Xenia Krämer ist Bestatterin und begleitet Eltern von Sternenkindern. Ein Dokumentarfilm gibt Einblicke in ihre Arbeit. Was bleibt, wenn ein Kind vor der Geburt stirbt?
Er war ein sehr lebendiges Kind, der kleine Mann“, sagt Bine Müller. Sie sitzt vor einer weißen Wand, erzählt von ihrer Schwangerschaft. Ein schneller Herzschlag ist als Hintergrundsound zu hören, zieht sich durch die ersten Szenen des Films: Bum, bum, bum. Ein steter Rhythmus.
Dann plötzlich Stille. Ohrenbetäubende Stille. Bine laufen zwei Tränen die Wange hinunter. Der Schmerz steht ihr ins Gesicht geschrieben. Drei Tage vor Entbindungstermin wird ihr die schreckliche Nachricht überbracht: Das Herz ihres Kindes schlägt nicht mehr. Die Diagnose: Plötzlicher Kindstod im Bauch.
Ein schrecklicher Verlust
Sternenkinder werden Babys genannt, die tot geboren werden oder kurz nach der Geburt sterben. An diesem Donnerstagabend soll es genau darum gehen. Neun Menschen haben sich im Museum für Volkskunst in Meßstetten eingefunden, um sich einen Dokumentarfilm von Alina Cyranek über das Thema Sternenkinder anzuschauen. „Kommen, Gehen, Bleiben.“ So lautet der Titel. 43 Minuten, 3 junge Frauen, 3 Sternenkinder.
Eine der Frauen ist bei der Vorführung an diesem Abend anwesend, Bine Müller, außerdem Bestatterin Xenia Krämer, die der Aufhänger für den Film war. Die gelernte Kinderkrankenschwester hat sich vor einigen Jahren als Bestatterin und Trauerpädagogin selbstständig gemacht und sich auf die Begleitung von Eltern mit Sternenkindern fokussiert.
Als Bine Müller zum zweiten Mal schwanger ist, hat sie bereits eine neunjährige Tochter. Gemeinsam malen sie sich die Zukunft als vierköpfige Familie aus. Bilder sind zu sehen, von Bine mit bemaltem Bauch, von ihrer Tochter, die stolz in die Kamera blickt. Sie freut sich auf ihren Bruder. Doch es soll nicht so kommen, wie geplant. „Es war schlimm“, sagt Müller, als sie sich an damals erinnert. „Du hast immer noch diesen dicken Bauch, aber dein Baby lebt nicht mehr.“
Natürliche Geburt unvermeidbar
Eine natürliche Geburt ist unvermeidbar, ein Kaiserschnitt wird in so einem Fall nicht durchgeführt, weil er ein höheres Risiko darstellt. „Das Kind zu gebären ist wichtig für die Frau, weil sie merkt: Sie ist Mutter geworden“, sagt Xenia Krämer. Bine Müller bekommt Wehenförderer, um die Geburt einzuleiten. Zwei Tage muss sie durchhalten, bis sie ihren Sohn auf die Welt bringen kann.
„Ich habe alles gemacht, was andere Schwangere auch machen, bin Treppen gestiegen, in der warmen Wanne gelegen“, erinnert sie sich. „Währenddessen habe ich nicht mehr daran gedacht, dass mein Sohn tot ist. Erst als er auf die Welt kam und ganz schlaff war, habe ich es realisiert.“
Gegenseitig stärken
Xenia Krämer stand Familie Müller zur Seite. „Ich wollte immer schon Eltern in ihrem Abschied begleiten“, sagt sie. Krämer ermutigt die Familie, ihren Sohn noch nach Hause zu bringen. Das Zuhause, in dem alles auf ihn wartet: Kinderzimmer, Wickeltisch – und eine aufgeregte Schwester. „Für unsere Tochter war es wichtig, ihren Bruder noch zu sehen. So konnte sie ihn anfassen und Erinnerungen schaffen“, sagt Müller. „Wir versuchen immer, Kinder vor dem Thema Tod zu beschützen, dabei ist es so wichtig für sie, dabei zu sein. Wie sollen sie es sonst begreifen?“, sagt auch Xenia Krämer.
Obwohl sich schon einiges verbessert habe, fehle es immer noch an Aufklärung, bemängelt die Bestatterin. Den Begriff Fehlgeburt verwendet sie nicht, stattdessen sagt sie Stillgeburt. Das ist wertfrei und impliziert keine Schuld. „Viele Frauen wissen gar nicht, dass die Entbindung nicht sofort eingeleitet werden muss. Sie können nochmal nach Hause gehen, um die schreckliche Neuigkeit zu verarbeiten.“ Inzwischen haben Frauen auch nach einer Stillgeburt das Recht auf bezahlten Mutterschutz. Zwei Wochen ab der 13. Schwangerschaftswoche, mit fortschreitender Schwangerschaft verlängert sich der Zeitraum.
„Manchmal werden Frauen nach einer Stillgeburt auf die gewöhnliche Wochenstation gelegt. Das geht gar nicht“, kritisiert Krämer. Die Frauen werden inmitten ihrer Trauer mit schreienden Babys konfrontiert. Es sei die Aufgabe des Krankenhauses, darauf zu achten, dass so etwas nicht vorkommt. Eine weitere Sache, die zu wenig bekannt sei: Viele Krankenhäuser bieten Sammelbestattungen an. „Einmal im Jahr werden die verstorbenen Kinder in einem Gemeinschaftsgrab beerdigt. Auch frühe Stillgeburten“, sagt Krämer. Eltern haben die Möglichkeit, dabei zu sein und sich so von ihrem Kind zu verabschieden.
Für immer im Herzen
Die Bestatterin hat eine Trauergruppe für Mütter von Sternenkindern gegründet. „Die Frauen stärken sich gegenseitig. Da wird nicht verglichen, wer das härtere Los gezogen hat“, betont sie. Auch Mamas, die nach einer Stillgeburt wieder schwanger werden, sind weiterhin willkommen. Und auch Frauen, die ihre Schwangerschaft abgebrochen haben. Es wird nicht gewertet, die Frauen sind in ihrem Schmerz verbunden. Bine Müller hat sich von ihrer Angst nicht lähmen lassen und inzwischen ein weiteres Kind bekommen. Ein Regenbogenkind – so werden Babys genannt, die nach einer Stillgeburt auf die Welt kommen.
Die Angst war ihre stete Begleiterin in der Schwangerschaft: „Ich habe mir ein Gerät gekauft, mit dem ich den Herzschlag hören konnte“, berichtet sie. Ihr Sohn ist inzwischen drei Jahre alt. Was sie auf die Frage antwortet, wie viele Kinder sie hat, möchte eine Frau von der Mutter wissen: „Ich sage immer: Ich habe zwei Kinder an der Hand und eines im Herzen.“
Der Dokumentarfilm von Alina Cyranek ist online zugänglich unter vimeo.com/ondemand/kommengehenbleiben.