Stationentheater in Albstadt Foto: Weiger/Weiger

Verbandelt und verwoben: die schaffigen Menschen der Alb und ihre surrenden Rundstühle. Sehenswert und lehrreich geht das K3-Stationentheater der Tailfinger Textilgeschichte nach.

Der Faden läuft: Eng verstrickt, verbandelt und verwoben sind Tailfingen und das Textil. Eine echte Lovestory – und eine besondere Kooperation wagt den tiefen Blick in ein Stück urbaner Industriegeschichte. Also bitte: „Koi Mäschle falla lassa!“ Das gemeinsame Projekt von K3 Winterlingen und dem Maschenmuseum hat am Freitag Premiere gefeiert: Ein sehenswertes Stationentheater begleitet die Gäste durch den Tailfinger Stadtkern – eine sensible, fast detektivische Spurensuche. Auch wenn die Fabrikschlote längst gefallen sind und die Bäche nicht mehr die Modefarben der nächsten Saison preisgeben. Und das legendäre „Thalia“ kein Kino mehr ist. Die Zeiten, in denen die fleißigen „Trikot-Frauen“ aus dem Nähsaal heimhasten, um Mann und Kinder zu bekochen, erwachen wieder zum Leben. Genauso die Tailfinger Jahre, in denen in bald jedem Haus die Rundstühle schnurren und Heimarbeit nach Feierabend dazugehört, weil sie das Leben so viel besser macht.

Liebevoll gestaltete Spielszenen

Die „Laufmasche“, also jenes Wesen, das im Strickstück immer aus der Reihe tanzt, führt die Gäste aufmerksam und bestens informiert durch die Stadt. Behutsam integriert: liebevoll gestaltete Spielszenen, die vermeintlich spontan dokumentieren und schlaglichtartig erzählen. Evelin Nolle-Rieder hält beim Spaziergang ihre Gäste eng zusammen: „Kettet schön ab! Kein Mäschle darf aus der Reihe tanzen!“ Es ist eine aufwendig recherchierte Entdeckungstour durch die verschiedenen Epochen und gesellschaftlichen Blickwinkel des textilen Auf- und Niedergangs, Musik, Lieder, Zeitzeugen-Gespräche und Archivmaterial inklusive. Viele Besucher, vornehmlich nicht die ganz jungen, nicken. Ja, so war das damals.

Textile Geschichte mitgeschrieben

Da sind die braven Albbauern, die wegen karger, humusarmer Böden die schlechte Kartoffelernte beklagen und gläubig auf Gottes Hilfe hoffen. Oder die Näherinnen, die sich Brot und Rosen wünschen. Ja, genau, beides! Die Handlungsreisenden indes brechen von der Alb nach England auf, in Erwartung des Geschäfts ihres Lebens. Was alle gemeinsam haben? Das Stück arbeitet es fein heraus: Sie haben gemeinsam die textile Geschichte der Alb mitgeschrieben. Diese Zeiten, darin sind sich die Besucher einig, haben in Tailfingen ungezählte Biografien geprägt. Vor allem jene der Frauen, die während der Kriegsjahre die Maschinen zum Glühen bringen, damit die Männer getrost zurückkehren können. Die Premierengäste sind sich einig: So viele hier sind mit dieser Gesamthistorie verbandelt. Irgendwie.

Maschenmuseum, Wasenstraße, „Neue Mitte“, Peterskirche: Aufmerksam und mit exaktem Blick zeichnet die „Laufmasche“ auf dem Rundgang in der Innenstadt dieses feinversponnene Geflecht nach. Das einst so belebte, durch den „Schlupfhosen-Schöller“ bekannte Tailfingen, könne heute durchaus mit dem einen oder anderen Leerstand aufwarten, bilanziert sie messerscharf. Doch dieser lade auch ein, neue Chancen zu ergreifen und Ideen zu spinnen. Doch schon treten die hippen Influencerinnen aufs Trapez, die mit hohen Stimmen kreischen und in einem fort Pakete aufreißen. Dabei, so resümiert die Architektin sozialkritisch und lebensklug, brauche die moderne Stadt doch viel weniger neue „Fast-Shirts“ als Plätze für die Gemeinschaft und das „hoimelige Gefühl“.

Story ist brillant umgesetzt

Regisseurin Catja Baumann und Ideengeberin Evelin Nolle-Rieder haben die Tour durch die textile Geschichte Tailfingens textlich brillant umgesetzt. Bühnen- und Kostümbildnerin Katharina Müller setzt dem Stationentheater durch den reichen Ausstattungsfundus das dramaturgische Sahnehäubchen auf. Es fehlt an nichts: weder am groben Hemd aus Leinen und der geblümten Kittelschürze, noch an der schimmernden 1980er-Jahre-Fallschirmseide oder dem feinen, taillierten Etuikleid der 1960er. Die Spielfreude des Ensembles, alterstechnisch bunt gemischt, macht Spaß und fesselt vom ersten Augenblick an. Die Musik, für die Christian Zimmermann verantwortlich zeichnet, tut ein Übriges. Was für eine feinsinnige und sehenswerte Hommage an die schaffigen Menschen der Alb und die allgegenwärtige Frage: „MachtModeGesellschaft?“