Die Helios-Klinik in Rottweil steht in der Kritik. Die öffentliche Diskussion mache den Beschäftigten zu schaffen, erklären leitende Mitarbeiterinnen. Foto: Otto

Beschäftigte der Helios-Klinik in Rottweil leiden unter der aktuellen öffentlichen Diskussion, sagen zwei leitende Mitarbeiterinnen, die sich nun zu Wort melden.

Kreis Rottweil - Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Rottweiler Helios-Klinik bewegt die aktuelle Berichterstattung zur Klinik und ihrer Arbeit sehr. Sowohl die Bereichsleiterin der Gesamtchirurgie, Monja Jentsch, als auch Svenja Schatz, Leiterin der Notaufnahme, haben deshalb Schreiben verfasst, die wir an dieser Stelle veröffentlichen.

Alle Kliniken sitzen im selben Boot

Monja Jentsch schreibt: "Der Pflegenotstand ist überhaupt kein neues Phänomen, sondern schon seit einigen Jahren zu spüren – nicht erst seit der Corona Pandemie, nicht nur in der Helios Klinik Rottweil, auch nicht nur in unserem Landkreis, sondern bundesweit. Daher ist es nicht richtig, sich mit großem Gebrüll auf die Mitarbeiter der Helios Klinik zu stürzen, denn im Grunde genommen sitzen alle Kliniken im selben Boot und jede Klinik hat tagtäglich mit den Folgen des Pflegenotstandes zu kämpfen."

Sie appelliert: "Anstatt sich gegenseitig runter zu machen, sollte man zusammenhalten. Wir wissen alle, welche Problematiken dieser Notstand mit sich bringt, das kann und möchte ich auch absolut nicht beschönigen, denn wir alle kämpfen tagtäglich dagegen an. Die Helios Klinik Rottweil ist jederzeit gewillt, neues Personal einzustellen und unserer Mitarbeiterpools mit Pflegekräfte zu füllen!"

Vorwürfe machen Mitarbeitern zu schaffen

Die Lawine, die derzeit aufgrund der Berichterstattung hereinbricht, mache den Mitarbeitern sehr zu schaffen, schreibt Jentsch. Schließlich werde auch gezielt den Pflegekräften vorgeworfen, dass sie ihre Arbeit nicht zufriedenstellend ausführen. Sie betont: "Pauschalanschuldigungen und das Absprechen jeglicher Fähigkeit oder jeglicher Qualität sind nicht zielführend. Die Pflegekräfte leisten täglich sehr gute Arbeit, um dies einmal hervorzuheben."

Durch die Presseberichterstattung müssten viele Gespräche während der Dienste geführt werden. Damit sei keinem geholfen, weder den Mitarbeitern, noch den Angehörigen und auch den Patienten nicht. Die Arbeitsbedingungen könnten nur dann verbessert werden, wenn ausreichend Bewerbungen eingehen, die aufgrund der Negativ-Schlagzeilen ausbleiben oder aber sogar zurückgezogen wurden. Monja Jentsch betont: "Als Bereichsleiterin ist es besonders wichtig, den Mitarbeitern mit Souveränität, Wertschätzung, Rückhalt und Respekt zu begegnen, da nur so das gesamte Team zusammenhalten und auch zusammenbleiben kann."

Alle halten zusammen

Im Bereich der Gesamtchirurgie und OP-Vorbereitung sei besonders hervorzuheben, dass kein Mitarbeiter seine Kollegen im Stich lässt, alle halten zusammen und das sei in diesen Zeiten besonders wichtig. Die Bereitschaft jedes einzelnen, auch kurzfristig einzuspringen sei sehr groß es gebe nach wie vor einen großen Zusammenhalt.

Auch Lob und Dankbarkeit

"Über unsere Beschwerde-Hotline konnten wir uns bereits vielen Fällen annehmen. Positiv überrascht waren wir jedoch auch von den zahlreichen Anrufern, die uns Dankbarkeit und Lob ausgesprochen haben. Auch den Dank und das Lob an die Mitarbeiter weiterzugeben, ist in Zeiten wie diesen wichtig. Wir würden uns freuen, wenn sie auch über die positiven Rückmeldungen berichten."

Kommentare im Netz verletzend

Svenja Schatz, Leiterin der Notaufnahme, geht auf teils verletzende Kommentare auf Facebook ein – und was zum Teil hinter den Geschichten steckt:

"Auch wir haben Social Media. Wir lesen die Beiträge, wir lesen die Kommentare, und wir sehen eure Namen! (...) Wir erinnern uns an die meisten und oft auch an die Geschichte, welche hinter dem Kommentar steckt. Zum Beispiel der Kommentar von ›Gretchen‹, die der Öffentlichkeit mitteilt, dass sie ganze drei (!) Stunden in der ZNA (Zentrale Notaufnahme) gewartet hat, bis sie dran war (mindestens zehn Likes mit dem "Empört-Smiley" und fünf Antworten, dass es allen anderen schon gleich ging). Vielleicht sollte Gretchen euch auch mitteilen, dass sie zwar einen Hausarzt hat, diesen aber nie besucht, da sie annimmt, dass man die Zecke am besten in einer Notaufnahme entfernen sollte. Gretchen kommt öfters, wir kennen Gretchen hier schon. Mal ist es der Finger, der seit Wochen wehtut, mal auch ein hartnäckiger Husten. Manchmal kommt Gretchen während der Rushhour. Manchmal während wir hinten einen anderen Patienten reanimieren oder auch während wir gerade einen Schockraum versorgen, mit aller Manpower, die benötigt wird. Und deshalb müssen alle anderen Patienten, die nicht orange oder rot triagiert sind, also nicht schwer- oder gar lebensbedrohlich erkrankt sind, warten. Wenn Hausärzte keine Kapazitäten mehr haben, weisen diese übrigens auch Patienten ab und schicken diese in die ZNA – wurde darüber schon mal berichtet?

Dringende Fälle gehen vor

Zum Begriff "Triage" erklärt sie: Alle Patienten werden nach Dringlichkeit eingestuft und anhand dieser Einstufung dann auch behandelt. Deshalb können wir mit gutem Gewissen sagen, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn wir ›grüne Patienten‹ warten lassen, wenn wir dafür den orangenen Patienten mit dem Myokardinfarkt erfolgreich versorgen konnten."

Die Kommentare im Netz seien teilweise sehr verletzend. "Auch, wenn jeder schreibt: die Pflege kann nichts dafür! Es ist unsere Arbeit, welche ihr kritisiert. Und glaubt mir, hier „reißt sich jeder, jeden Tag den A**** auf“, um alle Patienten zu versorgen. Wir arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit, an allen Feiertagen und springen regelmäßig an freien Tagen ein, um unseren Versorgungsauftrag zu erfüllen und in diesem Landkreis die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten", so Svenja Schatz.

Bezüglich Kommentaren, die fordern ›Schließt die Klinik‹ würde sie dann auch gerne Lösungsansätze hören. "Was passiert, wenn wir die Klinik hier schließen? Mich würde interessieren, wie manche Menschen reagieren würden, wenn sie im Umkreis von 20 oder 30 Kilometern kein Krankenhaus mehr hätten. Aber daran wäre dann sicher auch Helios schuld!"

Die allgemeine Kritik ist nicht falsch

Sie betont aber auch: "Ich möchte die Berichterstattungen nicht bagatellisieren. Wir sind Menschen, wir machen auch Fehler. Keiner ist perfekt und ich weiß, dass das die Problematik nicht schmälert. Im Gegenteil, es sollte uns zu Denken geben. Die allgemeine Kritik ist nicht falsch! Ja, wir sind stellenweise überlastet. Ja, der Markt ist leergefegt. Wir würden gerne einstellen, aber keiner möchte mehr in diesem Beruf arbeiten. Es ist ein Teufelskreis. Helios hat dieses Problem nicht erschaffen. Die Proteste gehören meiner Meinung nach nach Berlin. Der Notstand wird seit Jahren ignoriert. Den Trägern der Kliniken sind da auch die Hände gebunden, denn sie sind abhängig davon, was die Kassen für EURE Versorgung zu zahlen gewillt sind."

Die Negativ- Meldungen, so Schatz, tragen nicht zu Besserung bei, sondern machen die Wunde nur größer.

Es herrscht Pflegenotstand

Es sehe in keinem anderen Krankenhaus anders aus. "Die Realität ist genau diese. Es herrscht Pflegenotstand. Daran ändern Sie alle nichts, wenn sie uns jetzt durch die Presse ziehen. Alle springen auf den Zug auf. Es ist mittlerweile schon eine Hetze."

Konstruktive Lösungsvorschläge seien herzlich willkommen. "Wir arbeiten gerne einzelne Fälle mit Ihnen persönlich auf, wir sind auf Ihre Kritik angewiesen. Menschen, die hier regelmäßig reinlaufen, uns für die Behandlung danken und dann zuhause fleißig negative Kommentare schreiben, lade ich herzlich ein, uns zu unterstützen. Ich kann Sie gerne mal einen Tag mitnehmen, sie mit den Abläufen in der Klinik, die Sie meinen zu kennen, vertraut machen, und ihnen unseren Alltag zeigen. Man kann übrigens auch ehrenamtlich tätig werden, um die Situationen in Kliniken und Pflegeheimen zu unterstützen."

Mitarbeiter tun Bestmögliches

Abschließend schreibt sie: "Ja, auch wir haben schlechte Tage und sind am Limit, aber mit dieser Negativität ist keinem geholfen. Ich habe mir diesen Job ausgesucht, ich mach ihn mit Herz und Seele, ich bin freiwillig hier. Grüße gehen raus an alle Pflegekräfte der Helios Rottweil, welche trotz den teils widrigen Umständen, den Anschuldigungen und der Überbelastung weiterhin die Fahne hoch halten, den Tag mit einem Lächeln beginnen und ihr Bestmögliches tun, um allen Patienten gerecht zu werden!"