Die beiden ersten Stolpersteine der Hesse-Stadt haben am Sonntag im Rahmen einer feierlichen Zeremonie ihren jeweiligen Platz erhalten.
Vor 80 Jahren endete die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus. Heute, vier Generationen danach, ist die zeitliche Distanz so groß, dass manchen Menschen der Bezug zu den einstigen Geschehnissen verloren zu gehen droht.
Auch im Landkreis Calw trieb das Nazi-Regime sein Unwesen. Das Bündnis „Calw bleibt bunt“ übernahm die Initiative, die Erinnerung daran nicht verblassen zu lassen.
Nun wurden vor der Calwer Linde (Lange Steige) und dem ehemaligen Verlagsgebäude in der Bischofstraße 4 zwei Stolpersteine verlegt, um der jüdischen Linden-Wirtin Rosa Creuzberger sowie dem Bäckermeister Hermann Schürle dauerhaft zu gedenken.
Feierlicher Gottesdienst
Ein Gottesdienst leitete die Feierlichkeiten ein. Dekan Erich Hartmann stellte in seiner Predigt fest: „Immer wieder erschrecken wir über das, was geschieht.“ Diakon Bertram Bolz hält es für sehr wichtig, dass mit Stolpersteinen ein „Zeichen gegen das Vergessen gesetzt werde“.
Feierstunde im Forum
Die Feierstunde im Forum des Hermann-Hesse-Gymnasiums setzte zwei Hoffnung gebende Akzente. Zum einen nahmen sehr viele Menschen an der Gedenkfeier teil. In der Menschenmenge befanden sich in großer Anzahl Jugendliche der Heinrich-Immanuel-Perrot-Realschule, des Hermann-Hesse-Gymnasiums und des Maria-von-Linden-Gymnasiums.
Die Schüler gedachten mit berührenden Wortbeiträgen den beiden Nazi-Opfern. Emotional bewegt zeigten sich die Zuhörer, als zwei Schülerinnen ein fiktives Tagebuch vorlasen, in dem sie sich in die Opfer hineinversetzen und ihre Gedanken der letzten Lebensstunden niederschrieben.
Als Nachfahren der Opfer beleuchteten Stefan Creuzberger und Reinhold Schürle so manches, bislang nicht Bekanntes aus dem Leben von Rosa Creuzberger und Hermann Schürle.
Von Calw in die Gaskammer
Es wurde das Unrecht, das der Jüdin Rosa Creuzberger geschah, reflektiert. Sie war die Wirtin der Linde am Adlereck. Creuzberger verlor nach dem Unfalltod ihres Mannes am 26. Juni 1943 als Jüdin jeglichen Schutz. Mit Schikanen begann ihr Leid. Die menschenverachtende Ideologie und der grenzenlose Hass der Nazis wurde auf grausame Weise deutlich.
So durfte Rosa weder nochmals ihren verunglückten Mann sehen, noch an der Trauerfeier teilnehmen. Das Gasthaus wurde ihr genommen, ihr Bargeld konfisziert und sie wurde, um Aufmerksamkeit zu vermeiden, nach ihrer Verhaftung am 18. September 1943 nach Althengstett zur Abreise verschleppt. Am 24. September 1943 erfolgte die Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
Angesichts ihres Alters kann man davon ausgehen, dass sie noch am Ankunftstag in der Gaskammer ermordet wurde.
„Verlegt“ und ermordet
Hermann Schürle stammte aus der Calwer Gundert-Familie. Eine schwere Erkrankung machte eine Unterbringung in einer Pflegeanstalt notwendig. Archivar Christian Hofmann beschrieb, wie Hermann Schürle und mindestens 28 weitere Opfer aus dem Raum Calw, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder geistigen Einschränkungen, entsprechend der perfiden Nazi-Planungen „verlegt“ und am gleichen Tag ermordet wurden.
Im Kreis Calw setzte diese Überlegungen der Staatskommissar für Volksgesundheit, der Arzt Eugen Stähle, um. Stähle wählte Grafeneck, bis dahin die Pflegeanstalt der Samariterstiftung, aus. Mit der Folge, dass Grafeneck zur Tötungsanstalt umgebaut wurde.
Von Januar bis Dezember 1940 wurden in Grafeneck 10 654 Menschen ermordet, deren Erkrankung zuvor auf Meldebögen erfasst wurde und in der „T4 Zentrale“ (Berlin) von Gutachtern mit einem Plus-Zeichen für Tod markiert waren.
Die Zukunft der Erinnerung
Jürgen Ott (Vertreter des Oberbürgermeisters) dankte im Namen der Stadt dem Bündnis „Calw bleibt bunt“ und der daraus entstandenen „Stolpersteingruppe“ mit Adelinde Maucher-Hoffmann, Bertram Bolz, Erich Hartmann, Silke Brietzke, Beate Ehnis, Irene Lebzelter-Drocur, Reinhold Schürle und Joe Schwarz.
Bevor man unter großer Anteilnahme zur Steineverlegung an den beiden Gedenkorten in der Bischofstraße und Lange Steige durch den Steinmetzmeister Wolf-Stefan Reiser schritt, erhielten die Besucher von den Schülern der Realschule und den beiden Calwer Gymnasien selbst gestaltete Flyer über die Ermordeten – sowie einen QR-Code, mit dem umfangreiche Informationen abgerufen werden können. Denn, so Geschichtslehrerin Ute Hager: „Die Zukunft der Erinnerung ist digital.“