Wallis Bird: Manche Lieder sang sie ganz allein. Foto: Beatrice Ehrlich

Lieder von Hildegard von Bingen bis Janis Joplin erklangen unter dem Titel „Visions of Venus“. Doch wird so ein Rundumschlag den Komponistinnen wirklich gerecht?

Manche Stimmen müssen sich in Lörrach wohl erst noch Gehör verschaffen. Etwa die der irischen Ausnahmesängerin Wallis Bird. Am Mittwoch war sie beim Stimmenfestival im Burghof zu hören. Sie hätte sich ein größeres Publikum verdient.

 

Rauh und rockig, jazzig und sanft modulierend, zornig grollend und dann wieder schmeichelnd – der Fächer an Klängen, den die Wahlberlinerin im Laufe eines Abends auffaltet, ist ungeheuer farbenreich.

Feier des Moments

Und nicht nur das: Mit ihrer vor Energie sprühenden Performance, dem Feiern des Moments, als sei der ganze Konzertabend eine riesige, ausgelassene Party, reißt sie ihr Publikum einfach mit. Wie wäre es sonst zu erklären, dass am Ende des Konzerts die Zuschauer vor Begeisterung von den Stühlen springen und minutenlang applaudieren?

Musikalisch steht der charismatischen Sängerin die fünfköpfige Band „Spark“ ebenbürtig zur Seite. Indem sie ihre Instrumente Flöte, Cello, Geige, Klavier wechselweise melodisch oder rein perkussiv einsetzen, lassen sie zeitweise völlig vergessen, aus welcher musikalischen Ecke sie ursprünglich stammen: der Klassik. Der virtuose Umgang mit den Instrumenten – rasant hingetupfte oder gezupfte Läufe auf dem Cello, Flöten, denen mit Lippen und Zunge extrem schnelle Beats entlockt werden – passen sich Birds Gitarrenspiel nahtlos an.

Ein gewagtes Experiment

Es ist ein gewagtes Experiment: Ausschließlich Werke aus der Feder von Frauen stehen unter dem Titel „Visions of Venus“ an diesem Abend auf dem Programm. Der Reigen der Lieder beginnt bei der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen und hört bei der Woodstock-Ikone Janis Joplin noch längst nicht auf. Deren bekannten Solo-Song „Mercedes Benz“ interpretiert Bird meisterlich. Ebenso übrigens wie „Now or never“ von Billie Holiday, in dem ihr Talent für fein modulierte Jazzlinien und gezielt eingesetzte Rubati glänzend zum Tragen kommt.

Lieder der Romantik

Wie nun erst jüngst (wieder-)entdeckte Komponistinnen der Romantik wie Clara Schumann oder Fanny Hensel in diese große Vielfalt integrieren? Die Umsetzungen von deren im 19. Jahrhundert komponierten Liedern „Liebst Du um Schönheit“ (Schumann) und „There Be None of Beauty’s Daughters“ (Hensel) durch Wallis Bird/Spark sind mit Sicherheit klanglich am weitesten entfernt von ihrer ursprünglichen Form. Ein krasser Eingriff. Eines wird dadurch auf faszinierende Weise deutlich: Diese Lieder – auch ihre nach innen gewendeten, selbstreflektiven Texte – hätten auch in der heutigen Zeit zum Hit getaugt.

Wallis Bird mit Spark, der „klassischen Band“. Foto: Beatrice Ehrlich

Wallis Birds eigene Songs („To my bones“, „Dr. James Barry“), eigenwillig und kämpferisch, verstärkt mit dramatischen Effekten wie Fußstampfen oder abruptem Tonabbruch am Lied-Ende, sind letztlich der rote Faden, der alles zusammenhält. Denn so facettenreich diese Künstlerin auch ist, ihre Stil ist wiedererkennbar. So ertönt das ambitionierte Programm wie aus einem Guss.

Vielleicht ein bisschen zu sehr: Hier und da hätte man sich mehr Kontraste gewünscht. Mehr Dissens und Dissonanzen. Die Künstler hätten die ungewohnte Trias von Folk, Klassik und Pop unter dem Banner des Weiblichen auch einmal auseinandertreiben, sich aneinander reiben oder scharf abgegrenzt aufeinandertreffen lassen können. Denn nicht alles, was weiblich ist, ist automatisch Harmonie und Heilung.