„Übers Sterben zu reden hat noch niemanden umgebracht“ – so lautet das Motto der Hospizbewegung. Foto: Adobe Stock/Sun

Mit dem Sterben ist jeder mal dran. Wie man sich besser damit auseinandersetzt – auf jeden Fall lieber früher als später.

Gestorben wird meist im Krankenhaus. Abgeschottet von der Außenwelt und klinisch rein. So bleibt der Tod verborgen hinter Klinikmauern und nur sichtbar für die Angehörigen. „Wie alles im Leben kann der Tod besser oder schlechter gelingen“, meint die Palliativärztin Eva Masel. Sie arbeitet in einem Krankenhaus in Wien und weiß: „Ein schöner Tod kann bedeuten, die letzten Tage in einer behüteten Umgebung zu verbringen; von Fachleuten betreut zu werden, die Symptome und emotionalen Schmerz lindern und einen friedlichen Übergang ermöglichen.“

 

Ein solcher Ort, an dem das verbleibende Leben noch intensiv gelebt wird, ist das Hospiz. Obwohl hier das Sterben die Tagesordnung bestimmt. Palliativmedizin geht in einem Hospiz Hand in Hand mit besonderer Fürsorge. Dabei ist die Geschichte der Hospiz-Gesellschaften noch eine junge: In den 70er-Jahren begann die Hospizbewegung in Deutschland, aber erst 1986 eröffnete das erste stationäre Hospiz in Aachen.

Mittlerweile sind es 250 sowie 1500 ambulante Stationen und 340 Palliativstationen in Krankenhäusern. Es ist zudem den Hospiz-Gesellschaften zu verdanken, dass mit der Bewegung auch das Thema „in Würde sterben“ in die Öffentlichkeit gelangt ist. „Übers Sterben zu reden hat noch niemanden umgebracht“ – ist deshalb der Slogan der Koordinierungsstelle für Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland.

Tatsächlich wünscht sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland – über 60 Prozent – eine intensivere Auseinandersetzung mit den Themen Sterben und Tod. Das ist eines der Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung „Sterben in Deutschland – Wissen und Einstellungen zum Sterben“, in Auftrag gegeben vom Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbandes (DHPV). Eine weitere Erkenntnis aus der Befragung: Fast jeden Dritten treibt die Angst um, am Lebensende eine Last zu sein. Sterben als Last für Angehörige oder gar gesellschaftliche Belästigung?

Zeit ist schon bei den Menschen, die noch mitten im Leben stehen, ein hohes Gut. Doch zum Ende eines Lebens stellt sich vielmehr die Frage, wie viel Leben noch in der restlichen Zeit steckt. Jemanden, der nicht mehr viel davon besitzt, seine eigene Zeit zu schenken, ist doppelt kostbar.

Cheyenne Dziurczik war über zwei Jahre als ehrenamtliche „Zeitschenkerin“ bei der Mainzer Hospizgesellschaft Christophorus tätig. Mit dem Begriff konnte die Hospizgesellschaft mittlerweile viele Ehrenamtliche gewinnen, die wie Cheyenne Menschen begleiten, deren Lebensende absehbar ist. „Auslöser waren verschiedene Erfahrungen mit dem Tod in meiner Kindheit und Jugend. Ich habe mich gefragt, was am Lebensende passiert, was sind Gedanken von Menschen, die unheilbar krank sind. Aber auch: Wie kann man am besten vorsorgen, dass alles in meinem eigenen Sinne passiert?“, sagt die 27-Jährige.

„Ich habe gelernt, dankbarer für die Kleinigkeiten des Lebens zu sein“

Über viele Monate hat die Mainzer Studentin einen unheilbar an Krebs erkrankten Mann besucht und ihm Zeit und Trost gespendet. Diese bewegende Geschichte wurde von Regisseur Lars Smekal als Dokumentarkurzfilm eingefangen. Nachdenklich, aber doch mit einer Prise Humor erzählt der Film, mit wie viel Lebendigkeit die junge Frau dem Mann Kraft für den Abschied gibt. „Die Zeit mit den erkrankten Menschen und den Angehörigen erdet mich ein Stück weit, und ich habe gelernt, dankbarer für die Kleinigkeiten des Lebens zu sein.“ Berührungsängste würden sich trotzdem nie ganz abbauen lassen.

Aber genau das versucht Frank Schöberl. Dafür bietet er als Leiter im Heidelberger Hospiz Louise regelmäßig „Letze Hilfe-Kurse“ an. Entwickelt hat das Konzept der Palliativmediziner Georg Bollig nach dem Vorbild des Erste-Hilfe-Kurses. „Viele Menschen lernen die Erste Hilfe, aber wie wir einem Sterbenden helfen können, ist uns fremd. Das uralte Wissen um die Sterbebegleitung gibt es in den westlichen Ländern kaum noch“, findet Schöberl. Dabei geht es um praktische Aspekte, wie Vorsorge treffen mit einer Patientenverfügung oder wie der Ablauf nach dem eingetretenen Tod ist.

Wie kann man noch schöne Momente schaffen?

Aber eben auch um die Frage: Was kann ich für den sterbenden Menschen tun? Wie kann ich noch für schöne Momente sorgen oder am Ende den Sterbeprozess mit der richtigen Pflege erleichtern? „Auf jeden Fall ist dieser Kurs eine Möglichkeit, darüber ins Sprechen zu kommen. Das Interesse ist groß, aber ein Tabu wird es trotzdem immer bleiben“, meint auch der Krankenpfleger. Palliativmedizinerin Eva Masel sagt: „Unsere Sterblichkeit mag tief in uns verschüttet sein, doch wir wissen um sie. Wir leben, wir lieben, wir leiden, wir sind sterblich.“

Den natürlichen Umgang mit etwas so Selbstverständlichem wie dem Tod versucht ein junger Mann aus Fürth zu vermitteln: Luis Bauer ist mit 18 Jahren Bestatter im Familienbetrieb und erzählt seinen mittlerweile 1,2 Millionen TikTok-Followern von den Dingen, die keiner hören will und doch alle wissen wollen. Skurrile Fakten sowie der Blick in ein Berufsbild, das bei manch einem Gänsehaut erzeugt, erwecken Neugier und lösen zugleich Berührungsängste.

„Endlich eine Enttabuisierung“, wünscht sich auch Claudia Bührer. Als Rentnerin ist sie seit sechs Jahren Sterbeamme im Raum Emmendingen: „Mein Traum war es früher Hebamme zu werden, aber ich wurde Krankenschwester und heute bin ich eben eine Sterbeamme.“ Statt den Neugeborenen auf die Erde zu verhelfen, verhilft sie den Menschen die Erde im Guten zu verlassen. Sie hat dafür eine zweijährige Ausbildung bei der Heilpraktikerin Claudia Cardinal absolviert.

Viele Angehörige können nicht loslassen

In ganz Deutschland gibt es bereits rund 400 Sterbeammen, die in Pflegeheimen, Krankenhäusern oder auch bei den Menschen zuhause versuchen, Sterbende und Trauernde gleichermaßen von ihrer Sprachlosigkeit und Ohnmacht zu erlösen.

Bühler weiß viel über Rituale, Brauchtum und Religionen und doch braucht sie vor allem Einfühlungsvermögen. „Viele Angehörige können nicht loslassen und das spürt der Sterbende. Da hilft es ganz oft, dass ich einfach Erleichterung verschaffe, in dem ich sage: Du darfst jetzt gehen. Ich gebe den Menschen das Gefühl, sie werden nun abgeholt in die Anderswelt.“ Wo die Seele des Menschen hingeht, das wissen die Lebenden nicht. Aber das „Gehenkönnen“ hängt auch mit dem inneren Frieden zusammen.

In ihrem Buch „Gut gelaufen. Schöne Abschiede vom Leben“ schreibt Palliativmedizinerin Masel: „Was mir häufig am Lebensende begegnet, ist das Bedürfnis nach einer Lebensbilanz, bei der Menschen das Leben auf verschiedene Aspekte hin betrachten. Die Menschen schätzen ein, wie zufriedenstellend oder erfüllend ihr Leben verlaufen ist. Manche stellen sich zu diesem Zeitpunkt die Frage, wie es am Lebensende möglich ist, ohne Reue zurückzublicken.“

Warum sich aber diese Fragen nicht schon mitten im Leben stellen? Krankenpfleger und Hospiz-Leiter Schöberl empfiehlt eine regelmäßige Zwischenbilanz zu Lebzeiten: „Sich mit der Endlichkeit zu befassen, stärkt enorm die Lebendigkeit.“