2009 wurden drei Stolpersteine verlegt. Anhand nun vorliegenden Schriftverkehrs wird heute nochmals an Eugen Deckers erinnert, der 1940 von den Nazis ermordet wurde.
Im Jubiläumsjahr 750 Jahre Stadt Hausach stand am 23. Mai 2009 nicht nur festliche Stimmung auf dem Programm, sondern vor allem eines: Gedenken. Mit der Verlegung von drei Stolpersteinen erinnerte Hausach damals an drei Bürger, deren Würde und Leben in der Zeit des Nationalsozialismus brutal verletzt worden waren.
Die Aktion wurde damals von der Gruppe „Wider das Vergessen“ initiiert und mit großer Anteilnahme der Bevölkerung begleitet. Heinz Welschbach und Manfred Schoch, zwei Mitglieder der früheren Gruppierung, gehörten zu den treibenden Kräften hinter den Stolpersteinverlegungen in den Jahren 2009 und 2015, für die die Stadt Hausach offiziell die Verantwortung übernommen hat. Nun lenken sie erneut den Blick auf die düsteren Kapitel der Hausacher Geschichte.
300 000 Opfer der „Aktion T4“ in ganz Europa
Aus dem Nachlass der Familie Schmider erhielten sie jetzt den gesamten Schriftverkehr über die Todesursache und die Modalitäten der Beisetzung Eugen Deckers, der 1940 Opfer des nationalsozialistischen „Euthanasieprogramms Aktion T4“ wurde. Sein Schicksal steht exemplarisch für den mit einem Runderlass vom 18. August 1939 begonnenen systematischen Massenmord an kranken sowie behinderten Kindern und später auch an Erwachsenen. Unter der Tarnbezeichnung „T4“ – benannt nach der Berliner Tiergartenstraße Nr. 4, dem Sitz der Planungsstelle – wählte das NS‑Leitungsteam Kohlenmonoxid als Tötungsmethode.
Insgesamt fielen diesem Programm europaweit etwa 300 000 Menschen zum Opfer, denen die Nationalsozialisten jeglichen Wert für die Gesellschaft absprachen (Quelle: Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS‑„Euthanasie“-Morde). Eugen Decker lebte nach dem Tod seiner Eltern in der Vormundschaft seines Verwandten, Schreinermeister Alois Schmider. 1937 wurde der damals 40-Jährige in die Pflegeanstalt Fußbach eingeliefert und am 15. August 1940 mit einem der berüchtigten grauen Busse in die Landes- Pflegeanstalt Grafeneck deportiert.
Nur 14 Tage später erhielten die Angehörigen die Todesnachricht, die Manfred Schoch und Heinz Welschbach nun im Original vorliegt, verpackt in sprachlicher Kälte und moralischer Verdrehung: „… Es tut uns aufrichtig leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Pflegesohn … am 29. August 1940 plötzlich und unerwartet an einer Wundinfektion mit anschließender Blutvergiftung verstorben ist. Bei der schweren, geistigen Erkrankung bedeutete für den Verstorbenen das Leben eine Qual. So müssen Sie seinen Tod als Erlösung auffassen…“ Die Einäscherung erfolgte umgehend, die Urne wurde im September 1940 im Grab seiner Eltern auf dem Hausacher Friedhof beigesetzt.
Welschbach und Schoch möchten mit dieser bedrückend aktuellen Dokumentation wachrütteln. Sie weisen darauf hin, dass heute erneut Entwicklungen sichtbar sind, die gefährlich an Entwertung menschlichen Lebens erinnerten: Anfragen an den Bundestag, die Kosten ermitteln sollen, die Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen verursachen, wenn sie nicht erwerbstätig sind (Quelle: Bundestagsdrucksache 19/12218) sowie Debatten über ein Zurückdrängen behinderter Kinder in Förderschulen, weil sie den „Regelunterricht lähmen würden“ (Quelle: Regierungsprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt). Beide Initiatoren formulieren eine unmissverständliche Aufforderung an Politik und Gesellschaft: sich mutig dafür einzusetzen, dass in Deutschland niemals wieder Unmenschlichkeit Fuß fassen kann. Sie stützen sich auch auf die Worte der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer: „Was war, war. Das können wir nicht ändern. Aber es sollte nie, nie, nie wieder passieren.“
Gunter Demnigs Arbeit hält bis heute weiter an
Die Verbindung von damaliger Stolpersteinverlegung und heutiger Mahnung zeigt: Erinnerungsarbeit ist kein abgeschlossener Akt, sondern ein fortlaufender Prozess. Das wurde bereits 2009 deutlich, als Gunter Demnig seine drei Stolpersteine in Hausach verlegte und viele Bürger – darunter Angehörige, Zeitzeugen und Schülerinnen – gemeinsam innehielten. Günter Demnig fasste die Bedeutung seiner Arbeit mit den Worten eines Angehörigen zusammen: „Für mich ist das kein Grabstein, aber ein Schlussstein.“
Heute, viele Jahre später, hat dieser Schlussstein wieder eine unerwartete Aktualität bekommen. Die Geschichte von Eugen Decker zeigt: Erinnerung ist nur dann wirksam, wenn sie die Menschen dazu bringt, Gegenwart und Zukunft mutig zu gestalten. Genau dazu mahnen Welschbach und Schoch eindringlich und hochaktuell.
Gunter Demnig
Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern hält er die Erijavascript:void(null)nnerung an die Menschen lebendig, die einst dort wohnten. Das 1996 gestartete Projekt gilt seit Jahren als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Bis Anfang Januar 2025 hat Gunter Demnig bereits mehr als 116 000 Stolpersteine verlegt; die meisten (rund 86 000) davon liegen in Deutschland. Außerhalb von Deutschland lassen sich in Italien, Holland und Tschechien schon jeweils mehr als 3000 Steine finden. Der Kölner ist übrigens bei der „Stiftung – Spuren – Gunter Demnig“ angestellt und bekommt ein durchschnittliches Festgehalt. Alle Zahlungen und Spenden für die Stolpersteine werden auf das Konto der Stiftung eingezahlt.