Bei Bosch verschärft sich die Auseinandersetzung um Stellenkürzungen. Der Betriebsrat kritisiert, dass das Unternehmen sogar an Zukunftstechnologien spare. Es werde nicht über Strategien verhandelt, sondern nur über deren Umsetzung.
Der Bosch-Betriebsrat wirft dem Management vor, durch die geplanten Einsparungen die Zukunft des Unternehmens zu beeinträchtigen. Das Unternehmen habe erst vor drei Jahren den neuen Softwarebereich namens XC gegründet, um bei Zukunftstechnologien wie Assistenzsystemen, dem Autonomen Fahren und der Entwicklung zentraler Steuergeräte für das Auto besser aufgestellt zu sein, sagte XC-Betriebsrat Stefan Bischoff in Stuttgart. Nun leite das Unternehmen einen groß angelegten Personalabbau ein – in einem Bereich, der die „Speerspitze des Fortschritts“ für das Unternehmen sei.
Mit einem „utopischen Optimismus“ habe Bosch das digitale Geschäftsfeld in einer Weise ausgebaut, die sich als nicht nachhaltig erwiesen habe. Eine eigene Taskforce habe weltweit 2500 Beschäftigte eingestellt; nach nur zwei Jahren komme nun die Rolle rückwärts, und man wolle in Deutschland 40 Prozent der Stellen streichen. Das sei eine „Bankrotterklärung des Managements“, das die Fehlentscheidungen nun auf dem Rücken der Belegschaft korrigiere.
Der Betriebsratsvorsitzende des Standorts Schwäbisch Gmünd, Claudio Bellomo, erklärte, das Unternehmen streiche weitere 1300 Stellen an dem Lenksysteme-Standort, obwohl man dort bereits seit Jahren Sparprogramme fahre, die nun Erfolge zeigten. Er kritisierte zudem, dass ein Teil der Stellen, die am Standort gestrichen werden, im Ausland wieder aufgebaut werden. Transformation dürfe aber „nicht nur ein Synonym für Personalabbau und Verlagerungen sein“. Was bei Bosch störe, sei der Mensch.
„Es fehlt an unternehmerischem Mut“
Frank Sell, Betriebsratschef der Kfz-Sparte namens Mobility, wirft Bosch vor, nicht über die Strategie verhandeln zu wollen. Bosch habe die Gespräche mit den Arbeitnehmern systematisch auf die Ebene der einzelnen Standorte verlagert, wo es dann nur noch um die kleinteilige Umsetzung von Maßnahmen gehe, die die Geschäftsführung bereits beschlossen habe. Trotz der vereinbarten intensiven Kommunikation mit dem Betriebsrat erfahre dieser von geplanten Weichenstellungen vorab nur in Andeutungen und werde dann vor vollendete Tatsachen gestellt. „Uns wird die Pistole auf die Brust gesetzt.“ Es fehle an unternehmerischem Mut und Weitsicht für Produkt- und Investitionszusagen, um reale Zukunftsperspektiven für die Standorte zu schaffen.
Es gelte, „nicht immer nur über Abbau zu reden, sondern auch über Chancen“. Mit ihrem Vorgehen schaffe die Geschäftsführung „eine Perspektivlosigkeit, die kaum mehr zu überbieten ist“. Sell forderte die Geschäftsführung auf, angebotene Gespräche über Themen wie eine Digitalisierungs-, eine Qualifizierungs- und eine Innovationsoffensive an den Standorten zu führen. Man sei bereit, über vieles zu reden – auch über Drei- oder Vier-Tage-Wochen. Notwendig sei allerdings ein „belastbares Zukunftsmodell für die deutschen Standorte“.
Bosch-Kunden verschieben Programme
Der Chef der Softwaresparte namens XC, Stefan Hölzl, verteidigte den Stellenabbau in seinem Bereich. Man habe stark in den Geschäftsbereich investiert, dann aber zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Hersteller – also die Bosch-Kunden – ihre entsprechenden Programme um Jahre verschoben hätten. Der Markt frage bei den Assistenzsystemen bisher fast ausschließlich die Stufe zwei nach, nicht aber die Stufe drei, die einen enorm großen Sprung bedeute. Die Investitionen in diese Technologie lohnen somit nicht, zumal eine schnelle Änderung nicht zu erwarten sei. Die Technologie werde eher von China aus kommen, dem technologischen Leitmarkt. Bosch stehe gleichwohl dazu, dass es sich weiter um ein strategisches Geschäftsfeld handle – und habe im Sommer mit den Arbeitnehmervertretern vereinbart, bis Ende nächsten Jahres 930 Millionen Euro in Deutschland zu investieren.
Lenksysteme: Keine Zukunftstechnologie
Der Chef des Bosch-Geschäftsbereichs Vehicle Motion, Götz Nigge, erklärte zum Standort Schwäbisch Gmünd, bei den Lenksystemen handle es sich nicht um eine Zukunftstechnologie. Es gebe in diesem Bereich einen intensiven Wettbewerb, an dem sich nun verstärkt Niedriglohnländer beteiligten. Bisherige Sparmaßnahmen hätten nicht ausgereicht, die Wettbewerbsfähigkeit herzustellen.
Personalgeschäftsführer Stefan Grosch sagte, die aktuelle Lage sei „außergewöhnlich schwer für die gesamte Automobilbranche“. Der Wettbewerbsdruck habe sich nochmals deutlich erhöht, hinzu komme der Übergang zur Elektromobilität, für die man in der Produktion deutlich weniger Personal benötigte. Auch entwickelten sich erhoffte Zukunftstechnologien langsamer als ursprünglich erwartet.
Der Stellenabbau sei notwendig, um sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten, und solle sozialverträglich gestaltet werden. Wichtig sei der intensive Austausch mit den Arbeitnehmervertretern. „Wir binden sie wo immer möglich ein, und das viel frühzeitiger als bisher.“
Es brauche ein „offenes und vertrauensvolles Miteinander“. Dies sei nicht immer leicht; es sei aber „klar, dass die aktuellen dynamischen Entwicklungen zügiges und entschlossenes Handeln erfordern“. Der Abbau von Stellen treffe zudem nicht nur Deutschland, sondern gelte weitweit.
Das Unternehmen investiere darüber hinaus weiter intensiv in Zukunftstechnologien wie Mikroelektronik und Wasserstoff, aber auch in die E-Mobilität und in das assistierte und automatisierte Fahren. Das gelte auch und gerade für die Standorte in Deutschland, an die rund 40 Prozent der weltweiten Investitionen fließen.