Simon Höge ist Behindertenbeauftragter der Stadt Villingen-Schwenningen. Foto: Heinig

Um die Bedürfnisse für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen besser zu verstehen, bewegte er sich zwei Stunden lang mit dem Rollstuhl durch die Stadt. Dabei hat der Behindertenbeauftragte Villingen-Schwenningens, Simon Höge, festgestellt: "Es gibt noch viel zu tun".

Villingen-Schwenningen - Gerade hat er den europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigungen mitgestaltet und Bürger dazu aufgerufen, Barrieren für jedwede Art von Handicap an die frei zugängliche Internetplattform "wheel map" zu melden. Auf dieser Seite werden die Probleme für Menschen, die im Rollstuhl sitzen, in vielen deutschen Städten benannt.

 

Enge Eingänge

"Diese Besucher können sich dort im Vorfeld über eine Art Ampelsystem informieren, wie gut sie sich in der jeweiligen Stadt, in die sie reisen wollen, zurechtfinden können", sagt Simon Höge. Zu enge Eingänge, fehlende Rampen oder Aufzüge, Bushaltestellen – auch in Villingen-Schwenningen gebe es noch viele Stolperstellen, weiß er. In der historischen Innenstadt Villingens gehört das Kopfsteinpflaster dazu.

Aber auch das musste der 30-Jährige schon feststellen: Eine flächendeckende Barrierefreiheit herzustellen sei zwar das Ziel, doch nicht überall sei das möglich. Simon Höge steht in engem Kontakt mit den städtischen Ämtern und weiß, dass Umbaumaßnahmen an mangelndem Platz oder an nicht herstellbarer Verkehrssicherheit scheitern können.

Emotionale Themen

In seine privaten Karten mag sich Simon Höge nicht so gerne schauen lassen. Spricht er aber über seinen Beruf, kommt er ins Schwärmen. Spaß mache ihm seine Arbeit, auch wenn bei so emotionalen Themen wie Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung Kritik und Frustrationen nicht ausbleiben.

Aus dem Kreis Karlsruhe

Aufgewachsen im Landkreis Karlsruhe orientierte sich Simon Höge schon zu Schulzeiten beruflich in Richtung Sozialwesen. Nach einem entsprechenden Berufskolleg studierte er ab 2011 an der Hochschule Ravensburg/Weingarten soziale Arbeit. Bei einem Praxissemester begeisterte ihn der Schwerpunkt "Menschen mit Behinderung" und er lernte Beteiligungsprozesse kennen. Das Masterstudium widmete er barrierefreien Systemen.

Zunächst Flüchtlingsbeauftragter

Nachdem er "aus persönlichen Gründen" im März 2019 nach Villingen-Schwenningen zog, erhielt er bei der Stadtverwaltung zunächst die befristete Stelle des Flüchtlingsbeauftragten. Gemeinsam mit der Diakonie und den Maltesern erarbeitete er als solcher für Geflüchtete einen Wegweiser durch die Behörden. Vom interkulturellen Netzwerk aus dieser Zeit profitiere er bis heute, sagt er.

Nachfolger von Beate Bea

Gut zwei Jahre später folgte er auf Beate Bea und wurde Behindertenbeauftragter, eine 50-Prozent-Stelle. Die andere Hälfte seiner Arbeitszeit fließt seither in die Sozialbetreuung von Menschen in prekären Lebenslagen ein. Simon Höge ist dort vor allem in der städtischen Notunterkunft in Schwenningen tätig und vermittelt Wohnraum an Obdachlose. Besonders intensiv wurde diese Aufgabe nach den beiden Wohnungsbränden in Schwenningen, wo Familien plötzlich ohne ein Dach über dem Kopf dastanden.

Schwer gemacht hat Simon Höge seinen Berufsanfang die Coronapandemie. Zwei Jahre lang fand mit Betroffenen hier wie dort kein direkter Austausch statt. Er nutzte die Zeit zur Pflege eines Netzwerkes. Allmählich kommt nun wieder präsentes Leben in seinen Berufsalltag.

Bewusstsein schaffen

Die Aktion am 5. Mai nutzte er nicht nur, um gemeinsam mit gehandicapten Menschen auf Problemsuche zu gehen, er steuerte auch Läden und Gastronomiebetriebe an, um auf dort bestehende Hindernisse aufmerksam zu machen. "Ich möchte ein Bewusstsein schaffen", sagt er und er hat erlebt, dass allein die freundliche Nachfrage Wirkung zeigen kann. Mit dem städtischen Seniorenrat, der Diakonie, dem VdK-Sozialverein, der Stiftung Liebenau, der ergänzenden unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) der Beauftragten für Menschen mit Behinderung im Landratsamt arbeitet er eng zusammen.

Simon Höge findet: "Das Bewusstsein für Menschen mit Einschränkungen könnte schneller wachsen". Deutschland als Industrienation müsste mit der Inklusion weiter sein. Von der für 2022 versprochenen Barrierefreiheit im öffentlichen Personennahverkehr im Schwarzwald-Baar-Kreis sei man noch weit entfernt.

Halbe Stelle

Simon Höge weiß, dass auch er mehr tun könnte. Nur eine halbe Stelle als Behindertenbeauftragter, "das ist eigentlich viel zu wenig", findet er. Gleichwohl ist VS eine der wenigen Städte im Landkreis, die dafür eine hauptamtliche Stelle einrichtete. In den meisten Gemeinden leisten Ehrenamtliche "herausragende Arbeit. Ich tue, was ich kann", verspricht Simon Höge.