Tenorhornist Wolfgang "Django" Ruggaber (links) und Vorsitzender Adrian Oswald hoffen, dass in das Musikerheim bald wieder Leben einkehrt.Foto: Steinmetz Foto: Schwarzwälder Bote

Vereine: Das Tenorhorn hat bei der Bierlinger Musikkapelle Kult-Status / Register sucht Nachwuchs

Zwei Hornisten haben sich vom Register verabschiedet. Der Altersunterschied ist groß, und es sind nur Männer, die den Ton angeben, wenn das Orchester des Bierlinger Musikvereins im Festzelt mit böhmisch-mährischer Musik für mächtig Stimmung sorgt.

Starzach-Bierlingen. Ein reines Männerregister ist keinesfalls gewollt – im Gegenteil: "Wir suchen immer Frauen", versichert Wolfgang "Django" Ruggaber.

Er gehört schon lange zu dieser munteren Gruppe in der Kapelle. "Tenorhornisten sind lebenslustige Menschen, die gerne Polkas spielen. Dann sind wir im siebten Himmel", sagt er. Das hält, wie er meint, auch jung. Der älteste von ihnen ist über 70. Was die Gruppe sonst noch auszeichnet: Der Probenbesuch des Registers liegt bei fast unglaublichen 99 Prozent. Bei dem Übungsfleiß beherrscht natürlich jeder sein Instrument.

Das Horn klingt weich und melodisch. Neben dem Bariton ist es das Hauptinstrument der böhmisch-mährischen Blasmusik. Die Solos werden auf der Bühne fehlerlos ohne Noten gespielt, und dann hält es die Hornisten auch nicht mehr auf ihren Stühlen. Die Show gehört dazu, die Musiker sind richtige Stimmungsmacher.

Die Bierlinger Kapelle mit derzeit insgesamt 60 Aktiven ist bekannt für ihr hohes musikalisches Niveau. Vorsitzender Adrian Oswald führt dies auf die Ausbildung der Jugendlichen durch professionelle Musiklehrer zurück. So ist das Orchester auch imstande, bei seinem Jahreskonzert am Totensonntag anspruchsvollere Blasmusik zu spielen. Doch im Festzelt liegt der Schwerpunkt auf Unterhaltungsmusik wie Polkas, Schlager- und Rocktiteln.

Inzwischen ist es im Musikerheim gegenüber der Kirche in Bierlingen sehr ruhig geworden. Der Probebetrieb musste wegen der Pandemie ausgesetzt werden. Der letzte Auftritt eines zehnköpfigen Ensembles war im Oktober 2020 bei der Erstkommunionfeier der katholischen Kirchengemeinde in Bierlingen. Als passionierter Blasmusiker wünscht sich Wolfgang Ruggaber nichts sehnlicher, als endlich wieder mit den Proben im Orchester beginnen zu können. Doch das ist in den nächsten Wochen unwahrscheinlich. Dabei müssten Musiker trainieren wie Sportler.

"Das Schlimmste aber ist, uns fehlt die Routine", erklärt Adrian Oswald, "das Zusammenspiel ist komplett weg." In der Pandemiezeit einzeln daheim zu üben, dazu fehle bei vielen die Motivation. Selbst wenn wieder gelockert wird, braucht es eine Weile, um wieder fit für Konzerte zu sein. "Drei Proben reichen nicht aus, um zwei Stunden Festzeltmusik zu machen", weiß Oswald. Zeltveranstaltungen wird es in diesem Jahr vermutlich ohnehin nicht mehr geben. Oswald rechnet allenfalls mit der einen oder anderen "Outdoor"-Veranstaltung.

Was ihm richtig Sorgen macht: 2023 steht ein großes Jubiläum an. Der Musikverein feiert dann sein 100-jähriges Bestehen. Geplant ist, ein Festzelt für 5000 bis 6000 Besucher aufzustellen – im Moment völlig unvorstellbar. "Das ist für das Organisationsteam ein Tanz auf dem Drahtseil", beschreibt der Vorsitzende die momentane Situation. Bei der unsicheren Lage muss ein Programm aufgestellt, müssen Musikgruppen engagiert und Verträge geschlossen werden. Um sich Anregungen zu holen und Kontakte herzustellen, wollte eine Delegation des Vereins nach Österreich fahren. Das geht auch nicht. In Ried im Innkreis fand vor der Pandemie jährlich das "Woodstock der Blasmusik" statt. Ein ähnliches Event ist für das Jubiläum des Musikvereins Bierlingen in der Überlegung.

Finanziell sieht es auch nicht rosig aus. "Unsere Kassierer sind in Alarmbereitschaft", sagt Oswald mit Blick auf die fehlenden Einnahmen. Zwar erhielt der Verein "Corona-Geld" vom Blasmusikverband, "aber das war nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein". Das Musikerheim in der Ortsmitte, mittlerweile 26 Jahre alt, verursacht laufende Kosten. Oswald hofft nicht, dass größere Reparaturen, etwa bei der Heizung, nötig werden. "Das wäre in der Phase ein harter Schlag", fügt er hinzu.

Ein gutes Miteinander und nicht zuletzt eine erfolgreiche Jugendarbeit zeichnen den Bierlinger Musikverein aus. Allerdings sind die Zeiten vorbei, als 100 Jugendliche in der musikalischen Ausbildung waren. Mittlerweile sind es, auch aufgrund der Geburtenrückgänge, rund 30 Nachwuchsmusiker, die meisten von ihnen aus Bierlingen und Felldorf. "Es könnten mehr sein, aber wir jammern nicht", so Oswald. Das Tenorhornregister bräuchte nach den Abgängen am dringendsten Verstärkung. Wolfgang Ruggaber, seit 40 Jahren aktiver Musiker, macht Werbung für die Gruppe: "Tenorhorn ist für uns Kult."

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