Erstmals seit fast 180 Jahren soll wieder ein Wolf in Baden-Württemberg erschossen werden. Die Meinungen zu der Entscheidung gehen im Kreis Freudenstadt weit auseinander.
Der Hornisgrinde-Wolf soll abgeschossen werden – das hat das Umweltministerium entschieden. Zu groß sei die Gefahr für Menschen und Tiere. Immer wieder habe sich der im Nordschwarzwald sesshafte Rüde GW2672m Menschen, insbesondere Spaziergängern mit Hund, bis auf wenige Meter genähert. Versuche, das Tier einzufangen oder zu verscheuchen, seien gescheitert. Letztlich sei daher nur die Möglichkeit der „Entnahme“ – also der geregelten Tötung – geblieben.
Stiftung für Bären: „Keine Rechtfertigung für den geplanten Abschuss“
Während die einen diese Entscheidung befürworten und für überfällig halten, gibt es auch Kritiker. Zu Letzteren zählt die Stiftung für Bären, die den Alternativen Wolf- und Bärenpark in Bad Rippoldsau-Schapbach betreut. Die Stiftung sehe keine Rechtfertigung für einen Abschuss, erklärt Pressesprecher Christopher Schmidt.
„Zum einen sind Hunde grundlegend Konkurrenz für den Wolf, wenn sie sich in seinem Revier befinden“, erklärt Schmidt. „Dass er nun gesteigertes Interesse an läufigen Hündinnen während der Ranzzeit zeigt, ist ebenfalls kein auffälliges Verhalten, im Gegenteil, es zeigt, wie wichtig es wäre, wenn sich eine Fähe in der Region aufhalten würde.“
Es sei zudem kein Zwischenfall zu verzeichnen, der den Abschuss sinnvoll erscheinen lasse. „In der Begründung des Umweltministeriums Baden-Württemberg heißt es, es sei ein Wolfstourismus entstanden. Es würde die Gefahr bestehen, wenn Menschen ihn anfüttern und Fotos mit ihm machen würden.“ Doch genau hier sieht Schmidt den Fehler: „Dies wäre der Ansatzpunkt, nicht die Entnahme des Wolfs. Doch statt dem Tier seinen natürlichen Lebensraum zuzugestehen, soll es für potenzielles, menschliches Fehlverhalten bestraft werden.“
Die Vergrämungsmaßnahmen seien offensichtlich nicht im Entferntesten in jenem Umfang versucht worden, der eine Entnahme rechtfertigen würde, meint Schmidt. Sein Fazit: „Diese Entscheidung hinterlässt einen besorgniserregenden Nachgeschmack.“
Rocco Lettieri: „Ich habe mich zu keiner Zeit bedroht gefühlt“
Auch Rocco Lettieri bedauert die Entscheidung, den Wolf abzuschießen. Er hatte den Rüden vor knapp einem Jahr am stillgelegten Hochkopflift im Skigebiet Unterstmatt gesehen. Der Bühler war mit seinen Kindern Schlitten fahren, als der Wolf in der Abenddämmerung in etwa 50 Metern Entfernung seelenruhig den einstigen Skihang querte. Auch damals war das Tier einem Spaziergänger mit Hund gefolgt. Für Lettieri und seine Kinder eine faszinierende Begegnung – und obwohl der Bühler fast täglich auf der Schwarzwaldhochstraße unterwegs ist, blieb es die einzige. „Ich habe mich zu keiner Zeit bedroht gefühlt. Vor einem freilaufenden Hund hätte ich mehr Angst gehabt“, erzählte der Bühler damals. Auch rückblickend empfinde er die Begegnung mit dem Wolf nicht als bedrohlich, bekräftigt Lettieri.
Sein Revier, das Gebiet um die Hornisgrinde, sei ein touristisch gut erschlossenes und beliebtes Ausflugsziel. Der Nationalpark ziehe zahlreiche Ausflügler an. „Da wird dann ja nie ein Wolf eine Chance haben“, zeigt sich Lettieri enttäuscht.
Er hätte es begrüßt, wenn der Wolf beispielsweise in ein weniger frequentiertes Gebiet umgesiedelt worden wäre. Auch eine intensivere Aufklärungsarbeit über den richtigen Umgang mit dem Wolf sei geboten.
Petition: „Kein Abschuss von Wolf GW2672m im Schwarzwald“
Rocco Lettierie ist nicht der einzige, der den Abschuss des Wolfs kritisch sieht. Kurz nach Bekanntwerden der Pläne am Dienstag wurde auf der Webseite Change.org die Petition „Kein Abschuss von Wolf GW2672m im Schwarzwald“ ins Leben gerufen. Bis zum Abend (Stand 18 Uhr) unterzeichneten knapp 500 Menschen die Forderung nach einem Stopp der Abschusspläne. Die Unterzeichner fordern neben nicht-tödlichen Alternativen eine vollständige Offenlegung der Entscheidungsgrundlage.
Katrin Schindele: „Sicherheit des Menschen muss vor dem Artenschutz stehen“
Landtagsabgeordnete Katrin Schindele (CDU) zählt indes zu den Befürworterinnen eines Abschusses: „Die Entscheidung begrüße ich, da das Tier immer wieder bei besonders auffälligem Verhalten beobachtet wurde.“ Der Rüde habe die Nähe zu Menschen gesucht. Hier müsse die Sicherheit des Menschen vor dem Artenschutz stehen. „Leider sind alle Versuche, das Tier zu vergrämen und ihm wieder die Scheu vor Menschen beizubringen, fehlgeschlagen. Kontraproduktiv hat sich natürlich auch das verantwortungslose Verhalten mancher Menschen ausgewirkt, ihn zu Foto- und Filmzwecken auch noch anzulocken“, meint Schindele. Das Verhalten führe nun zur Entnahme des Wolfes.
Timm Kern: „Wohl der erste Wolf, der aus Wahlkampfgründen erschossen wird“
Landtagsabgeordneter Timm Kern (FDP) befürwortet eine Entnahme des Wolfes grundsätzlich – sieht in der Entscheidung aber politische Gründe: „Umweltministerin Walker (Grüne) hat sich jahrelang gegen die Forderungen der FDP gesperrt, Problemwölfe rechtssicher entnehmen zu können. Nun verspricht Cem Özdemir beim Bauerntag das Gegenteil von dem, was die eigentliche Position der Grünen ist – und schon wird ein Wolf zum Abschuss freigegeben. Der Wolf GW2672 ist damit wohl der erste, der aus Wahlkampfgründen erschossen wird.“ Die Entscheidung sei richtig, doch nach der Wahl werde für die Grünen vermutlich wieder das Gegenteil gelten, meint Kern.
Uwe Hellstern: „Eine Zeitfrage, wann es nicht nur Ursula von der Leyens Pony trifft“
Landtagsabgeordneter Uwe Hellstern (AfD) meint: „Der Wolf GW2672 macht uns erneut deutlich, wie wenig realistisch es ist eine Kulturlandschaft mit offener Weidetierhaltung zu pflegen in Verbindung mit Großraubtieren, die in dünn besiedelte Wildlandschaften gehören.“ Jedes Raubtier bevorzuge nun mal die leichteste Beute, was bei uns Weidetiere seien. „In einem dicht besiedelten Land ist es nur eine Zeitfrage, wann es nicht nur Ursula von der Leyens Pony trifft, sondern auch einen Mensch. Daher bin ich Gegner der Illusion der Wolfswiederansiedlung.“
Hellstern bezieht sich auf einen Vorfall aus dem Jahr 2022 – damals war Pony Dolly von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einem Wolf gerissen worden. Wie der „Tagesspiegel“ schreibt, soll die politische Stimmung in Brüssel danach eine andere gewesen sein. Und manche würden sogar behaupten, dass deswegen im Mai 2025 der Schutzstatus des Wolfes vom Parlament von „streng geschützt“ auf „geschützt“ abgesenkt wurde.