemberg eine deutliche Populationszunahme registrieren“, erläuterte John weiter. Eigentlich seien Weißstörche Baumbrüter, da aber geeignete Bäume aufgrund der sich veränderten Forstwirtschaft rar geworden seien, nutze der Weißstorch als Kulturfolger auch Gebäude und Strommasten. „Um die geeigneten Brutbäume konkurriert der Storch zudem mit Greifvögeln und sogar den invasiven Nilgänsen“, beendete er seine Ausführungen.
Wenn das Nest nach Nest aussieht, steht es unter Schutz
In der Bevölkerung wächst der Wunsch, den Störchen eine Chance zu geben, erklärt Allgeier. Viele Menschen würden das Geschehen aufmerksam verfolgen und auf eine erfolgreiche Brut in der Zukunft hoffen. Auch rechtlich ist die Situation eindeutig: Sobald ein Nest eine erkennbare Struktur erreicht, steht es unter Schutz, da Störche zu den besonders geschützten Arten gehören. Eingriffe sind dann nur sehr eingeschränkt möglich.
Für Wolfach bleibt die Storchenfrage damit offen – aber auch dringlich. Allgeier betonte, dass innerhalb weniger Wochen eine geeignete Nisthilfe geschaffen werden müsste, um den Tieren eine echte Chance zu geben. Denn eines zeige sich immer wieder: Die Störche geben nicht auf. Sehr wahrscheinlich kehren sie im nächsten Jahr erneut zurück – bereit für einen neuen Versuch.
Der Storch
Störche bauen ihre Horste oft jahrzehntelang am gleichen Ort und erweitern sie, dabei können die Nester bis zu zwei Tonnen schwer werden. Storchenpaare sind nicht nur für eine Brutsaison zusammen, sondern bleiben oft viele Jahre oder sogar lebenslang ihrem Partner treu. Die Brutzeit dauert etwa einen Monat, die anschließende Aufzucht etwa zwei Monate. „Das kommt aber auf die Witterung und die Anzahl der Eier ab“, betont Storchenexperte Rudi Allgaier. Wenn Störche ihre Jungen verlieren, würden sie oft noch eine Weile bei dem Nest bleiben. Sind die Küken noch klein, werfen ihre Eltern die toten Tiere heraus. Wenn die Küken aber zu groß sind, legen die Alten oft Stöcke darauf und verlassen das Nest.