Eine moderne Annäherung an Johanna von Orléans sieht man im Theater Basel. Foto: Ingo Höhn/Theater Basel

Am Basler Theater sieht man eine Jeanne d’Arc, die das Mittelalter hinter sich lässt und im Heute ankommt.

Wer ist Johanna von Orléans, die seit dem 15. Jahrhundert bis heute Stoff für die Bühne liefert, von Shakespeare über Schiller bis Brecht? Im Schauspielhaus Basel entdeckt die belgische Regisseurin und Stückeschreiberin Lies Pauwels reichlich Bezüge zur Gegenwart.

 

Sie nimmt die französische Nationalheldin und Märtyrerin – in ihrem Stück auf englisch mit „Jeanne Dark“ betitelt – als Prototyp für eine junge Frau zwischen den Genderrollen. Ihre Johanna ist auf der Suche nach Selbstfindung.

Wie kommt sie mit dem Erwachsenwerden und der Sexualität im Teenageralter zurecht? Pauwels reißt Johanna mehrfach aus dem Mittelalter heraus und versetzt sie in das heutige Spannungsfeld einer Heranwachsenden.

Zwei blondgelockte weibliche Engel läuten mit Glocken die Vorstellung ein. Die drei Hauptdarsteller, alles Männer, kommen in weißen langen Röcken hinzu. „Wer bin ich?“ ist der erste Satz von Johanna. Eine Frage, die in der Gesellschaft ständig schwelt in der Diskussion um Identität und traditionelle Geschlechterrollen.

Kein Kampfgetümmel

Im Mittelalter war es Frauen strengstens verboten, „Mannskleider“ zu tragen, die Haare kurz zu schneiden, geschweige denn das Schwert zu führen. In Pauwels Deutung sieht man zwar die Titelfigur in silberner Ritterrüstung über einem blutroten Kleid, aber kein Schlachtfeld, kein Kampfgetümmel, kein Blutvergießen, keinen Siegeszug, keinen Scheiterhaufen. Lediglich einige Zeichen wie Lanzen, Pferdekopf, Wimpel verweisen auf die historische Tragödie um die Heerführerin, die als Ketzerin verbrannt und erst 1920 heilig gesprochen wurde. Das Drama läuft im Inneren des einfachen Landmädchens ab. Die beklemmenden Verhöre, die Jeanne nach ihrer Verhaftung erlebt haben muss, sind bei Pauwels psychologischer Natur. Am Anfang ist eine Familienaufstellung.

Produktive Spannung

Auf dem bunten Bühnenboden, der einem Mandala oder einer Traumzeichnung à la C.G. Jung nachempfunden sein könnte, suchen die Akteure ihre Position. Die Szene erinnert an Sitzungen beim Psychotherapeuten. „Warum trägst du Männerkleider?“ wird Jeanne gefragt. Sie antwortet: „Ich will eine Frau werden, die man nie vergisst“. Die Dialoge sind zeitgemäß: „Möchtest du jemand anderes sein?“. Jeanne spricht davon, dass sie mit ihrem weiblichen Körper in Konflikt ist und ihn überwinden will.

Die drei Protagonisten treten an den Bühnenrand, frontal vor Mikrofonständer, sprechen wie Interviewer oder Moderatoren direkt ins Publikum. Auffallend an der Inszenierung ist die männliche Besetzung, aus der eine produktive Spannung entsteht.

zart und sensibel

Sven Schelker stellt die Adoleszenz der Johanna zart und sensibel dar, unsicher, verletzlich: ein großes Kind, ein Trotzkopf mit aufkeimender Sexualität, aufmüpfig und rebellisch in diesem Alter. Dominic Hartmann, von hünenhafter Statur, glatzköpfig, beweglich und mit subtilem Timbre, übernimmt die Mutter- und Kirchenrolle, Julian Anatol Schneider die des besorgten Vaters und des Staats.

Monologische Selbstreflexionen und Abnabelungsgespräche zwischen Vater und Tochter spiegeln den tragischen Konflikt, der sich in der Psyche der jugendlichen Heldin abspielt.

Reiches Arsenal an Bildern

In Pauwels Seelenauslotung der Figur tauchen mit Nathalie Hartmann und Janine Rickenbach noch zwei Laiendarstellerinnen als Engel oder Elfen auf, die den Abend als Spielleiterinnen beschließen.

Mit der Zeit gewinnt die ungewöhnliche Annäherung an den Mythos Johanna immer mehr an Atmosphäre. Das reiche Arsenal an Bildern prägt sich ein, von einigen Architekturelementen bis zu Reminiszenzen an Historiengemälde (Bühne: Johanna Trudzinksi). Im kahlen Bühnenbereich setzt sich ein mobiler Turm aus Metallstangen, der eine Ahnung von einem stilisierten Eiffelturm aufkommen lässt und als Klettergerüst, Reiterstatue und für Trompetensignale benutzt wird, plötzlich in Bewegung und dreht sich immer rasanter, bis fallende spitze Fahnen den Flammentod andeuten.

Eine aufwühlende Begleitkomposition zwischen hämmernden Beats, Synthie-Pop und Piaf-Chanson (Tania Gallagher und Bart Demey) trägt diesen Abend mit, der viele Themenfelder aufmacht und ein neues, anderes Licht auf die heilige Johanna wirft.

Nächste Termine: 30. Dezember, 11., 18., 24. Januar, 14. Februar. Info: www.theater-basel.ch