Die Landtagswahl polarisiert. Von „Özdemir, natürlich“ bis: „Ich lehne das Parteiensystem ab“ reicht die Bandbreite der Statements von Marktbesuchern in Weil am Rhein.
Am Mittwochmorgen sind auf dem Wochenmarkt in Weil am Rhein vor allem ältere Menschen unterwegs – und Schweizer. Über Politik sprechen, das fällt vielen momentan nicht leicht. Die meisten Befragten denken länger nach bevor sie sprechen. Sie wägen ihre Worte.
Eines eint aber alle, mit denen unsere Zeitung an diesem Morgen auf dem Wochenmarkt in Weil am Rhein und den umliegenden Plätzen ins Gespräch kommt: Sie wollen nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen und auch ihr Gesicht nicht auf einem Foto zeigen.
Zum Beispiel ein Mann, 66 Jahre alt und seit kurzem Rentner ist: Neben seinem Job im Vertrieb eines Maschinenbauunternehmens hat er sich viele Jahre beim SV Weil im Jugendfußball engagiert. Streitereien unter Koalitionspartnern sind ihm zuwider.
Dies gebe kein gutes Bild ab und unterminiere das Vertrauen der Bürger in die Politik. Koalitionen seien zwar notwendig, weil „leider“ keine Partei so viele Stimmen erreiche, dass sie allein regieren könnte. Dass die Koalitionspartner intern verschiedene Meinungen vertreten, ist ihm klar.
Doch nach außen würde der Neurentner sich mehr Einvernehmen wünschen. Dazu müssten sich die regierenden Parteien zusammensetzen und konkrete Fragen vorab klären, bevor sie damit an die Öffentlichkeit gehen, findet er.
„Mehr Einvernehmen nach außen“
Als gelungenes Beispiel nennt er die Einigung der Bundesregierung beim Heizungsgesetz, das nun so geändert werden soll, dass auch Öl- und Gasheizungen wieder in den Wohnhäusern eingebaut werden können. „Das ist, was die Leute wählen“, sagt er. Pragmatisches Vorgehen dieser Art, ansonsten vor allem Kontinuität ist, was er sich von der kommenden Landesregierung wünscht. Von Cem Özdemir habe er gehört, dass er sich im SWR-„Triell“ am Dienstag für eine Zusammenarbeit mit der CDU offen erklärt habe. Das gefalle ihm, sagt er. Ansonsten tendiere er zur CDU. Über Politik informiert er sich im Fernsehen und in der Zeitung.
Ganz anders sieht das eine Marktfrau aus Efringen-Kirchen, die an einem der Marktstände Sellerie und Radieschen von einem Bio-Betrieb aus der Region verkauft. Die Regierungsentscheidung zum Heizungsgesetz findet sie falsch:
„Von Gas und Öl sollte man wegkommen“
„Von Gas und Öl sollte man wegkommen“, findet sie. Klimawandel und der Klimaschutz sind für sie die wichtigsten Themen in der Politik. „Das muss wieder ernst genommen werden.“
Der gleichen Meinung ist eine 75-jährige Rentnerin, die gerade mit dem Fahrrad auf dem Markt einkaufen war. „Das allerwichtigste ist Klimaschutz“, sagt sie auf die Frage, welche Themen sie vor der Landtagswahl am meisten umtreiben. Und dann hat sie noch einen Wunsch an die Politik, der wohl nicht ganz einfach zu realisieren sei: Gedanken und Ziele müssten realitätsnäher kommuniziert werden, nicht so „wolkig“.
Diese fehlende Kommunikation sieht sie mit als Grund für die Stimmung, die sie in ihrer Nachbarschaft in der Weiler Gartenstadt wahrnehme. Sie sei viel schlechter als die konkrete Situation der Menschen.
„Triell“ hat sie in ihrer Entscheidung bestätigt
Trotzdem sähen viele einfach alles negativ. „Es gibt Blasen, die jammern nur. „Dabei geht es uns gar nicht so schlecht. Uns geht es sogar verdammt gut“, sagt sie laut und mit Nachdruck. Die Rentnerin, die sich um die Stimmung in ihrem Wohngebiet Sorgen macht, hat schon gewählt – „Özdemir, natürlich“.
Ihre Informationen zur Wahl bezieht sie aus der Zeitung und dem Fernsehen. Das „Triell“ der drei in den Umfragen derzeit höchstplatzierten Spitzenkandidaten hat sie sich am Vorabend angeschaut. Es habe sie in ihrer Entscheidung bestätigt, sagt sie. Özdemir erscheine ihr am authentischsten. Manuel Hagel habe zwar gute Ideen vorgetragen, sei für sie aber wenig greifbar. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der das anpacken kann, wie man das anpacken müsste.“
Als entschiedener Nichtwähler bekennt sich ein 60-Jähriger, selbstständiger Psychotherapeut, der gerade aus der Apotheke kommt. „Das System ist völlig korrupt“, schimpft er. Mit dem Parteiensystem habe er abgeschlossen, es gehöre abgeschafft. „Die verfolgen doch alle die gleiche Agenda.“
Gute Ideen, aber „wenig greifbar“
Das „Mauscheln“ soll ein Ende haben
Zwar sei er selbst noch Mitglied der Partei „Die Basis“. Diese finde er prinzipiell auch ganz gut. Viel besser wäre aber eine direkte Demokratie, in der über konkrete Fragen direkt abgestimmt wird. Dann könne nicht mehr so viel „gemauschelt“ werden. Auch den Medien traut er nicht über den Weg: Gucken Sie mal, wie viele es noch gibt, und wem die gehören, fordert er unsere Zeitung auf, ohne aber selbst ein konkretes Beispiel zu nennen.