SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch schießt bei einem Filmporträt ein Eigentor. Erst besucht er eine Tafel, bei der Weiterfahrt gibt er den Auftrag, Entenpastete in Frankreich zu kaufen.
Als Wahlkämpfer ist Andreas Stoch (56) eigentlich ein alter Hase. Schon zum zweiten Mal führt der Jurist aus Heidenheim die Südwest-SPD in die Landtagswahl. Nach zehn Jahren als Fraktionschef und drei Jahren als Kultusminister kann ihm so leicht niemand etwas vormachen, die Chancen und Gefahren des politischen Geschäfts kennt er aus dem Effeff.
Umso mehr wundern sich Parteifreunde und politische Kontrahenten über ein Eigentor, das Stoch in diesem Wahlkampf geschossen hat. Anlass war ein 15-minütiges Filmporträt, das der Südwestrundfunk den vier aussichtsreichsten Spitzenkandidaten widmete. Wie die Vormänner von Grünen, CDU und AfD begleitete ihn ein SWR-Team auf diversen Stationen – eigentlich eine schöne Chance, um sich als sympathisch und kompetent zu präsentieren. Zu sehen sind die Kurzdokus in der ARD-Mediathek und auf dem Youtube-Kanal des SWR, wo sie schon zehntausende Aufrufe verzeichnen. Die in der Reihe nicht berücksichtigte FDP schimpfte jedenfalls massiv über die aus ihrer Sicht unfaire Benachteiligung.
Als Student noch aufs Geld geschaut
Doch auch eine solche Gelegenheit kann man versemmeln, wie Stoch demonstrierte. Gezeigt wurde der SPD-Frontmann etwa beim Haustürwahlkampf mit einer Stuttgarter Kandidatin, bei einem Fußballspiel seines Heimatvereins 1. FC Heidenheim und beim Besuch des Tafelladens im badischen Bühl. Dort lobte er das ehrenamtliche Engagement der Helferinnen und Helfer, die übrig gebliebene Lebensmittel an weniger begüterte Menschen verteilen. Deren Perspektive kenne er sehr wohl, signalisierte der Obergenosse: Als Student habe er auch nicht bei Rewe eingekauft, sondern bei Aldi. „Da war der Wagen einfach voller mit dem gleichen Geld.“
Dann aber, vor der Weiterfahrt nach Baden-Baden, folgten Szenen, die so gar nicht zu dem Auftritt passen. Erst sieht und hört man, wie Stoch seinem Chauffeur einen Einkaufsauftrag zuflüstert: Der solle „ein Bild von der Auslage“ schicken, dann sage er ihm, was mitzubringen sei. Später im Auto fragt der Reporter neugierig, was der Fahrer denn im nahen Frankreich besorgen solle. Der SPD-Chef antwortet so freimütig wie arglos: Er nutze solche Aufenthalte in Grenznähe, um bei einem französischen Metzger einzukaufen – zum Beispiel Paté de Campagne. „Ne schöne Entenpastete ist was Herrliches“, schwärmt Stoch weiter, die bekomme man in Deutschland nicht in dieser Qualität und zu diesem Preis. Auch „gute Wurstwaren“ und Baguette lasse er sich mitbringen – der Abstecher über die Grenze lohne sich immer.
Auf den Film hagelt es giftige Kommentare
Die Offenheit wurde Stoch nicht gedankt. Gerade ging es noch um günstiges Essen für Bedürftige, dann um Delikatessen aus Frankreich – das kam beim Publikum gar nicht gut an. Auf Youtube, zum Beispiel, hagelte es giftige Kommentare. Von „Wasser predigen und Wein trinken“ war da die Rede, von geheucheltem Mitgefühl und der Abgehobenheit von Spitzenpolitikern. Sich als Partei der kleinen Leute zu inszenieren, aber den Fahrer Entenpastete holen zu lassen, das wirke nicht gerade glaubwürdig. „Nie wieder SPD“ – so oder ähnlich klingt das Fazit vieler Zuschauer.
Zumindest den Vorwurf, der Einsatz von Chauffeur und Limousine gehe auf Kosten der Steuerzahler, lässt Stoch nicht gelten. Der Dienstwagen für den Fraktionschef stehe ihm auch für Parteitermine und für private Fahrten zur Verfügung, erläutert eine SPD-Sprecherin. Zwischen Partei und Fraktion werde kilometergenau abgerechnet, private Touren versteuere der Vorsitzende voll als geldwerten Vorteil.
Stoch nennt die Szene selbstkritisch „irritierend“
Zerknirscht äußert sich Stoch hingegen zu der Filmszene mit dem „Spezialauftrag“ (SWR). Zu dem Einkauf sei es am Ende gar nicht gekommen, „doch insbesondere im Kontext des Besuchs im Tafelladen muss diese Passage irritierend wirken“, räumt er ein. „Das bedauere ich sehr, denn auch bei dem Besuch bei der Tafel ging es mir um die vielen Menschen, die Unterstützung brauchen.“ Ob der Spitzenkandidat nun dem SWR grollt, der ihm das Bekenntnis entlockt hat, blieb in der Stellungnahme an unsere Zeitung offen. Es sei „gängige Praxis“, hieß es darin nur, „nach der Veröffentlichung eines Beitrags auch mit den jeweiligen Medien einen Austausch über Inhalte und Darstellung zu führen“.
Mehr dürfte der SPD-Vormann mit sich selbst hadern. Der Patzer trifft ihn in einem Wahlkampf, der für die Partei schon schwer genug ist. Holt sie am Ende – wie in vielen Umfragen – nur ein einstelliges Ergebnis, könnten Stochs Tage in der ersten Reihe gezählt sein.