Beim Blick in den Himmel lassen sich abends wieder die "Lichterketten" aus Starlink-Satelliten entdecken. Aber auch außerhalb der Ketten reflektieren Satelliten Licht zur Erde. In Brittheim wird das immer mehr zum Problem.
Rolf Bitzer, der Vorsitzende der Sternwarte Zollern-Alb in Rosenfeld-Brittheim, spricht von einer "Satelliten-Plage". Denn was für den Laie faszinierend aussieht, hat für die Astronomie weitreichende Folgen. Bitzer erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, wie sich das im Zollernalbkreis konkret auswirkt.
Bereits im Jahr 2020, als die damals noch recht neuen Starlink-Satelliten am Himmel für Aufsehen gesorgt hatten, hatte Bitzer uns gegenüber schon vor den Folgen gewarnt. Denn, dass Satelliten Messungen und Aufnahmen der Sternwarten stören können, kannte man da schon beispielsweise von den Iridium-Satelliten. Doch von denen gab es nur wenige, sodass man diese bei Beobachtungen gut einplanen konnte. Bei Starlink kann man die Bahnen der bereits über 7000 Satelliten im Orbit aber nicht oder nur sehr schwer berücksichtigen.
Das Problem
Und wie sehen diese Probleme nun konkret aus? Bitzer zeigt beim Besuch in der Sternwarte Fotos, die das Ausmaß der "Plage" veranschaulichen: Wie ein Kleinkind mit feinem, weißem Stift malen die Satelliten Striche durch das Bild einer Galaxie. Das wirkt sich beispielsweise bei der Helligkeitsbestimmung eines beobachteten Planeten oder Sterns aus. Denn es gibt einheitliche Vergleichssterne, mit denen man die Helligkeit eines Objekts bestimmen kann. Wenn einer dieser Sterne von einem der hunderten Satelliten-Strichen durchzogen wird, ist die Messung unbrauchbar. Das, betont Bitzer, ist nicht nur in Brittheim, sondern für Astronomen rund um den Globus ein großes Problem.
Die Lösung?
Elon Musk's SpaceX hatte schon 2020 eine Lösung versprochen: Die Satelliten sollten schwarz angemalt werden, um weniger Licht zu reflektieren. Hatte das etwas gebracht? Auf diese Frage hin hebt Bitzer eine schwarze Fernbedienung hoch, die von der Deckenlampe im Präsentationsraum der Sternwarte angeleuchtet wird. "Man kann die Fernbedienung trotz ihres schwarzen Anstrichs gut sehen, oder?" Ähnlich verhielt es sich bisher mit den Satelliten. Die Leuchtkraft hatte sich reduziert. Aber für die sensiblen Messgeräte und speziellen Kameras der Sternwarte bleiben sie trotzdem zu sehen.
Starlink-Satelliten haben kurz nach dem Start eine scheinbare Helligkeit mit Magnitude-Werten um 1,9 - sind also in etwa so hell wie der Polarstern. Objekte am Himmel lassen sich in unserer Region an einem dunklen Standort bis etwa Magnitude 5 am Himmel mit dem bloßen Auge erkennen. Die Internationale Raumstation ist im Vergleich mit bis zu maximal Magnitude -5 zu sehen. Die Sonne hat als das weitaus hellste Objekt am irdischen Himmel Magnitude -27.
Immer mehr Satelliten auf dem Weg ins All
Wann und warum die Satelliten teils auch fürs Auge zu sehen sind? Das passiert hauptsächlich morgens und abends, wenn der Erdschatten bei uns noch für Dunkelheit sorgt, oben am Himmel aber noch "die Sonne scheint" - dadurch scheinen die Satelliten auf die Erde. Sobald sie in den Erdschatten fliegen, verschwinden die Lichter am Himmel für das Auge wieder.
Der europäische Raumfahrtagentur Esa zufolge befinden sich etwa 13.230 Satelliten im Erdorbit, rund 10.200 von ihnen seien noch im Einsatz. Aktuellen Planungen von SpaceX zufolge sollen es alleine für deren Service eines Tages mehr als 34.000 Starlink-Satelliten im Weltraum werden. Hinzu kommen Pläne anderer Anbieter wie Amazon, ein ähnliches Netz aufzubauen.
Auch China erhöht seine Präsenz im All und schickt neben 15.000 geplanten "Qianfan"-Satelliten auch 13.000 Satelliten für die Konstellation "GW" und rund 10.000 "Honghu-3"-Satelliten ins All, um ein weltumspannendes Kommunikationsnetzwerk aufzubauen. Denn ein sicheres Netzwerk ist von strategischer Bedeutung, wie ein Ausfall im Rahmen des Ukraine-Kriegs im Jahr 2022 auch hier in der Region gezeigt hatte: Damals waren rund 5800 Windräder - und damit kritische Energieinfrastruktur - plötzlich offline, weil eine Bodenstation in der Ukraine gehackt wurde.
Reicht der Platz im Orbit?
Kommen sich die Satelliten da nicht in die Quere? Elon Musk rechnete Ende 2021 im Interview der "Financial Times" vor, dass "Milliarden von Satelliten" Platz hätten. Jede Schicht, also Höhe, habe eine größere Fläche als die Erde selbst. "Ein paar Tausend Satelliten sind nichts", meinte er. Esa-Chef Josef Aschbacher wiederum sieht mit der zunehmenden Zahl von Satelliten-Konstellationen im All ein steigendes Risiko für Zusammenstöße, die in Kettenreaktionen immense Schäden verursachen könnten.
Um dem zuvorzukommen, schickt SpaceX ausgediente Starlinks in den sicheren Tod - sie werden aus ihrem Orbit entfernt und verglühen dann einige Zeit später in der Atmosphäre. Das hatte bereits für großes Aufsehen gesorgt, als Starlink-Satellit Nummer 2382 mit einem großen Feuerschweif am Himmel über der Schweiz und Italien sein Ende fand.
Rolf Bitzer redet ebenfalls von einer "irren" Anzahl an Satelliten. Und was unternimmt man dagegen jetzt als Astronom? "Damit muss man wohl leben lernen", erklärt Bitzer leicht ernüchtert. Software macht es möglich, einzelne Satelliten-Störlinien aus den Fotos herauzuretuschieren. In Zukunft soll das mit künstlicher Intelligenz passieren, da die Anzahl an Linien teils kaum noch händisch zu bewältigen ist. Aber es bleibt eben ein zusätzlicher Arbeitsschritt und eine Veränderung der Aufnahmen.
Sternwarte ironischerweise derzeit ohne Netz
Übrigens: Trotz der voranschreitenden Vernetzung der Welt steht die Sternwarte in Brittheim ironischerweise aktuell ohne Internet da. Beim Aufbau des Glasfasernetzes wurden wohl Kabel vertauscht und nun findet sich kein Zuständiger mehr, der das Problem beheben könnte.
Während man also eigentlich - beispielsweise bei Heavens Above, ein Link-Tipp von Bitzer - live im Internet verfolgen kann, wo Satelliten und andere Himmelskörper gerade unterwegs sind, schaut man bei der Sternwarte Zollern-Alb derzeit in die Röhre.