Der Weihnachtsstern – nur eine fromme Legende oder doch mehr? Ein Schwabe vertrat als erster die Theorie, dass Jupiter der Stern von Bethlehem war.
Stuttgart - Wenigstens der Weihnachtsstern ist geblieben. In diesen Tagen leuchtet er vieltausendfach über der Krippe, in Lichterinstallationen und Lichtketten, ist allgegenwärtig auf den Bildern und Karten der Weihnachtszeit. Ungetrübt und frei von allen Einschränkungen, die auch in diesem Jahr mit der Corona-Pandemie einhergehen.
Der Weihnachtsstern – ist er nur eine fromme Legende, oder doch mehr? Ein Erklärungsversuch weist auf den Planeten Jupiter als Kandidaten hin.
Gerade den kann man derzeit mit eigenen Augen gut am Abendhimmel sehen. Wenn es ganz dunkel geworden ist und der Himmel wolkenlos, um 18 Uhr, steht er halbhoch im Südwesten, ungefähr zweieinhalb Handbreit über dem Horizont. Wer sich abseits der Lichterflut aufhält, kann das helle Gestirn gar nicht verfehlen.
Jupiter fehlt der Schweif eines Kometen
Wieso ausgerechnet Jupiter? Er hat keinen Schweif wie ein Komet. Der Weihnachtsstern wird ja oft so dargestellt. Doch war es ein Komet?
Zur fraglichen Zeit um die Geburt Christi herum war zwar der bekannte Halleysche Komet zu sehen, allerdings ein wenig zu früh: Er passierte die Erde im Jahre 12 vor Christi.
Die Hypothese, dass es Jupiter war, hat als erster ein Schwabe diskutiert, Johannes Kepler aus Weil der Stadt. Er glaubte, man könne am Himmel Spuren des Schöpfers entdecken: „Astronomie treiben heißt die Gedanken Gottes nachlesen.“ Kepler entdeckte die Gesetze, nach denen die Planeten um die Sonne laufen.
Er arbeitete von 1601 an als Hofastronom bei König Rudolf II. von Böhmen in Prag. 1603 beobachtete er dort die Annäherung zweier Planeten. Jupiter rückte mit Saturn im Sternbild der Fische zusammen. Der Astronom erinnerte sich an einen alten jüdischen Bericht, wonach der Messias bei einer Begegnung, einer sogenannten Konjunktion, von Jupiter und Saturn in den Fischen erscheinen werde.
Wer hat sich verrechnet?
Kepler errechnete, dass im Jahre 7 vor Christi Geburt Jupiter dreimal mit Saturn zusammentraf. Ist das nicht auch sieben Jahre zu früh? Keinesfalls: Der Mönch Dionysius Exiguus, der im fünften Jahrhundert den Kalender nach christlicher Zeitrechnung erstellte, hat sich nach heutigem Forschungsstand um ein paar Jahre geirrt; Jesus wurde auf alle Fälle vor dem Jahre 4 geboren, dem Tod des jüdischen Königs Herodes.
Keplers These geriet allerdings in Vergessenheit. Doch im 20. Jahrhundert führte Konradin Ferrari d’Occhieppo, Astronom in Wien, neue Argumente an. Er nahm den biblischen Text wörtlich. Danach kamen die Weisen aus dem Morgenland – populärer: die drei Könige – zu Herodes und fragten nach dem Neugeborenen. „Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland“. Genau müsste es heißen: „Wir haben seinen Stern in der Morgendämmerung aufgehen sehen.“
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Herodes scheint von diesem Stern keine Ahnung zu haben. Es war also wohl kein Komet, auch keine Supernova, sondern möglicherweise die veränderliche Konstellation zweier Planeten.
Mit Computer-Simulationen lassen sich der Anblick des Abendhimmels über Israel und die Bewegungen auch nach 2000 Jahren noch genau rekonstruieren. D’Occhieppo kam zu dem Ergebnis, dass die Weisen um den 12./13. November des Jahres 7 vor Christus herum abends gegen 18 Uhr von Jerusalem nach Süden zogen. „Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis dass er kam und stand oben über, wo das Kindlein war . . .“ (Matthäus 2,7)
Leuchtender Staub
Dazu kam ein Phänomen, das am aufgehellten mitteleuropäischen Himmel kaum sichtbar ist: das Zodiakallicht. Die Sonne beleuchtet nicht nur die Planeten, sondern auch die staubartige Materie dazwischen. Man kann diesen Staub als schwachen Streifen sehen, wenn der Himmel sehr klar und dunkel ist.
Dieses Zodiakallicht hat vielleicht über Bethlehem geschimmert, in Form eines zarten Lichtstreifens, der von Jupiter auszugehen schien.
So könnte es gewesen sein, meinte Konradin Ferrari d’Occhieppo. So muss es nicht gewesen sein, sagen Skeptiker. Natürlich kann heute keiner einen Nachweis führen, ob zu den unbezweifelbaren astronomischen Fakten auch die andere Geschichte passt, von der die Bibel berichtet. Doch der Gedanke ist faszinierend, dass die Bewegungen zweier Planeten einen Widerschein in der Weihnachtsgeschichte gefunden haben.
Lichtverschmutzung raubt den Durchblick
Weder die drei Weisen noch Kepler sahen freilich einen solch milchigen Himmel wie die Menschen heute. Aufgehellt von unzähligen Lichtquellen, Lampen und Lichtglocken über den Ballungsräumen. Das Phänomen der Lichtverschmutzung raubt Himmelsbeobachtern nicht nur den Anblick der lichtschwächeren Sterne, es stört auch den Rhythmus vieler Tiere.
Jupiter indessen ist dank seiner Helligkeit immer noch zu sehen. Ob er wirklich der Stern von Bethlehem war, ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist das reale Staunen der Menschen, dass da etwas ganz Unerhörtes geschehen ist. Gott wird Mensch.
Vom „wahren Licht“ spricht der Evangelist Johannes. Dieses wirkliche Licht gilt es zu erkennen. Um wie Kepler die Gedanken Gottes nachlesen zu können, muss man zuerst aber wohl tief in die Dunkelheit eintauchen.